Familienforschung

Mülheimer Stadtarchiv hilft auf der Suche nach der Identität

Archivar Jens Roepstorff im Lesesaal des Stadtarchivs: Dort gibt es Mülheimer Stadtgeschichte aus allererster Hand.

Archivar Jens Roepstorff im Lesesaal des Stadtarchivs: Dort gibt es Mülheimer Stadtgeschichte aus allererster Hand.

Foto: Michael Dahlke / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Immer mehr Menschen wollen mehr über ihre Herkunft wissen. Das Mülheimer Stadtarchiv gibt Antworten. Und beherbergt dazu noch besondere Schätze.

Es ist diese eine Frage, die Petra Seidemann-Matschulla schon früh sehr beschäftigt hat. Diese eine Frage, die sie antreibt: „Wo komme ich her?“ Es ist die Frage, deren Antwort weit zurück reicht. In eine Vergangenheit, Geschichte, weit vor unserer Zeit. Mit dem Beantworten dieser Frage kann man sich – so wie auch Petra Seidemann-Matschulla – höchst professionell beschäftigen. Einer, der sich damit auskennt und genau das bestätigt, ist Jens Roepstorff. Und hört man Jens Roepstorff zu, möchte man gleich selbst zum Forscher und Entdecker der eigenen Identität werden.

Mülheimer Haus der Stadtgeschichte ist Anlaufstelle für alle Ahnenforscher

Dazu muss man als Mülheimer noch nicht mal weit reisen: Das Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße ist so gesehen die Anlaufstelle für alle Ahnenforscher dieser Stadt. Denn dort finden sich Namen über Namen, Geschichten, Daten, es geht über Jahrzehnte, nein: Jahrhunderte zurück. Alte Unterlagen des Standesamtes bilden die Grundlage – das Geburts-, das Ehe- und Heiratsregister und auch das Sterberegister, aufbewahrt und sortiert in Magazinräumen. Es ist Besonderes, das genau dort schlummert. Jens Roepstorff geht noch einen Schritt weiter: „Viele Mülheimer wissen gar nicht, welche Schätze eigentlich bei uns ruhen.“

Ein Großteil der Blätter, die Menschenleben bedeuten, gibt es bislang noch gar nicht in digitaler Form. „Wir legen die Sachen tatsächlich noch im Original vor“, weiß Jens Roepstorff, der beim Stadtarchiv den Fachbereich „Archivische Sammlungen“ leitet. Und während er erzählt, greift der 49-Jährige zu einem Buch, sorgfältig eingebunden, so unglaublich viele Jahre alt. Die wirklich allererste Seite des ersten Buches zeugt vom Beginn neuen Lebens – am 1. Oktober 1874. Es ist die Geburtsurkunde von Gerhard Peter Koch. Sie ist etwas Besonderes: Im Jahre 1874 führten die Preußen die Standesämter ein.

Familienforschung ist wie ein Kreuzworträtsel

„Ich habe viel über meine eigene Geschichte erfahren“, berichtet auch Petra Seidemann-Matschulla. Auslöser waren die Berichte ihres Großvaters nach der schlichten Aufforderung „Opa, erzähl doch mal!“ Heute sagt sie über das große Ganze der Familienforschung: „Es ist wie ein Kreuzworträtsel, wie einzelne Puzzle-Teile, die man Stück für Stück zusammensetzt.“

Und es ist noch so viel mehr: Die studierte Juristin sieht vor allem das Zwischenmenschliche als Anlass, zu forschen und zu entdecken. „Man nimmt am Leben des anderen teil, es sind immer auch Schicksale, mit denen man sich beschäftigt.“

Es gibt weltweit ein riesiges Netzwerk der Familienforscher

Sicherlich auch das eigene: Denn im Laufe von Zeit und Forschung entdeckte Petra Seidemann-Matschulla, dass Teile ihrer Familie um 1853 in die Vereinigten Staaten ausgewandert waren. Mittlerweile kann sie sagen: „Die Familie Seidemann, die Familie meines Großvaters, hat circa 8000 Nachfahren in den USA.“ Regelmäßig gibt es riesige Familientreffen auf der anderen Seite der Welt, an denen die Mülheimerin teilnimmt.

Bei aller Forschung: Im Hintergrund befindet sich ein riesiges Netzwerk an Familienforschern, die über die ganze Welt verteilt leben. Petra Seidemann-Matschulla berichtet von der Entwicklung in den vergangenen Jahren: „Es gibt mehr Menschen, die Familienforschung betreiben, auch immer mehr junge Menschen.“ Jens Roepstorff teilt den Eindruck: „Die Familienforscher sind tatsächlich untereinander unglaublich vernetzt.“ Nicht zuletzt den neuen technischen Zeiten sei Dank.

Es gibt in Mülheim viele interessante Familiengeschichten

Die Geschichte, das ist es auch, was Jens Roepstorff an seiner Arbeit so fasziniert. „Es ist schon eine Voraussetzung für die Arbeit als Stadtarchivar, dass man großes Interesse an angewandter Geschichte hat.“ Es werde nie langweilig, findet der Angermunder auch. Nicht zuletzt dadurch, dass sich die Arbeit im Laufe der Jahre verändert habe. Und: „Schön sind auch die persönlichen Kontakte, ohne die würde es dann schon etwas langweiliger werden.“ Und noch etwas reizt ihn ungemein: „Es gibt in dieser Stadt sehr interessante Familiengeschichten. Mülheim hat da Besonderes zu bieten“, und spielt damit etwa auf die Stinnes- oder Thyssen-Dynastie an.

Roepstorffs Arbeit beschränkt sich demnach nicht nur auf das pure Recherchieren in alten Unterlagen, es ist auch die Beratung und Unterstützung von all den Interessierten, die den Lesesaal des Stadtarchivs ansteuern, um der Geschichte auf den Grund zu gehen. „Der Lesesaal ist mein Kontakt zur Außenwelt“, sagt Roepstorff und schmunzelt. Dort trifft er auf Stammnutzer wie Petra Seidemann-Matschulla, aber auch auf Menschen, die zum ersten Mal die Möglichkeiten des Stadtarchivs nutzen und dadurch einen „sehr intensiven Beratungsbedarf haben“.

Vor allem Amerikaner haben ein großes Interesse an ihren Wurzeln

Es komme auch durchaus schon mal vor, und das sehr regelmäßig, dass dieser Kontakt weit über die Landesgrenzen hinausgeht. Es seien vor allem die Amerikaner, die ein großes Interesse an ihrer Herkunft haben, so Roepstorff. „Sie wollen ihre Wurzeln ergründen, für sie ist die Suche nach der eigenen Identität sehr sehr wichtig.“

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