Nachhol-Konzert

Casper und Marteria in Oberhausen: Worte, die Wunden heilen

Marteria (rechts) und Casper auf der Bühne der Arena in Oberhausen.

Marteria (rechts) und Casper auf der Bühne der Arena in Oberhausen.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

„Champion Sound“ für verletzte Fans: Weil ihr Konzert in Essen mit 31 Opfern dramatisch endet, spielt das Rap-Duo zwei Konzerte in der Arena.

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„Oberhausen – wir haben uns Essen zurückgeholt“, sagt Marteria und tippt sich mit der rechten Hand aufs Herz. Im linken Arm hält er Casper, beide schwitzen. Man nimmt ihnen den kurzen Moment der Rührung ab. Die ausverkaufte Arena in Oberhausen jedenfalls bekommt die Arme noch einmal kollektiv zur Decke gestreckt. Adrenalin, Adrenalin, Adrenalin. Und morgen? Muskelkater. So sollen Konzerte von Casper und Marteria bitte immer sein. Doch zur Einordnung muss man zurückspulen.

Bei ihrem gemeinsamen Open-Air-Auftritt am 31. August kommt der dramatische Absturz ohne Alkoholeinfluss zu früh. Mehr als 30 Personen werden verletzt, als eine LED-Leinwand auf den Boden kracht. Das Konzert am Essener Baldeneysee wird abgebrochen: Zwei Fans schweben kurze Zeit in Lebensgefahr. Ohne diese Tragödie stünden Casper und Marteria kaum auf der grellen Bühne der König-Pilsener-Arena. Essener Besucher haben sogar Vorkaufsrecht für die Shows am Samstag und Sonntag. Bis zum Ende des Auftritts fällt über das Unglück kein Wort. Warum?

Rede vom Mitleid oder doch lieber Business as usual?

Fest steht: Für die Rapper ist das Geschehen sicher genauso im Kopf wie für einige Fans. Allein, was sollen Musiker in solch einer Lage tun? Lange Ansprache? Pseudo-Binde á la Bundesliga am Arm? Nee, nee: Casper und Marteria verzichten auf Melancholie-Mätzchen und packen lieber alle Körner in die zwei letzten Shows. Also: Kapuze hoch, Rap, als wenn’s gestern war. Baujahr 1982. Cas und Mar. Dafür sind sie da.

Bierbecher für Bierbecher fliegt deshalb während der anderthalb Stunden im hohen Bogen durch die Luft. Die Jungs mit den Kisten vorm Bauch eilen gern zu Hilfe. Weil’s in Essen dramatisch war, kostet die Karte faire 35 Euro – macht drei Pils mehr als üblich. Chardonnay des Ruhrpotts. Benjamin Griffey alias Casper und Marten Laciny alias Marteria sind zwar seit Jahren der Inbegriff für ernstzunehmenden Deutsch-Rap aus West und Ost – aber nie in der Musiker-Blase abgetaucht. Was die Straße redet, wie sie feiert, singt und abstürzt: Das ist auf ihrem Album „1982“ in Texte gegossen.

Casper, der Schreihals, der unbequeme Student und Marteria, das Fußballtalent und Model: Sie bauen Tracks, wie andere sie gerne hätten; machen in vielen Teilen aber kaum weltbewegende neue Dinge auf ihren Alben. Solo-Songs wie „Endboss“ oder „Im Ascheregen“ reihen sich daher „so perfekt“ in die Setlist des Abends ein, dass es kaum auffällt. Wieso nur hat die Platte nur so lange gebraucht?

Zwei Solokünstler, die live eingespielter als Simon und Garfunkel klingen

Live harmonieren sie in jedem Fall bestens – Casper will Moshpits, Marteria einfach mal wieder so richtig ausrasten. Wer zum letzten Song „2018“ noch kann, der steht. „Uns geht’s sehr, sehr gut, bis hier hin war’s schwer genug“, rappen sie in der vorletzten Zeile. Ein Satz, der vielen Fans, die in Essen dabei waren, wohl tief aus dem Herzen spricht. Gesprochen von echten Champions.

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