Stadtrundfahrt

Bustour: Auf den Spuren von Europas Geld in Oberhausen

Die VHS in Oberhausen veranstaltet in Oberhausen eine Busreise unter dem Motto „Auf den Spuren Europas“. Hier bei der Abfahrt am Bahnhof.

Die VHS in Oberhausen veranstaltet in Oberhausen eine Busreise unter dem Motto „Auf den Spuren Europas“. Hier bei der Abfahrt am Bahnhof.

Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Kurz vor der Europawahl zeigt eine besondere Stadtrundfahrt, wie viel Europa in Oberhausen steckt. Viele Orte wären ohne EU-Gelder kaum denkbar.

Knapp 40 Männer und Frauen stehen an einem Donnerstagnachmittag an der Haltestelle für Touristikbusse hinter dem Hauptbahnhof. Reiseleiter Ingo Dämgen verteilt blaue Stoffbeutel mit der Aufschrift „Meine Stimme für Europa“. Wo es hingeht? Nach Oberhausen. Und irgendwie auch nach Europa. Die Reisegruppe bricht an diesem Tag zu einer vierstündigen Stadtrundfahrt auf, die vor der Europawahl aufzeigen will, wie viel Europäische Union in der Stadt steckt.

Denn einige Orte und Angebote im alltäglichen Leben der Oberhausener würde es ohne Unterstützung der EU in ihrer heutigen Form nicht oder nicht mehr geben.

Die Kritik, dass die Älteren den Jungen ihr Europa kaputtmachen, gilt für die durchaus betagte Reisebusgruppe schon mal nicht: Gelöste Stimmung bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern deutlich jenseits der 50. Sie sind neugierig darauf, „ihr Europa“ vor der Haustür näher kennenzulernen – abseits abstrakter Zahlen über Fördermillionen.

„Die Fahrt war nach drei Tagen ausgebucht“, sagt Matthias Ruschke, Fachbereichsleiter Gesellschaft und Politik der VHS, beeindruckt vom großen Interesse an der Veranstaltung, die unter anderem zusammen mit dem RVR organisiert wurde.

Dass Oberhausen in den letzten Jahren mit knapp 50 Millionen Euro von der Union unterstützt wurde – wir berichteten – ist schon mal zu den Reisenden durchgedrungen. Nun aber mal „was zum Anfassen“.

Tour führt durch Alt-Oberhausen und Neue Mitte

Auf dem Reiseplan stehen Stopps bei der Lichtburg, beim Forschungszentrum Fraunhofer Umsicht sowie beim Bürgerzentrum Alte Heid und zwischendrin eine Rundfahrt durch die Neue Mitte. Die Veranstalter wollen aufzeigen: Von sozialen Projekten über Tourismus bis hin zu Struktur- und Wissenschaftsförderung, hilft die Europäische Union auf vielfältige Weise in durchaus unterschiedlichen Bereichen.

Einen Hauch von kultureller Vielfalt versprüht dann auch der erste Stopp aus dem Bereich „Soziales“ bei der Zib-Bildungsoffensive an der Styrumer Straße. Die Europareisenden werden mit EU-Fähnchen und marokkanischem Minztee von Frauen begrüßt, die zum Teil aus dem arabischen Raum, aus Afrika oder aus Ländern wie Polen, Italien und der Türkei kommen. Koordinatorin Serap Tanis gibt einen Einblick in die Arbeit der Einrichtung und zeigt auf, dass Programme wie „Früh übt sich“ und „Stark im Beruf“ mit Mitteln aus dem europäischen Sozialfonds (ESF) finanziert werden. So bekommen Frauen mit Migrationshintergrund Unterstützung bei der Kindeserziehung oder Hilfe bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen.

Lichtburg profitiert auch von Europa

Zu Fuß geht es weiter zur Lichtburg. Im Foyer des Oberhausener Vorzeigekinos zieht dann auch ein prominent platziertes Plexiglas-Schild unmittelbar die Aufmerksamkeit der Gruppe auf sich. Näheres weiß dann Kinobetreiberin Petra Rockenfeller zu berichten. „Europa stellt sehr viele Gelder bereit, ohne die es viele Kinos in Europa gar nicht mehr gäbe,

auch die Lichtburg in ihrer heutigen Form sicherlich nicht.“ Die EU half insbesondere beim großen Umbau im Jahr 2002, bei dem das Foyer, der große und kleine Kinosaal und auch ein Stück der Elsässer Straße erneuert wurde .Und auch bei der Umstellung des gesamten Kinos auf digitale Filmprojektoren flossen Gelder aus Brüssel, die bei der Finanzierung halfen. Zwei für die Europawahl produzierte Kino-Spots flimmerten dann über die Leinwand. Schnell geschnitten, soll vor allem junge Leute aus Oberhausen an die Wahlurne bringen. Gefällt den Teilnehmern aber.

Zurück im Bus geht’s von Alt-Oberhausen zur eigentlichen Rundfahrt durch die Neue Mitte, vorbei am Technologiezentrum (TZU), Centro, Gasometer und der Marina. Die Neue Mitte gilt dabei als Paradebeispiel für Flächen, die auch mit Mitteln aus dem europäischen Strukturfonds für die regionale Entwicklung (EFRE) erschlossen wurden. „Die Europäische Union hat ihren Beitrag zum Strukturwandel seit der Schließung der Hochöfen und des Stahlwerks der Gutehoffnungshütte in den 1980ern geleistet“, so fasst es Tourenguide Ingo Dämgen zusammen. „Ohne Geld für die Neue Mitte würde heute keine Touristenbusse nach Oberhausen fahren.“ Europäisch sind dann auch die Unternehmen, die sich rund ums Centro angesiedelt haben: von den spanischen Tryp Hotels hin zu den britisch geführten Freizeitattraktivitäten wie Sealife und Legoland.

Wissenschafts- und Kulturförderung

Ein Stopp beim Fraunhofer Vorzeige-Institut Umsicht darf im Anschluss natürlich nicht fehlen. Seit 1992 steckt hier

schon europäisches Geld drin. In den letzten 12 Jahren gab es jährlich eine Millionen Euro direkte Förderung der Union für zahlreiche innovative Forschungsprojekte. Sprecher Joachim Danzig betont beim Besuch aber:

„Es geht letztlich nicht nur um Gelder, sondern auch um Völkerverständigung.“ Wissenschaftler aus vielen EU-Ländern arbeiten intensiv über Jahre gemeinsam an Projekten. Daneben kommen Studenten von überall her, um ein Praktikum oder eine Studienarbeit am Institut zu machen – das Erasmus-Programm macht es möglich.

Zurück Richtung Alt-Oberhausen geht es durchs Knappenviertel. Letzter Halt: Das Bürgerzentrum Alte Heid. Wieder ein dickes blaues Schild mit gelben Sternen im Eingangsbereich. Europa hier drin? Japp. Eine letzte Stärkung mit Erdbeerkuchen und Kaffee, dann steigen die Reisegruppe noch einmal hinunter in den ehemaligen Luftschutzbunker. Ein irgendwie passender aber doch beklemmender Abschluss. Dort wo Menschen sich vor Fliegerbomben im Zweiten Weltkrieg versteckten, dankt man heute dem einzigartigen Friedensprojekt Europa. Es wird noch kopfschüttelnd über den Brexit und eine unmögliche Desinformationspolitik diskutiert, Teilnehmerin Karin Welzel (74) fasst den Tag darauf schließlich trefflich zusammen: „Dass so viel Europa in Oberhausen steckt, hätte ich nicht gedacht.“ Sichere 40 Stimmen für ein vereintes Europa am Sonntag.

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