Kunstinitiative Ruhr

Künstler verweigern den Corona-Kommentar – oder auch nicht

Der gut verschnürte „Verpackungskünstler“: Frank Gebauer hatte den jetzt als Hommage verhüllten Christo (1935 bis 2020) schon 2013 fotografiert, doch dieses Werk noch nie ausgestellt.

Der gut verschnürte „Verpackungskünstler“: Frank Gebauer hatte den jetzt als Hommage verhüllten Christo (1935 bis 2020) schon 2013 fotografiert, doch dieses Werk noch nie ausgestellt.

Foto: Kerstin Bögeholz / FUNKE FotoServices

Oberhausen.  „Als Corona noch kein Thema war“ heißt nach dreimonatiger Zwangspause die neue Ausstellung der Galerie KiR mit 23 Kreativen aus eigenen Reihen.

Die rührigen Galeristen von der Kunstinitiative Ruhr hatten sich in vorbildlichem europäischen Geist soviel vorgenommen: Profilierte Künstlerinnen aus Middlesbrough wollten sie einladen und die taufrische Partnerschaft mit Tychy in Schlesien mit einem ersten Austausch begleiten. „Das ist alles auf 2021 verschoben“, sagt Winfried Baar, der KiR-Vorsitzende. Auch zwei Einzelausstellungen in der Künstlergalerie im Europahaus wurden zu Opfern des Lockdown.

Den KiR-Aktiven stellte sich die Frage: Sollte man überhaupt öffnen – so ganz ohne das Flair von Vernissagen, eines mit Musik und Gesprächen erfüllten vollen Hauses? „Wir spürten aber die Lust, wieder Kunst zu zeigen“, so Winfried Baar. So rückte die sonst herbstliche Jahresausstellung der Kreativen aus den eigenen Reihen in den Sommer – dazu das launige Thema: „Als Corona noch kein Thema war“. Die beiden Worte „kein Thema“ hervorgehoben in schrillem Pink.

Tatsächlich ignorieren manche in ihrer Werkauswahl das Thema des Jahres 2020 komplett – doch viele Werke, ganz gleich aus welchem Entstehungsjahr, lassen sich durchaus als Kommentar zur Pandemie verstehen. So hat die ein erstaunliches, vier Jahre altes Werk wiederentdeckt. Damals benannt „Liebe im Plastozän“ zeigt es ein mit Masken vermummtes Paar, eng umschlungen unter einer transparenten Folie.

Verspätete Pop Art wird zum sinnigen Entree

So gut verpackt ist sonst nur noch der Blickfang inmitten des Galerieraums: Frank Gebauer fotografierte den vor wenigen Tagen 84-jährig in New York verstorbenen Christo 2013, als er im Gasometer mit dem traumweißen „Big Air Package“ entzückte. Ausgestellt war dieses Porträt hinter Paketschnüren allerdings noch nie.

Selbst ein über 20 Jahre altes Werk lässt sich ganz neu sehen: In seiner Vorjahres-Retrospektive wirkte Winfried Baars „Lust auf Rot“ noch wie verspätete Pop Art. Jetzt verdiente dieser Digiprint mit 55 perfekt geschminkten Mündern einen ganz anderen Titel: „Als Küssen noch erlaubt war“ – ein sinniges Entree gleich hinter der Glastür der Galerie.

Ob die stilisierten Landschaften und Interieurs, die Rosemarie Pott in ihren Objektkästen mit Plastikfigürchen bevölkert, auch eine pandemische Konnotation tragen, bleibt offen für den Betrachter, der sich vergnügt in diese mit Feinsinn gestaltete Miniaturwelt versenkt.

Grandios detailreiche Wimmel-Werke

Andere sind beim Sujet weitaus offensiver – und erschaffen doch ebenso delikate Werke. Karl-Heinz Schlüßler wählte als eines von zwei Gemälden den Blick auf eine zertrümmerte Stadt wie nach einem Bombenkrieg oder verheerenden Erdbeben: Ein erschütterndes Motiv, festgehalten in Feinmalerei voller Details und mit der feinen Grisaille-Palette. Das Gegenstück „Hannover“ zeigt eine zwar äußerlich unversehrte, aber menschenleere Großstadt im Blick auf eine nächtliche Autobahn.

„Kein Thema“? Manche KiR-Kreative haben künstlerisch längst ihr Lebensthema gefunden und bleiben sich darin auch 2020 treu: So zeigt Klaus Lohschelder wieder zwei grandios detailreiche Wimmel-Werke von psychedelischer Überfülle. Sein „Amerika“ stellt die von Andy Warhol einst ikonisch verherrlichten Campbell’s Suppendosen neben einen indianischen Totempfahl. Und seine schwarz-weiß gehaltene „Maske“ ist zugleich Gesicht, ein Zitatenschatz für Comic-Kenner und ein besonders ausdrucksvolles Rorschachtest-Bild. Das Spiel mit Assoziationen ist eröffnet.

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