Fahrt nach Bergen-Belsen

Oberhausener Schüler besuchen den Ort, wo Anne Frank starb

Stufensprecherin Carolin Weiler legt einen Stein aus dem Schulgarten der Gesamtschule Weierheide auf das Grab der Geschwister Frank.

Stufensprecherin Carolin Weiler legt einen Stein aus dem Schulgarten der Gesamtschule Weierheide auf das Grab der Geschwister Frank.

Foto: Gesamtschule Weierheide

Oberhausen.  Schüler der Gesamtschule Weierheide besuchten das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen. Was sie dort gesehen haben, hat sie sehr berührt.

Zum Skifahren in die Berge, eine Exkursion in den Zoo oder nach London: Das sind die Ereignisse, auf die sich Schüler im Schulalltag freuen. Einen Ausflug in einen grausamen Teil der deutschen Geschichte haben Oberstufenschüler der Gesamtschule Weierheide unternommen. Kein einfacher, aber ein notwendiger Besuch.

In der Lüneburger Heide in der Nähe von Celle liegt die Gedenkstätte Bergen-Belsen. Vor über 70 Jahren war hier das gleichnamige Konzentrationslager, in dem die Nationalsozialisten ab 1940 zunächst belgische und französische Kriegsgefangene internierten. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion wurden vor allem Gefangene aus der SU eingeliefert. Die SS nutzte Teile des Lagers auch für jüdische Häftlinge. Als britische Soldaten am 15. April 1945 das Konzentrationslager Bergen-Belsen befreiten, fanden sie eine Szenerie des Schreckens vor: Tausende unbestattete Leichen und Zehntausende todkranke Menschen.

Mit einem der letzten Transporte von Auschwitz nach Bergen-Belsen gebracht

Im kollektiven Gedächtnis ist der Name Bergen-Belsen vor allem mit einem bestimmten Mordopfer der Nationalsozialisten verbunden: In dem Konzentrationslager starb Anne Frank – das deutsch-jüdische Mädchen, das mit ihren Eltern und ihrer Schwester Margot in die Niederlande auswanderte, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen. In ihrem Versteck, einem Hinterhaus in Amsterdam, schrieb sie an ihrem später berühmt gewordenen Tagebuch. Anne und ihre Familie wurden verraten und im August 1944 deportiert, in der Folge kam sie ins Vernichtungslager Auschwitz, um von dort mit einem Gefangenentransport der Nazis nach Bergen-Belsen verbracht zu werden. Dort starb die fünfzehnjährige Anne Frank an den Seuchen im Lager.

Motto „Zukunft braucht Erinnerung“

Der Besuch einer solchen historischen Stätte ist nicht einfach. Unter dem Motto „Zukunft braucht Erinnerung“ haben sich die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe zwölf der Gesamtschule Weierheide der Erfahrung gestellt. Im Folgenden berichtet Schülerin Julia-Klein Allermann stellvertretend für ihre Mitschüler von der Fahrt.

„Zu Anfang möchte ich sagen, dass es nicht leicht fällt, den Besuch der Gedenkstätte Bergen-Belsen in Worte zu fassen, die richtigen zu finden, um zu beschreiben, was dieser ‘Schulausflug’ mit jedem Einzelnen von uns gemacht hat. Bevor wir in Kleingruppen das historische Gelände des ehemaligen Konzentrations- und Kriegsgefangenenlagers erkundeten, sahen wir uns die Ausstellung im neugestalteten Dokumentationszentrum an.

Hier wird die Geschichte der Kriegsgefangenenlager der Lüneburger Heide, des Konzentrationslagers Bergen-Belsen und des Displaced-Persons-Camps erzählt, welche durch die vielen Leihgaben und Zeitzeugeninterviews sehr persönlich wirkt und uns nicht zuletzt deshalb viel ergriffener und bedrückter zurückließ als Texte aus Schulbüchern es vermögen. Diese Mikroperspektive, gewählt, um den Opfern ihre Stimme und ihre Individualität wiederzugeben, zeigt neben Fotoreihen aus Privatsammlungen und Registrierungskarten auch Kleidungsstücke der Häftlinge. Insbesondere eine kleine, bestickte Kinderdecke ergriff uns sehr.

Videos von Leichen

Inmitten des Raumes befindet sich der Film-Tower. Ein fast vollständig abgedunkelter Raum, in welchem Filmmaterial aus der Zeit kurz nach der Befreiung durch die Alliierten abgespielt wird. Fotos, welche die Grausamkeiten der SS dokumentieren, kannten wir alle, doch die Videos von Hunderten von Leichen, per Bulldozer in Massengräber geschoben, die Gliedmaßen verdreht, die Blicke starr, lassen viele den Raum ebenso schnell verlassen, wie sie ihn betreten haben. Diese Sequenzen werden uns noch lange in Gedanken begleiten.

Draußen angekommen, verstreuten sich die Gruppen auf dem riesigen Gelände so schnell, dass man beinahe dachte, man wäre allein hier. Man fühlt sich klein, von der Größe der Anlage erschlagen, die Weitläufigkeit ist bedrückend. Nah an den Wegen liegen die Massengräber, ein Grabstein für Anne und Margot Frank, weiter westlich die Inschriftenwand, die der zahllosen Toten gedenkt, und der in den Himmel ragende Obelisk. Am Grab der Geschwister Frank legten wir zwei Steine aus unserem Schulgarten ab.

Aufklärung bleibt unerlässlich

Ihr Tagebuch lasen wir im siebten Jahrgang. Die Holzbaracken wurden von den Briten abgebrannt, zu hoch war die Seuchengefahr, und auch das Krematorium wurde abgerissen. ‘Alles ist grün und blüht, man kann gar nicht begreifen, dass das mal einer der schrecklichsten Orte überhaupt war’, sagte eine Freundin zu mir. Sie hat Recht, die Waldanlage wirkt an diesem sonnigen Julitag viel zu freundlich.

Zukunft braucht Erinnerung, wir dürfen unsere Vergangenheit nie vergessen, aber gleichzeitig trägt unsere Generation keine Schuld. Nur Verantwortung, welche uns aber erlaubt, weiterzuschreiten oder wie ein Freund es ausdrückt: ‘Was ich auf dieser Anlage heute gesehen oder eben auch nicht mehr gesehen habe, verdeutlicht noch einmal, warum man die Würde eines jeden Menschen zu achten hat und warum Aufklärung unerlässlich bleibt.’“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben