Kunstmuseum

Neuer Stipendiat experimentierte schon mit der Malmaschine

Julian Reiser hat in Styrum eine neue Serie begonnen. Auf den Ölbildern ragen immer Arme ins Bild. Der 31-Jährige greift alte Sujets auf und interpretiert diese neu.

Julian Reiser hat in Styrum eine neue Serie begonnen. Auf den Ölbildern ragen immer Arme ins Bild. Der 31-Jährige greift alte Sujets auf und interpretiert diese neu.

Foto: Martin Möller / Funke Foto Services

Julian Reiser arbeitet jetzt ein Jahr als Stipendiat auf Schloss Styrum. Dann geht der Meisterschüler aus Münster nach Paris.

Mülheim. Die Hand, die ins Bild auf der Staffelei ragt, demaskiert die Person, deren Gesichtszüge schmerzverzerrt entgleisen. Was steckt dahinter? Die ins Bild ragenden Arme sind gerade das Thema von Julian Reiser, dem neuen Stipendiaten des Kunstmuseums, der im April auf Schloss Styrum sein Atelier bezogen hat. Wohin das führt, weiß der 31-jährige Meisterschüler von Prof. Klaus Merkel, der im November in Münster sein Examen gemacht hat, noch nicht.

Die ins Bild hereinragenden Hände erinnern ihn selbst an ein Spiel, sind für ihn aber auch ein Merkmal der digitalen Welt. In der Serie entstehen Ölbilder voller spannender Widersprüche. Ein scheuendes Pferd mit einem uniformierten Reiter ist durchaus ein klassisches Sujet, aber die Ausführung ist modern. Das Gesicht des stürzenden Reiters, den die Arme retten wollen, scheint im Moment der Angst zu verlaufen. Insgesamt wirkt die Szene eher grotesk.

Vorbereitende Bleistiftskizzen

An der Wand hängen zwei detaillierte Bleistiftskizzen. Reiser ist niemand, der sich spontan an der Staffelei von seinen Emotionen und Eingebungen mitreißen ließe. Er überlegt lange und konzipiert das Gemälde auf Bleistiftzeichnungen. Das heißt aber nicht, dass er gar keinem Impuls folgen würde. Schatten und Landschaft sind auf den Zeichnungen noch gar nicht ausgeführt. An die Wand gelehnt stehen auf dem Boden noch weitere Arbeiten der Serie, ein Bild in grün, eins in rot und auf einem dritten schieben die Hände Sträucher zur Seite, so dass der Blick auf ein Stück Natur freigegeben ist. Zu sehen sind nur schwarze Konturlinien. „Hier weiß ich noch nicht, ob ich es farblich ausführe.“

Schon als Kind gerne gemalt

Gemalt hat Reiser schon immer viel. Der Wunsch, es professionell zu betreiben, reifte aber erst später. Er hat sogar ein Chemie-Studium begonnen, aber schnell gemerkt, dass das für ihn nicht das Wahre ist. Ein Blick auf seinen Lebenslauf zeigt, dass die Entscheidung nicht so falsch war. So hat er bereits aus den Händen der Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Pönsgen den mit 10.000 Euro dotierten Preis der NRW-Bank erhalten: Außerdem wurde er von der Volksbank Münster ins Förderprogramm aufgenommen und erhielt ein halbjähriges Stipendium in Paris, das er im Anschluss an sein Mülheimer Stipendium antritt. All das trägt er nicht mit Stolz geschwellter Brust vor, sondern relativiert seine Erfolge, was durchaus sympathisch wirkt. „Die Akademie kann halt Kandidaten benennen.“ Aber da muss man sich erst einmal in seiner Klasse und gegen die anderen 13 Klassenbesten durchsetzen.

Male dein schlechtestes Bild noch einmal

Im Moment hat er gemeinsam mit dem Künstlerfreund Malte Frey in der Kienzle Art Foundation in Berlin eine Ausstellung. Es ist ein eher spielerisches Verfahren, das die beiden dort probieren. Sie geben sich gegenseitig Aufträge, die mal knifflig, mal absurd sind. Male dein schlechtestes Bild noch einmal oder male ein Bild, das jeder versteht oder ein Portrait von oben. 120 Fotos sind nach solchen Anordnungen entstanden. Die Arbeiten aus der Malmaschine sind auch in Berlin bis zum 30. August noch zu sehen. Reiser hat eine CNC-Fräsmaschine umgebaut. Ein Pinsel fährt auf der dick mit Farbe bestrichenen Leinwand die programmierten Bahnen der Fräse ab. Das Ergebnis sind dunkelfarbige Reliefs. Teilweise haben die Bilder einen inhaltlichen Bezug und heißen Hunger, Begierde, Urteil Untergang.

Eine Bereicherung für die Künstler

Die Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz sowie Autorenschaft, Originalität und Innovation interessieren ihn. Früher ließen die Künstler in ihren Werkstätten ihre Schüler ihre Ideen umsetzen und signierten die Werke lediglich. Die Parallele zur seelenlosen Apparatur führt den Wandel der Zeit vor Augen. Reiser interessieren gesellschaftliche Umbrüche und zu welchen Reaktionen sie veranlassen. Im frühen 19. Jahrhundert, als die beginnende Industrialisierung verunsicherte, war die Romantik ein Gegenmodell dazu. Anfang des kommendes Jahres, ein genauer Termin steht noch nicht fest, werden Reisers Arbeiten in einer Ausstellung im Museum Temporär präsentiert. Auch das ist, neben dem mietfreien Atelier, Teil des Stipendiums. Das Stipendienprogramm kommt auch bei den Nachbarn gut an. „Junge Kunstabsolventen sind für uns immer bereichernd“, freut sich Ralf Raßloff.

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