Revue

Als die wilden Mädchen von Siegen ihre Direktorin vertrieben

Wolfgang Suttner präsentiert das Plakat zur Revue.

Wolfgang Suttner präsentiert das Plakat zur Revue.

Foto: Florian Adam

Siegen.  Übertrieben autoritäre Direktorin: Wolfang Suttner und Cornelia Sauer entwickeln Revue über Schülerinnenstreik am Siegener Mädchengymnasium 1969.

Eine Podiumsdiskussion wäre anlässlich des 50. Jahrestags das Naheliegende gewesen. „Aber es kann doch nicht sein, schon wieder eine Podiumsdiskussion zu machen, wo alte Leute sitzen und sagen: ,Was war das damals schön’“, sagt Wolfgang Suttner, Kulturreferent a. D. des Kreises Siegen-Wittgenstein.

Statt dessen gibt es zur Erinnerung an den Schülerinnenstreik im Lyzeum von 1969, an dessen Ende die Direktorin gehen musste, nun eine Revue, ein Doku-Drama. „Es wird ein ziemlich wilder Ritt und dadurch unterhaltsam“, sagt Wolfgang Suttner. Zu sehen ist das Ergebnis am Freitag, 25. Oktober, natürlich im Lyz.

Der Streik

Ab dem 21. Oktober 1969 kommen Flugblätter in Umlauf, am 23. Oktober beginnt der Streik. Die Schülerinnen des Mädchengymnasiums in der St.-Johann-Straße werfen Direktorin Ursula Erfurt überzogen autoritäres Verhalten vor, Unterdrückung, völlig unangebrachte Einmischung ins Privatleben der jungen Frauen.

„Die Mädels litten, waren verängstigt, standen unter psychischem Druck“, sagt Wolfgang Suttner, der mit einigen Zeitzeuginnen sprach. „Wer in der Freizeit beim Küssen mit einem Jungen oder beim Rauchen gesehen wurde, konnte sicher sein, am nächsten Tag in allen Fächern drangenommen zu werden.“

Die Direktorin verbot Hosen und zu kurze Röcke, bestellte bei Verstößen, schon bei Kleinigkeiten, Schülerinnen in ihr Büro und machte sie rund. Ein Mädchen wurde von der Schule geekelt, weil sie mit 17 Jahren schwanger war. „Es ging in erster Linie darum, sittsame Mädchen zu erziehen. Und erst in zweiter Linie um Unterricht“, fasst Wolfgang Suttner seinen Eindruck zusammen.

Der Streik der Mädchen, die Tatsache, dass sie öffentlich auf die Missstände aufmerksam machten, führte am 28. Oktober zum Rücktritt der Schulleiterin. Offiziell ging sie den Schritt aus freien Stücken, „aber wir wissen, dass sie gegangen wurde.“

Die Revue: Zeitzeugin Cornelia Sauer schreibt über den Streik

Im Juni 2017 erschien das Buch „Von wilden Mädchen, Paul McCartney und viel Kultur“ zur Geschichte des Kulturhauses Lyz – in dem früher das Lyzeum untergebracht war. Die Journalistin Cornelia Sauer, gebürtige Siegenerin, frühere Lyzeums-Schülerin und heute Wahlmünchnerin ist selbst Zeitzeugin und schrieb den Beitrag über den Streik, der damals bundesweit auf Medienresonanz stieß.

Die Idee für eine größere Veranstaltung zum 50. Jahrestag kam dem ehemaligen Kreis-Kulturreferenten vor einem Jahr. „Ich dachte erst an ein Musical, dann an eine Revue: mit Spielszenen, Einspielern, Dokumenten, Gesprächen.“

Die Entstehung: Der Druck im Schulalltag wird spürbar

Mit Cornelia Sauer erarbeitete Wolfgang Suttner das Konzept, sie schrieb das Script. „Das ist ein Riesenprojekt geworden“, sagt er. Viele Informationen seien erst innerhalb dieser neuerlicher Arbeit wieder ans Licht gekommen, „die Geschichte ist ganz, ganz spannend“. Regie führt Guilia Gendolla. „Es geht uns auch darum, zu emotionalisieren“, erklärt Wolfgang Suttner, der die Moderation übernimmt.

„Es wird nicht nur erzählt.“ Wenn beispielsweise Dr. Christine Tretow in der Rolle der Schulleiterin eine Schülerin wegen irgendeiner Nichtigkeit in scharfem Ton zusammenfaltet, werde der Druck spürbar, der damals herrschte, sei die Atmosphäre, die den Alltag an der Schule bestimmte, nachzuempfinden.

Die Bedeutung: „Wie damals mit Frauen umgegangen wurde“

Schon im Lyz-Buch habe deutlich werden sollen, „welche selbstbefreiende, emanzipative Leistung die Mädchen damals erbracht haben“, betont Wolfgang Suttner. Der Schülerinnenstreik fällt genau in die Zeit des Clashs von strikt-konservativem Nachkriegsmuff und 68er-Bewegung. „Wir wollen auch untersuchen, welche gesellschaftlichen Einflüsse und Stimmungen auf die Mädchen eingewirkt haben.“

In der Presse und der öffentlichen Diskussion sei damals mitunter der Verdacht geäußert worden, die jungen Frauen hätten sich von anderen Gruppen instrumentalisieren oder sogar steuern lassen – festgemacht beispielsweise an der Unterstützung durch den Republikanischen Club, den es damals in Siegen gab.

„Was mich so fasziniert: Wie mit Frauen umgegangen wurde“, sagt Wolfgang Suttner; die Art von Faszination, mit der man Dinge betrachtet, die aus heutiger Sicht völlig absurd erscheinen.

Die Gegenwart: Fünf Jahrzehnte vergangen, trotzdem Dinge im Argen

In seinen Gesprächen mit den ehemaligen Lyzeums-Schülerinnen sei immer wieder deutlich geworden, dass sie stolz darauf seien, dass sie mit dem Streik etwas erreicht haben, sagt Wolfgang Suttner. Es war eben nicht klar, wie die Sache ausgehen würde, einige hätten sogar Angst um ihr Abitur gehabt. Eine Zeitzeugin habe es „eine große Lektion in Sachen Staatsbürgerkunde“ genannt: Was die jungen Menschen aus dieser einen Woche mitgenommen hätten, „das kannst Du im Unterricht in einem Jahr nicht lernen“.

Und der Geist und die Aufbruchstimmung von damals wirken nach. Am Ende der Revue werden drei junge Frauen die Bühne betreten und ihre Dankbarkeit für das äußern, was ihre Vorgängerinnen vor 50 Jahren getan haben. Sie werden aber auch auf Dinge hinweisen, die trotz des langen Kampfes, trotz der fünf Jahrzehnte, die vergangen sind, weiter im Argen liegen. „Warum ist Verhütung immer noch meist Frauensache? Warum werden Mädchen in irgendwelche Schubladen gesteckt, wenn sie bestimmte Klamotten tragen?“, gibt Wolfgang Suttner Beispiele.

Die Zukunft: Aus der Vergangenheit lernen

„Ich finde es wichtig, dass man aus den gesellschaftlichen Ereignissen, die es in Siegen ja gegeben hat, lernen kann. Und auch lernen sollte“, sagt Wolfgang Suttner. Wenn die Revue gelänge „ist sie, glaube ich, etwas ganz Besonderes“. Und darauf deutet derzeit auch alles hin.

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