Theater Oberhausen

Horváths Totentanz im Land der Regeln und Besserwisserei

Die Frau Amtsgerichtsrat (Ronja Oppelt, re.) zeigt Verständnis für Elisabeth (Lise Wolle). Doch ihr Mann, der furchtbare Jurist, herrscht sie an: „Kümmere dich um deine eigenen Ungerechtigkeiten.“

Die Frau Amtsgerichtsrat (Ronja Oppelt, re.) zeigt Verständnis für Elisabeth (Lise Wolle). Doch ihr Mann, der furchtbare Jurist, herrscht sie an: „Kümmere dich um deine eigenen Ungerechtigkeiten.“

Foto: Katrin Ribbe / Theater Oberhausen

Oberhausen.  Zum Auftakt der Spielzeit gestaltet Intendant Florian Fiedler „Glaube Liebe Hoffnung“ als eindringliche Warnung vor dem Faschismus.

Der Applaus des Premierenpublikums wird zum Jubel, als Lise Wolle an den Bühnenrand stürmt. Ihr verhaltenes, dann explosives Spiel als Elisabeth in „Glaube Liebe Hoffnung“ hat den stärksten Eindruck hinterlassen. Dabei zeigt das Theater Oberhausen zum Spielzeit-Auftakt ein nuanciert gestaltendes Ensemble. Und die strenge Inszenierung Florian Fiedlers macht deutlich: Dem Intendanten ist es ernst. Er sieht Ödön von Horváths „Kleinen Totentanz“ von 1932 ganz gegenwärtig. Eine eindringliche Warnung für uns Heutige.

Sprache verknappt zum bösartigen Zischen

Der Ansatz ist ein geradezu Beckett’scher: ganz reduziert in Bühnenbild und Text, die Kostüme wie Uniformen. So wie Horváth große Monologe von einer zunächst ausschweifenden Suada zusammenstrich zu knappen, harten Sätzen – so hat Fiedler nochmal nachgeschliffen. Im ersten Bild wird aus dieser aufs ungemütlichste verknappten Sprache ein bösartiges Zischen: Bedrohlich leise zischt Torsten Bauer als Oberpräparator seinen Untergebenen an. Christian Bayer (auch ein begnadeter Leisesprecher, der mit hoher Stimme die Aufmerksamkeit bannt) gehört einer von höchstens zwei, drei zuversichtlichen Sätzen dieses Abends: „Die Welt wird sich wieder öffnen.“

Es sieht nicht danach aus. Elisabeth hatte sich zum Pathologischen Institut aufgemacht, um dort für 150 Mark ihren Körper zu veräußern – zahlbar zu Lebzeiten. Der natternhafte Oberpräparator zischt genervt; sein Untergebener zeigt sich gerührt. Nur ihm bricht in einer Welt verhärteter Krisen-Überlebender auch mal die Stimme, als er sich an „Burschi“ erinnert, seinen Rehpinscher.

Die Bühne ist eine schwarze Leere

Nein, rehhaft gestaltet Lise Wolle die verzweifelte Elisabeth keineswegs: Eher statuarisch versucht sie ihre Würde zu behaupten, während sie nach unten durchgereicht wird. Die Bühne, von Maria-Alice Bahra in ganzer Tiefe geöffnet, ist eine schwarze Leere. Ganz links ein Waschtisch, ganz rechts eine Musikbox, die – frisch gefüttert oder mit Tritten dazu bewegt – die Szenenwechsel intoniert.

So gibt’s einen Walzer der vom Bühnenhimmel schwebenden Dessous-Puppen, denn Elisabeth versucht ja als Vertreterin für Korsetts und BHs zu überleben. Doch ihre Chefin (Anna Polke) macht donnernd deutlich: Das Geschäft mit der zarten Wäsche ist ein beinhartes. Selbst der leidenschaftliche Tanz mit Burak Hoffmann zu Rihannas „Diamonds“ ist kein Ausbruch. Denn kaum sind beide aus der Umarmung im Bühnennebel aufgetaucht, fertigt er Elisabeth in groben Worten ab.

Wir sind wieder soweit, sagt uns diese Inszenierung mit giftigem Schmiss: in einem Land, das die New York Times einst „als eine von Regeln geleitete Kultur“ beschrieb, „definiert durch rigide Prinzipien und Besserwisserei“. Ein Reigen von Filmküssen, so schön montiert wie in „Cinema Paradiso“, gibt Elisabeths letzter Hoffnung (niemand redet hier von „Glaube Liebe“) einen verklärenden Schimmer: Aber der junge Polizist (Clemens Dönicke) spricht auch beiläufig, in Unterwäsche unter einer einsamen Lampe, zu ihr vom Bürgerkrieg und von erschossenen Kollegen. Doch als ihn der Vorgesetzte (wieder Torsten Bauer) über die Verfehlungen seiner Braut aufklärt, gilt wieder: „Zuerst kommt die Pflicht, und dann kommt noch Ewigkeiten nichts.“

Pathos erlaubt sich die Inszenierung erst im Schlussbild

Das Schlussbild schließlich zeigt jenes Pathos, das sich die Inszenierung über anderthalb Stunden versagt hat: Durch prasselnden Regen geht Elisabeth „ins Wasser“, breitet die Arme aus und steht in einer Linie mit dem Kreuz an der Wand der Pathologie. Die anderen Acht des Ensembles blicken ihr entgegen – unbewegt.

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