Gedenkhalle

Ausstellung blickt kritisch auf Jahrzehnte der Gedenkkultur

Der Wandel zum NS-Bildhauer und Schöpfer muskulöser Heldengestalten: Die Ausstellung „Risse im Stein“ zeigt an älteren Beispielen auch die ungleich nuanciertere Prä-NS-Kunst von Willy Meller.

Der Wandel zum NS-Bildhauer und Schöpfer muskulöser Heldengestalten: Die Ausstellung „Risse im Stein“ zeigt an älteren Beispielen auch die ungleich nuanciertere Prä-NS-Kunst von Willy Meller.

Foto: Tamara Ramos / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Die Ausstellung „Risse im Stein“ beleuchtet die NS-Karriere des Bildhauers Willy Meller. Er schuf die Skulptur Die Trauernde vor der Gedenkhalle.

Das größte Exponat dieser so kleinen wie provokanten Ausstellung wäre nur mit einem Kran in die Gedenkhalle zu hieven – aber es steht ja nur wenige Schritte entfernt. Die vier Meter aufragende Steinskulptur „Die Trauernde“ zeigt sich während der nächsten sechs Monate bis in Hüfthöhe umwickelt mit Baustellenband – darauf als Schriftzug der Titel der Schau: „Risse im Stein“.

Clemens Heinrichs geht es nicht um konservatorische Fragen. Der Leiter der Gedenkhalle wickelt vielmehr am Beispiel der Monumentalskulptur von Willy Meller (1887 bis 1974) die bundesdeutsche Gedenkkultur seit ihren Anfängen auf. Für deren Widersprüchlichkeit und jahrzehntelangen Weg vom Verdrängen zur Ehrlichkeit bieten die 18 Tonnen Basaltstein vor dem Schloss Oberhausen einen guten Ansatz.

Ein Günstling des NS-Regimes

Ihr Schöpfer war ein Günstling des NS-Regimes, der nicht nur seine Kunst vom ranken Art Deco zum plumpen „Blut und Boden“-Protz überführte – und dafür mit Aufträgen für das Berliner Oympiastadion und NS-Ordensburgen belohnt wurde. Willy Meller nahm auch „persönliche Verstrickungen“, wie es auf einer Tafel dieser kompakten Ausstellung heißt, gerne in Kauf: Dank seines Status auf der Liste „gottbegnadeter“ Künstler des Dritten Reiches musste er im Weltkrieg keine Einberufung fürchten – und wurde zu seinem 50. mit dem Professorentitel belohnt. Als „Prof. Willi Meller“ führt die städtische Homepage den Bildhauer bis heute auf ihrer Liste mit der Kunst im öffentlichen Raum.

Wie ein hochmögendes Preisgericht um Oberbürgermeisterin Luise Albertz dazu kam, einen derart belasteten Künstler mit der Gedenkskulptur zu beauftragen – dieses Rätsel kann auch die aufwendig recherchierte Ausstellung nicht ganz aufklären. Clemens Heinrichs betont: „Für die Gedenkhalle gab es keine Vorbilder.“ Selbst die Gedenkstätten in Dachau und Bergen-Belsen wurden erst Jahre später eröffnet.

Unbeholfener Umgang mit dem schweren Thema

Vielmehr waren bis in die 1980er Jahre Kriegergedenken samt Reichskriegsflagge und Auftritten der „HIAG“ von Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS höchst fragwürdige „Erinnerungskultur“. Mit Zitaten im Foyer der Gedenkhalle zeigt „Risse im Stein“ wie spät erst die monumentale „Trauernde“ in Frage gestellt wurde – nämlich erst im 21. Jahrhundert.

Auch Auszüge aus einem VHS-Programm belegen den, vorsichtig gesagt, noch unbeholfenen Umgang mit dem schweren Thema Zeitgeschichte: Der junge Direktor der Volkshochschule und später so wirkmächtige Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann (1925 bis 2018) hatte Eugen Kogon eingeladen, den Analytiker des „SS-Staates“ – aber ebenso als „Zeitzeugen“ Paul Schmidt, Hitlers Chefübersetzer.

Gedenkhalle will digital Meinungen sammeln

Nach dem Rundgang sind die Besucher selbst gefragt: An Medienstationen im Foyer stellt Clemens Heinrichs sechs mögliche Gedenkorte in Oberhausen zur Debatte: Wie sollten sie ausgestaltet sein? An wen sollten sie erinnern? Ein halbes Jahr will die Gedenkhalle so digital Meinungen sammeln – ihr Leiter ist auf das Ergebnis hochgespannt: „Vielleicht sagen die Bürger ja, dass alles so bleiben kann.“ Dann wird die „Trauernde“ wieder aus ihrer Signalfolie gewickelt.

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