Pubertät und Erziehung

Mütter lernen in der Elternschule Regeln für die Pubertät

Digitale Medien wie das Smartphone sind heute ein ständiger Begleiter von Teenagern – das kann zu Konflikten mit Eltern führen.

Digitale Medien wie das Smartphone sind heute ein ständiger Begleiter von Teenagern – das kann zu Konflikten mit Eltern führen.

Foto: imago stock / imago/Bildgehege

Oberhausen.  Pubertät ist eine Phase bei Kindern, die viele Eltern an ihre Grenzen bringt. Eine Oberhausener Familientherapeutin gibt Tipps fürs Miteinander.

Die Pubertät ist eine Zeit, in der sich die Rollen in der Familie verändern. Die Mütter-Runde im Familienzentrum „Karibu Sana“ will sich in einem Seminar wappnen gegen komisches Verhalten der Sprösslinge. Dagegen, dass sich die gerade noch so Kleinen unweigerlich entfernen und ihr eigenes Ding machen. Das ist zwar der Lauf der Dinge, aber emotional nicht immer einfach zu händeln.

Miriam Dinnus, Familien- und Paartherapeutin, Mitarbeiterin der Ev. Beratungsstelle für Erziehungs-, Partnerschafts- und Lebensberatung und selbst Mutter von drei erwachsenen Kindern, wird an diesem Nachmittag Schneisen in den Dschungel aus Sorgen und kopfschüttelnder Ratlosigkeit schlagen. Letzteres umschreibt eine Mutter mit den Worten „Was ich da zu Hause habe, ist schon heftig.“ Das wird nicht näher beschrieben, aber alle im Stuhlkreis wissen, wovon die Mutter einer Pubertierenden spricht.

Neben den Alltagsproblemen sorgen sich alle darum, die Kinder könnten auf die schiefe Bahn und an die falschen Leute geraten. Loslassen ist sooooo schwierig. „Pubertät ist keine Krankheit, sondern nur eine Phase“, zitiert die Referentin Miriam Dinnus den bekannten Autor und Erziehungsratgeber Jesper Juul.

Wegen Umbau geschlossen

Vieles, was Eltern und Umgebung an Teenagern irritiert, hat tatsächlich körperliche Ursachen, darauf macht Miriam Dinnus aufmerksam. Das wirkt erleichternd, denn wenn mehr oder weniger in allen Jugendlichen die gleichen physiologischen Prozesse ablaufen, dann können Eltern gelassener reagieren und müssen nicht alles persönlich nehmen. Nach dem Motto: Nicht nur mein Sohn, meine Tochter hat sie nicht mehr alle beieinander.

„Wegen Umbau geschlossen“, könnte auch auf der Stirn eines Menschen zwischen zwölf und 17 Jahren stehen, meint die Familientherapeutin. „Das meiste verändert sich im Gehirn“, sagt Dinnus. Nähmen bis zu einem Alter von zwölf, 13 Jahren die „grauen Zellen“ rasant zu und bildeten sich dauernd neue Synapsen, so gingen diese Nervenverbindungen in der Hochzeit der Pubertät wieder verloren, die graue Gehirnmasse baue sich ab. Abends schlecht ins Bett und morgens schlecht raus kämen die Lieben, weil das Schlafhormon Melatonin zwei Stunden später ausgeschüttet werde.

Weniger beruhigend ist dann allerdings der Hinweis, dass sich zwar die abgebauten Nervenbahnen neu bilden, aber später vor allem das als Erwachsener abrufbar ist, „was sie als Jugendliche viel gemacht haben“, sagt Dinnus. Um also im übertragenen Sinn eine Autobahn mit Englisch-Vokabeln oder Sozialkompetenz im jugendlichen Hirn anzulegen, wollen Eltern erziehen – was unweigerlich zu der berühmten dicken Luft zwischen Pubertierendem und Erwachsenen führt. Zumal sich der Bereich, der im Gehirn für so etwas wie Vernunft zuständig ist, zuletzt entwickle, so die Ratgeberin.

Konfliktpotenzial lauert

„Spaß und Glücksgefühl stehen im Vordergrund“ – jetzt und sofort. Da sehen Eltern naturgemäß Müßiggang und Gefahren lauern, jede Menge Konfliktpotenzial jedenfalls. Doch: „Jugendliche machen etwas für sich und nicht gegen ihre Eltern“, wirbt Dinnus für Milde gegenüber dem Nachwuchs, der sich ausprobieren und seinen Standpunkt zu den Dingen (Drogen, Sexualität etc.) finden müsse.

Die Teenager fangen damit an, sich von ihren Eltern zu unterscheiden, Autonomie zu suchen. „Eltern können darauf vertrauen, dass ihre Kinder schmerzvolle Erfahrungen machen werden“, zitiert die Therapeutin wieder Jesper Juul. Starker Tobak fürs Mutterherz, das natürlich genau weiß, das so das Leben spielt und niemand ohne Fußangeln durchs selbige kommt – man selbst ja auch nicht. Aber das eigene Kind würde man schon gerne davor bewahren.

Was finden Sie toll an ihrem Kind?

Wenn der Bengel oder die Prinzessin zwölf Lenze zählt, dann „ist die Erziehung abgeschlossen, die Grundlage gelegt“, erklärt Miriam Dinnus. In der Pubertät gehe es deshalb zwischen Eltern und Teenagern darum, von der Erziehung zur Beziehung zu kommen. Wie das gelingen kann? „Nehmen Sie die Ressourcen des Teenagers wahr, stärken Sie seine Fähigkeiten.“ Eine Übung im Wertschätzen gibt’s auch: „Schreiben Sie auf, was Sie an ihrem Kind toll finden, was es zu etwas Besonderem macht.“ Wenn dann Sorgen und Ärger dräuen, „machen Sie sich bewusst: ‘Das Gute steckt immer noch in meinem Kind wie in einer russischen Matroschka-Puppe’“.

Offene Kommunikation

Außerdem rät die Expertin der Mütterrunde (und spricht natürlich genauso Richtung Väter) zu offener Kommunikation und respektvollem Umgang. „Signalisieren Sie ihrem Kind: ‘Ich habe Interesse an Dir, ich würde dich gerne verstehen, erkläre mir das’.“ Gemeinsam nach Lösungen zu suchen, wäre der beste Weg, um unnötigen Streit zu verhindern.

Hausaufgaben, das unaufgeräumte Zimmer, Dauer-Daddeln am Smartphone oder andere elterliche Aufregerthemen, „fragen Sie den Jugendlichen: ‘Wie ist dein Plan, wann räumst Du auf?’“, schlägt Miriam Dinnus vor.

Eltern sollten den heranreifenden Erwachsenen bei Konflikten die Botschaft vermitteln „Wir trauen Dir zu, dass Du das lösen kannst. Wir trauen Dir zu, dass Du Entscheidungen treffen kannst.“ Und die dürfen sich dann auch als falsch herausstellen. Weil das halt so ist im Leben.

Könnte jemand verletzt werden?

Aber ist das möglich, die Verantwortung dem Nachwuchs zu überlassen? Müssen Eltern nicht einschreiten, wenn etwas droht, schiefzulaufen, will die Runde wissen: „Es ist hilfreich, dabei folgende Fragen zu klären“, sagt Dinnus. „Werden meine Rechte als Mutter/Vater missachtet? Ist unser Teenager nicht fähig, die Verantwortung zu übernehmen? Könnte jemand verletzt werden? Ist das Eigentum von jemandem gefährdet? Wenn das alles nicht zutrifft: Ruhe bewahren, machen lassen, Vertrauen haben.“

Auch wenn die eigentliche Erziehung nicht mehr funktioniere, Konsequenz sei wichtig – und das sei etwas anderes als Strafe. „Seien Sie als Eltern präsent.“ Eltern sollten sich gemeinsam positionieren, das Gespräch miteinander und mit dem Kind suchen und dann aber auch deutlich machen, dass Abmachungen einzuhalten sind.

Bei allen Schwierigkeiten und schrägen Launen des pubertätsgeschüttelten Nachwuchses: „Nehmen Sie es nicht persönlich. Ihr Kind meint nicht Sie!“

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