Möhnekatastrophe

Die Namen der Toten fließen ineinander

Bei der szenischen Lesung von Zeitzeugenberichten flossen hinter dem Arnsberger Frauenensemble die Namen der Opfer ineineinander. Dies symbolisierte das Massensterben.

Bei der szenischen Lesung von Zeitzeugenberichten flossen hinter dem Arnsberger Frauenensemble die Namen der Opfer ineineinander. Dies symbolisierte das Massensterben.

Foto: WP

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Neheim.  „Großbritannien und Deutschland erinnern gemeinsam - aber das heißt nicht, dass wir die gleichen Erinnerungen haben“, sagte der britische Botschafter in Deutschland, Simon McDonald, anlässlich des 70. Jahrestags der Möhnekatastrophe.

Die Rede des Botschafters bei der Gedenkveranstaltung der Stadt Arnsberg hatte eine gewisse Brisanz, denn es waren britische Bomber, die im Zweiten Weltkrieg in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 die Möhne-Sperrmauer zerstörten.

Dem Botschafter gelang es, in versöhnenden Worten an das grauenvolle Kriegsgeschehen zu erinnern. Dabei sprach er die beiden Erinnerungs-Kulturen an: Während in Deutschland am 17. Mai der Opfer der Möhne-Flutwelle gedacht wird, wird in der englischen Grafschaft Lincolnshire, der Heimat des Geschwaders 617, das damals den Angriff flog, an die Piloten bzw. Bordbesatzungen erinnert, die in den Bombern saßen, die von der Deutschen Wehrmacht abgeschossen wurden oder durch Kollision mit Hochspannungsmasten abstürzten. Der britische Botschafter meinte, dass am Gedenktag an alle Opfer, unabhängig von der Nationalität, erinnert werden sollte, auch wenn die spezifischen nationalen Erinnerungen unterschiedlich seien.

Der Botschafter versuchte dann zu erklären, warum die britische Luftwaffe damals die Möhne-Sperrmauer sowie weitere Staudämme angriff. „Für Großbritannien war es damals ein Kampf um Leben und Tod. Großbritannien war das einzige Land, das sich von Anfang bis Ende Nazi-Deutschland entgegengestellt hat. Deshalb hat Großbritannien alle möglichen Ressourcen mobilisiert und alle denkbaren Operationen durchgeführt - auch wenn sie moralisch fragwürdig waren“, erklärte McDonald. Mit der Bombardierung der Stauseen sollte insbesondere die Wasserversorgung für die Stahl- und Rüstungsindustrie im Ruhrgebiet unterbrochen werden.

Nachdem nun 70 Jahre vergangen sind, freute es den Botschafter, dass in den vergangenen Jahrzehnten auch hinsichtlich der Erinnerung ans Kriegsgeschehen eine deutsch-britische Verständigung in vielen persönlichen Kontakten gepflegt werde. Er erwähnte die gegenseitigen Besuche, aus denen eine deutsche-britische Freundschaft entstanden sei.

Rede des Bürgermeisters

Vor der Rede des Botschafters hatte Bürgermeister Vogel zunächst die Gäste im Kaisersaal, darunter viele Zeitzeugen, begrüßt. In seiner Ansprache unterschied Vogel zwischen den britischen Bombern, die auf die Beseitigung der deutschen Diktatur gerichtet waren, und den Bombern der deutschen Luftwaffe, die „die Unterwerfung Großbritanniens und Europas unter eine unmenschliche deutsche Diktatur“ zum Ziel hatten. „Überall traf es die Zivilbevölkerung“, so Vogel, der in der geschichtlichen Betrachtung auf die klare Verteilung von Ursache und Wirkung Wert legte. „Die Zerstörung der Möhne-Sperrmauer ist Widerhall eines möderischen Krieges, den eine teuflische deutsche Dikatatur führte.“ Abschließend zitierte Vogel den Philosophen Charles Taylor, der sich zur Frage äußerte, ob man gewalt je bezwingen könne. Taylor schrieb: „Demokratisch geordnete Gesellschaften neigen weniger zu Gewalt und führen weniger Kriege.“

Die Gedenkveranstaltung im Neheimer Kaiserhaus wurde vom Arnsberger Frauenensemble mitgestaltet. In einer szenischen Lesung rezitierten die Frauen Zeitzeugenberichte. In den persönlichen Schilderungen wurden die dramatischen Ereignisse der Katastrophennacht wieder lebendig. Um die Massen an Toten zu symbolisieren, flossen die Namen der Opfer auf einer Projektionsfläche zusammen. In Neheim starben über 700 russische und ukrainische Zwangsarbeiter, hinzukamen französische und belgische Kriegsgefangene sowie über 140 Bürger aus Neheim.

Umstrittene Kunst-Projektion

Die folgende audiovisuelle Projektion „post skriptum“, mit der die Künstler Eva-Maria Joeressen und Klaus Kessner im Kaiserhaus an die Möhnekatastrophe erinnerten, stieß bei einigen älteren Bürgern im Saal auf Ablehnung. Sie konnten mit dieser Art von Kunst nichts anfangen und verließen vorzeitig den Saal. In der Kunst-Projektion hatten die Künstler aus den Namen der Flutwellenopfer Buchstabenfluten gemacht, die sich oft zu neuen Bildarchitekturen formierten. Dazwischen war z. B. Sirenengesang und das Tropfen von Wasser zu hören. „Die Fremdheit dieser Bilder löst Fragen, Betroffenheit und Ablehnung aus“, meinte der Bürgermeister und behielt Recht.

Ökumenischer Gottesdienst und Kranzniederlegung

Vor der Gedenkveranstaltung im Neheimer Kaiserhaus gab es zunächst einen ökumenischen Gottesdienst in der Neheimer Johanneskirche. Knapp über 100 Bürger fanden sich hierzu im Dom ein. Die Pfarrer Stephan Jung und Dr. Udo Arnoldi gedachten in eindrucksvoller Weise der über 1300 Toten.

Arnoldi schilderte was sich am 17. Mai 1943 ereignete, als beim 5. Bombenangriff eines britischen Luftwaffengeschwaders um 0.49 Uhr die Möhne-Sperrmauer brach. Er las drei Berichte von Zeitzeugen vor. So liefen Menschen mit aneinander geschlagenen Kochtopfdeckeln über die Straßen, um die Bürger vor der Flut zu warnen. Weiterhin schilderten die Zeitzeugen, wie Häuser von der Flutwelle fortgespült und Menschen gesucht wurden. Auch berichteten sie von zahlreichen Leichen im Wasser. Die Johannes kirche wurde zur Totenhalle umfunktioniert. In die Pfarrchronik schrieb Pfarrer Hellmann: „200 Särge wurden aufgestellt. Ob Frau, Mann oder Säugling, sie mussten identifiziert werden. Man schaute bei den Ertrunkenen in verzerrte und verletzte aber auch in friedliche Gesichter. Viele hatten ein Kreuz oder einen Rosenkranz in ihren Händen“.

Pfarrer Jung betonte, dass die Trauerfeier ein Gedenken ist, aber auch ein Tag gegen das Vergessen. Nach dem Gottesdienst gedachte man für etwa eine Minute an der Gedenksteele vor dem Dom der Toten und ging dann zur Kranzniederlegung am Ehrenmal zum Möhnefriedhof. Dort lag schon ein kleiner Kranz aus England und eine Trauerkarte mit folgenden Worten: „In Memory of the German Civilians who Died in the Möhne-Katastrophe am 17. May 1943. The Jim Shortland Group - Lincolnshire, UK Mai 2013.“

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