Industrial Rock

Die Krupps schmieden ein stahlhartes Brett im Kulttempel

Der Coolste im Kulttempel: Krupps-Gitarrist Marcel Zürcher blickt stoisch auf die tobende Menge.

Der Coolste im Kulttempel: Krupps-Gitarrist Marcel Zürcher blickt stoisch auf die tobende Menge.

Foto: Heiko Buschmann

Oberhausen.  Einst zählten sie zu den Vorreitern des Industrial-Sounds. Vier Jahrzehnte später zeigen Die Krupps im Kulttempel, dass sie kein Alteisen sind.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Das berühmte Stahlophon, diese Kreuzung aus Xylophon und Eisenbahnschiene, kommt nur einmal zum Einsatz und den bekanntesten Song lassen sie einfach aus: Zum Auftakt ihrer Tour zum neuen Album „Vision 2020 Vision“ sind Die Krupps am Donnerstagabend im Kulttempel zu Gast, dreieinhalb Jahre nach ihrem gefeierten „Geheimkonzert“ an gleicher Stätte. Vor 450 zumeist schwarz gekleideten und etwas älteren Leuten in Oberhausen schmieden sie ein stahlhartes Brett, doch nach eineinhalb Stunden ultrahartem Sound bleibt ein Makel.

Mit der Hymne „Alive“ stoßen die Stimmen an ihre Grenzen

Auf „Wahre Arbeit – wahrer Lohn“, ihre 38 Jahre junge Debütsingle, mit der die Band aus Düsseldorf sich zumindest in der Indieszene einen Namen machte, warten die Fans vergeblich. Als Jürgen Engler mit zarten 19 Jahren den Punk hinter sich lässt und mit dem heute ebenfalls 59-jährigen Tüftler Ralf Dörper eine neue Formation gründet, werden sie zu Pionieren einer neuen Musik. Wie zehn Jahre zuvor bei den Elektro-Pionieren von Kraftwerk, spielen auch bei Die Krupps herkömmliche Instrumente zunächst nur noch eine untergeordnete Rolle. Mit rohen mechanischen Klängen und einer Ästhetik wie aus dem Stahlwerk beeinflussen sie nicht nur zahlreiche Bands der Electronic Body Music – im Grunde ein böse-dunkler Vorläufer des Techno –, sondern auch bald weitaus erfolgreichere Bands wie Ministry, Nine Inch Nails – und nicht zuletzt Rammstein.

Während die Kollegen aus Berlin allerdings vor 50.000 Zuschauern spielen, müssen sich Die Krupps auf ihre alten Tage immer noch in Clubs abrackern. Mit „Nazis auf Speed“ bringen sie den Kulttempel früh zum kochen. „Schmutzfabrik“, „Der Amboss“ und „Robo Sapien“ sind weitere Highlights eines insgesamt starken Sets, das gut zwischen älteren „Hits“ und den Songs vom neuen Album changiert. Zwischenzeitliche Tonprobleme mit dem Mikro stören Rampensau Jürgen Engler, neben Ralf Dörper das einzig verbliebene Gründungsmitglied der Krupps nicht weiter. Stimmlich kommen er und Gastsängerin Liz van den Akker allerdings bei der New-Wave-Hymne „Alive“ an ihre Grenzen.

Mit stoischer Miene nimmt derweil Gitarrist Marcel Zürcher jene wilden Moshpits zur Kenntnis, die sich vor der Bühne zu „Metal Machine Music“ und „Crossfire“ abspielen. Mit schwarzem Rollkragenpulli und einen schmalen Schnurrbart wie aus Stummfilmzeiten ist der Gitarrist der mit Abstand coolste Mann des Abends und hätte ohne Probleme in Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“ mitspielen können.

Einparken im Londoner Club namens „The Garage“

Ja, und dann, als alle Fans auf „Wahre Arbeit – wahrer Lohn“ warten, verabschieden sich Die Krupps bereits in die Nacht. Ein Londoner Club namens „The Garage“ steht am nächsten Abend auf dem Plan ihrer bis kurz vor Weihnachten andauernden kleinen Europatour, die sie im Vereinigten Königreich auch nach Manchester und Glasgow führt sowie nach Göteborg, Breslau, Prag, Wien und Budapest. Deutsche Wertarbeit ist nach wie vor ein Exportartikel.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben