Konzertkritik

Plädoyer für die Komponistin Clara Schumann in Mülheim

Die Pianistin Ragna Schirmer interpretiert Clara Schumann.

Die Pianistin Ragna Schirmer interpretiert Clara Schumann.

Foto: Helbig, Archiv

Mülheim.  Clara Schumann steht im Fokus des 3. Sinfoniekonzerts in der Stadthalle: Pianistin Ragna Schirmer und das Mendelssohn Kammerorchester Leipzig.

Das dritte Sinfoniekonzert am Dienstag stand ganz im Zeichen einer vor 200 Jahren geborenen Musikerin. Zu Lebzeiten überstrahlte Clara Schumanns Ruhm als Pianistin den einer Komponistin, galt doch damals weitestgehend, was ihr zeitgenössischer Kollege Hans von Bülow so formulierte: „Eine Komponistin wird es niemals geben.“

Die Pianistin Ragna Schirmer hat sich seit ihrer Kindheit mit Clara Schumann auseinandergesetzt. Ihre mit dem hervorragenden Mendelssohn Kammerorchester Leipzig erarbeitete Interpretation des Klavierkonzertes a-moll konnte erhebliche Zweifel an der Richtigkeit der Bülow’schen Behauptung nähren.

Werk eines 13-jährigen Teenagers

Dass im Werk eines Teenagers Einflüsse von Zeitgenossen, hier z.B. Chopins, zu erkennen sind, ist nichts Ungewöhnliches und findet sich bei Mozart genau so. Als 2. Satz ein Duo für Klavier und Cello in ein Klavierkonzert einzufügen, erfordert über den biografischen Anlass hinaus schon einen gewissen Mut und Eigensinn. Die im letzten Satz entfaltete Virtuosität ist für eine 13-Jährige fast unbegreiflich.

Ein vom Orchester als Geburtstagsständchen mit größter Sensibilität ausgehörte Liedbearbeitung zeigte die melodisch-lyrische Begabung Claras. Eins von deren Lieblingswerken, das sie etwa 90 Mal spielte, war Beethovens 4. Klavierkonzert, das Ragna Schirmer nach der Pause gestaltete. Schon der Beginn ist doppeldeutig: Ein durch die rhythmische Struktur eigentlich vorwärts treibendes Thema soll leise und „dolce“ gespielt werden. Die Art, wie Ragna Schirmer zusammen mit dem großartigen Orchester die Spannung dieses inneren Widerspruchs zwischen kammermusikalischer Delikatesse und wuchtigem Auftrumpfen realisierte, erlebt man ganz selten. Betroffen machend der zweite Satz, den manche Kommentatoren mit dem die Furien der Unterwelt besänftigenden Gesang des Orpheus assoziieren.

Eingeleitet wurde das Programm durch Haydns 7. Sinfonie „Le Midi“, die er zum Einstand als Vize-Kapellmeister beim Fürsten Esterhazy geschrieben hatte.

Orchester spielt im Stehen

Wenn er sich wirklich bei den Musikern seines neuen Orchesters beliebt machen wollte, indem er ihnen nach Art eines Concerto Grosso umfangreiche Solopartien zuwies, muss er sie und ihre Fähigkeiten gut gekannt haben. Das Mendelssohn Kammerorchester verdeutlichte den Erfindungsreichtum im vordergründig Konventionellen auf hinreißende Weise, sein Spiel im Stehen ermöglicht zum Teil sichtbar ein viel intensiveres Mitschwingen des ganzen Körpers.

Jubelnder Beifall und eine fast jenseitige „Träumerei“ als Zugabe.

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