Partnerstadt

Die Anti-Europäer in Oberhausens Partnerstadt Middlesbrough

Der Stolz der Universität von Middlesbrough: Das neue Hörsaalgebäude „The Curve“, erbaut 2014

Der Stolz der Universität von Middlesbrough: Das neue Hörsaalgebäude „The Curve“, erbaut 2014

Foto: Teesside_University

Oberhausen.  Für einen Brexit-Rekord sorgte Oberhausens Partnerstadt Middlesbrough: mit bis zu 83 Prozent EU-Ablehnung. Die Stimmung bleibt anti-europäisch.

Das Foto vom September 1987 ist Briten bekannt als Margaret Thatchers „Gang durch die Wildnis“: Es zeigt die Premierministerin, wie stets im Schneiderkostüm mit Lackhandtasche, in einer industriellen Ruinenlandschaft. Die „Wildnis“ waren die ehemaligen Heads Wrightson Werke in Middlesbrough.

32 Jahre später illustrierte Londons „Financial Times“ mit diesem Symbolbild konservativer De-Industrialisierungs-Politik einen Stimmungsbericht aus Oberhausens nordenglischer Partnerstadt: Er erschien am 29. März, dem ursprünglichen Brexit-Tag. Reporter William Wallis hatten guten Grund, die 350 Kilometer von London nach North Yorkshire zu reisen – um sich dort drastisch formulierte Vorwürfe über „die aus dem Süden“ anzuhören.

Denn den „Brexiteers“, also den Befürwortern des Austritts aus der EU, hatte Middlesbrough im Juni 2016 einen einsamen Rekord geliefert: Im Vorort Thorntree stimmten 83 Prozent gegen die Europäische Union; im gesamten Stadtgebiet waren’s 65,5 Prozent. Nur jeder dritte Bürger von Middlesbrough war damals dafür, Europäer zu bleiben.

Man fühlt sich im Stich gelassen

Die Gesprächspartner des „FT“-Reporters bestätigen den Eindruck, dass sich daran kaum etwas geändert haben dürfte. In der Labour-Hochburg Middlesbrough fühlt man sich demnach inzwischen selbst von den Sozialdemokraten im Stich gelassen. Labour-Parlamentarier wie Grahame Morris wissen genau, dass ihr Wahlbezirk von der EU nur profitiert hat – und dass Middlesbrough vom Brexit hart getroffen würde. Aber die Basis sieht den Norden als „die vergessene Gegend“.

Dabei war Middlesbroughs rasante Entwicklung bis zur Thatcher-Ära fast die eines „Zwillings“ von Oberhausen: Hier wie dort blühte noch vor 200 Jahren kaum mehr als Heidekraut. Middlesbrough war der Name eines Bauernhofs, der noch 1830 mit Pächtern und Arbeitern ganze 40 Einwohner zählte. Dann kam der Hafen an der Mündung des Flusses Tees in die Nordsee. Quäker-Bankiers finanzierten die „Port Darlington“ genannte Anlage, um Kohle zu verschiffen.

Wachstum kam mit der Stahlindustrie

Das rasante Wachstum Middlesbroughs kam mit der Stahlindustrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als aus dem Tees der „Steel River“ wurde. 90.000 Einwohner zählte um 1900 die späte Stadtgründung – deren erster Bürgermeister, der Industrielle Henry Bolckow, übrigens aus Vorpommern stammte. Ihr Hoch erreichte die Einwohnerzahl mit 165.000 in den 1960ern. Nach Liverpool ist Middlesbrough die englische Stadt mit dem zweitgrößten Anteil aus Irland stammender Bürger.

Warum sie – so ganz anders als die Iren der Republik Eire – keine Supereuropäer, sondern eher Anti-Europäer geworden sind, lässt sich wohl nur mit der Verzweiflung über den Verfall erklären. Für Filmregisseur Ridley Scott, der aus dem Nachbar-County Durham stammt, war das düstere Panorama der rostenden Stahl- und Chemiewerke sogar die Inspiration für die Endzeit-Kulissen seines „Blade Runner“ von 1982.

In den dreieinhalb Jahrzehnten seitdem besiedelten einige Business Parks, Einkaufszentren, ein neues Stadion für den traditionsreichen Middlesbrough FC – und nicht zuletzt die Universität – die urbane Brache. Dass zumindest diese Ansätze eines Aufblühens vielmehr der EU als London zu verdanken sind: das hat sich den enttäuschten Europäern am Tees nicht vermittelt.

Härteste Bretter gebohrt

Eine Institution mit Renommee – und zugleich Jobmaschine – hat Middlesbrough dem etwas größeren Oberhausen voraus: Es ist die heute Teesside University genannte Hochschule mit ihren 20.000 Studenten. Deren Gründungskanzler war der einflussreiche Konservative und spätere EU-Kommissar Leon Brittan.

30 Jahre haben die Politiker der Partnerstadt härteste Bretter gebohrt, damit 1992 aus einem College für Techniker der Schifffahrtsindustrie endlich eine Universität wurde. Der Industrielle Joseph Constantine ermöglichte mit einer Schenkung jenes 1930 inmitten der Weltwirtschaftskrise eröffnete College, das bereits 15-Jährige aufnahm, um sie in Metallurgie, Chemie und weiteren Ingenieurs-Disziplinen auszubilden.

Neue Hochschulen machte erst John Major möglich

Bereits seit den 1960ern hatte man in Westminster für den Ausbau zur Universität antichambriert. Am donnerndsten hatte wieder die „Eiserne Lady“ vor den Plänen aus Middlesbrough die Türen zugeschlagen: In Thatchers Regierungszeit wurde keine einzige neue Hochschule eröffnet. Das machte erst ihr Nachfolger John Major möglich.

Seit nun 25 Jahren ist die Teesside University auf Wachstum gepolt: Das schmucke historische Gebäude des einstigen „Constantine College“ mit seinem Uhrturm ist nur noch Entree und Verwaltungssitz. Der Blickfang des jüngsten Bau-Booms von 2014 nennt sich „The Curve“, ein Hörsaalgebäude nach neuestem Stand der Technik. Ein neuer Campus-Masterplan sieht über zehn Jahre bis 2027 Investitionen von 300 Millionen Pfund vor (nach heutigem Kurs 339 Millionen Euro).

Den einzigen Dämpfer erhielt die aufstrebende Hochschule, als sie sich als „Top-Universität“ bewarb: Tatsächlich rangiert man im guten Mittelfeld des Königreichs.

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