Gedenkkultur

Ausstellung erinnert an Macher der Untergrund-Zeitung

Glocken am Zilianplatz: Der Eingang zur Sterkrader Innenstadt wurde bereits 1947 nach Maria und August Zilian benannt.

Glocken am Zilianplatz: Der Eingang zur Sterkrader Innenstadt wurde bereits 1947 nach Maria und August Zilian benannt.

Foto: Tom Thöne / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  „Der Friedenskämpfer“ erschien 1942, um Widerstand gegen Hitler zu einen und mit der Parole „Arbeite langsam“ die Kriegsindustrie auszubremsen.

„Ich wundere mich auch“, gesteht Klaus Oberschewen, „wie sie das 1942 hingekriegt haben“. Auch der sonst so findige Rechercheur in Sachen Zeitgeschichte und Widerstand kann nur staunen über die Informationsdichte, Machart und lebensgefährlichen Vertriebswege der Untergrund-Zeitung „Der Friedenskämpfer“. Diesem Kapitel des Widerstandes ist eine kleine Ausstellung mit vier Text- und Bild-Tafeln gewidmet.

Zwei Jahrestage bieten den Anlass für Oberschewen als Autor, David Driever als Gestalter und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) als Besitzerin der erhaltenen „Friedenskämpfer“-Ausgaben, in kompakter Form an diese außerordentlichen Flugschriften – und ihre mutigen Macher – zu erinnern: Es ist zum einen der 80. Jahrestag des Überfalls auf Polen, mit dem das NS-Regime den Zweiten Weltkrieg entfachte. Zum anderen ist es der 75. Todestag des Sterkraders August Zilian, der mit 49 Jahren am 25. August 1944 in Dortmund hingerichtet wurde.

Über den engen Zirkel seiner eigenen Partei hinaus

Der Kommunist und Schlosser bei der Holtener Ruhrchemie war vor der NS-„Machtergreifung“ Stadtrat in Sterkrade, blieb danach in der „Roten Hilfe“ aktiv. Zwei Jahre zählte er zu den inhaftierten „Moorsoldaten“ im Emsland. Wieder in Oberhausen suchte und fand er Kontakt zu Antifaschisten – bewusst über den engen Zirkel seiner eigenen Partei hinaus – auch unter Sozialdemokraten und christlichen Gewerkschaftern. „Sie haben sich vertraut“, sagt Klaus Oberschewen, „auch um nicht mehr ganz isoliert zu sein“.

Kleine Gruppen im westlichen Ruhrgebiet, in Düsseldorf und in den bergischen Industriestädten sammelten Informationen und schrieben die Texte für „Der Friedenskämpfer“, vervielfältigt mit der Handkurbel in einer geheimen „Druckerei“ in Düsseldorf, ähnlich jener, die schon Jahre vorher im Keller des Oberhausener St.-Josef-Hospitals ausgehoben worden war.

„Alle Räder stehen still . . .“

Die bemerkenswerteste Figur dieser Untergrund-Redaktion war sicher der Berliner Bauzeichner Erich Garske: Er schuf die pointierten Titelbilder zwischen Karikatur und Appell. Man sieht einen stürzenden Hitler, in den Hintern getreten von den vielen Stiefeln seiner Kriegsgegner. Man sieht einen Arbeiter am Hebel der Macht, darunter den schon damals traditionsreichen Slogan: „Alle Räder stehen still . . .“ Wie diese Zeichnungen als Druckvorlagen aus der Hauptstadt ins Revier kamen, ist auch für Klaus Oberschewen rätselhaft.

10.000 Zwangsarbeiter in Zechen und Stahlhütten

Bekannt ist, auch dank der Forschungen von Beatrix Herlemann, das doppelte Anliegen der bis zu zwölf Seiten starken Flugschriften: Im Sinne der „Arbeite langsam“-Bewegung wollte man die Rüstungsproduktion ausbremsen, wollte auch die unmenschlichen Bedingungen für die Zwangsarbeiter erträglicher machen. Klaus Oberschewen: „10.000 Zwangsarbeiter schufteten in Oberhausen auf den Hütten und Zechen.“

Und der „Friedenskämpfer“ wollte den Widerstand einen: von der Kirche über die Sozialdemokraten bis zu den Kommunisten. Im März 1942 publizierte die Flugschrift ein „Aktionsprogramm“ in diesem Sinne.

August Zilian wurde Anfang 1943 von der Gestapo verhaftet – und eineinhalb Jahre später wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ hingerichtet. Bereits 1947 benannte die Stadt den Zilianplatz zu Ehren des mutigen Ehepaares von der Leuthenstraße.

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