Gitarrenpop

Snow Patrol stiftet süße Schwermut in Oberhausens Arena

Im Hintergrund stürzt die Stadt ein: Snow Patrol nutzte vor allem die Macht der Bilder, um Songs wie „Take back the City“ auch visuell zu untermalen.

Im Hintergrund stürzt die Stadt ein: Snow Patrol nutzte vor allem die Macht der Bilder, um Songs wie „Take back the City“ auch visuell zu untermalen.

Foto: Frank Oppitz

oberhausen.   Eine Band zwischen den Welten: Nur Snow Patrol reizt so leicht mit Melancholie. Die König-Pilsener-Arena versinkt verzückt in Gaze-Schneeflocken.

„Just say yes!“ — „sag einfach ja“. Zum Leben, zur Freiheit, ja sogar zu Snow Patrol. Verspielter als Gary Lightbody, Sänger und Songwriter seine Texte schreibt, die allesamt etwas Rührendes an sich haben, kann immer noch keine andere Band traurige Lieder groß machen und zu Hymnen prägen.

Denn dafür ist Snow Patrol berühmt: Songs wie „Chasing Cars“ oder „You’re all I Have“; ob nun mitgesummt, aus voller Brust geschmettert oder gemurmelt, wurden Hits auf der ganzen Welt.

Klar ist das bereits ein paar Jahre her: 25 Jahre alt wird auch der Musiker-Mix aus Belfast und Glasgow 2019. Doch am Sonntag war eben Erinnerung angesagt und so kamen rund 10.000 Besucher um Snow Patrol auf ihrer „Wilderness-Tour“ frenetisch zu bejubeln.

Oft schlägt er sich mit geballter Faust auf die Brust

Wirklich wild ist bei Snow Patrol allerdings nichts. Kein Biergelage auf der Bühne, kein Crowdsurfing oder Stagediving. Das mag während der Nuller Jahre zwar anders gewesen sein, damals, auf den großen Festivals wie Rock im Park oder beim Hurricane, aber heute lebt Snow Patrol mehr denn je von Erinnerungen. Weil Gary Lightbody eben einfache, manche Spötter meinen sogar arg einfache Texte schreibt, die jedermann versteht.

Also erinnert Lightbody mit ramponierter Stimme die Oberhausener daran, wie es früher einmal war. Höhen trifft dabei selten und oft schlägt er sich mit geballter Faust auf die Brust, was sein Herzschlag sein soll. Sieht trotzdem so aus, als würde er verzweifelt den Motor neu starten.

Was er da aber besingt, ist universell und unwiderruflich gültig in allen Altersklassen: Die ersten Küsse, die ersten Tänze, die vielen Wege heim zum Freund oder zur ersten Freundin — wer dort keine Wehmut verspürt, hat nicht gelebt.

Mischung aus Gitarrenpop und Alternative

Seinen eigenen Körper hat Gary Lightbody über Jahre hinweg mit Alkohol gequält. Depressionen gingen damit einher und zu allem Überfluss erkrankte sein Vater an Demenz. Das neue Album und die Tour nach sieben Jahren Funkstille nutzte die Band für ein Reset. Zurück zu den Grundfesten eben, den Gefühlen, die sowohl Band als auch Fans bewegen.

Offen geht Lightbody mit den dunklen Kapiteln seines Lebens um. Auf „Wilderness“: sein Kampf gegen die Sucht.In „Heal me“, das sein persönlicher Liebling sei, will er nur geheilt werden, weil er selbst viel zu lange in diesem Feuer getanzt habe.

Für diese Ehrlichkeit, verpackt in eine Mischung aus Gitarrenpop und manchmal fast schon Alternative, danken die Zuschauer direkt. Bei „Shut your Eyes“ („schließ deine Augen“) etwa, legt Lightbody eine Zeile vor und verspricht: „It’s gonna be great. We start from a whisper“ („Es wird großartig. Wir beginnen mit einem Flüstern.“). Immer lauter folgt die Menge dem Sänger und der Band und schraubt die Lautstärke mit jeder Refrain-Wiederholung nach oben.

Origami macht fast schwindlig

Videos auf der kinogroßen Leinwand unterstützen die Show und erinnern an Zeiten, als der Zuschauer noch MTV einschalten musste, um sein Musikvideos zu sehen. Ein weiterer gelungener Effekt ist ein durchsichtiger Gaze-Vorhang, der mit Sternen, Schneeflocken und Origami dreidimensional fast schwindlig macht, aber zuweilen einfach mit ins Reich der Melancholie reißt — so, wie es nur Snow Patrol gelingt.

>>>>>>> Hit-Lieferanten auch für Ed Sheeran

Auch Keyboarder Johnny McDaid ist ein Hitschreiber: Ed Sheerans „Shape of You“, 15 Wochen Nr. 1, stammt von ihm. Der größte Patrol-Hit „Chasing Cars“ hielt sich 166 Wochen ununterbrochen in den UK-Charts. Einmal noch in NRW: Am 3. Juli um 19 Uhr spielt Snow Patrol im Kölner Tanzbrunnen. Tickets gibt’s ab 55 Euro.

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