Corona-Rettungsschirm

Mülheim: Physiotherapeuten dringen auf Soforthilfen

Physiotherapeut Martin Adler behandelt auch weiterhin Patienten, die Schmerzen haben. Sie sollten aber ein Rezept haben.

Physiotherapeut Martin Adler behandelt auch weiterhin Patienten, die Schmerzen haben. Sie sollten aber ein Rezept haben.

Foto: Adler

Mülheim / Ruhr  Die Mülheimer Physiotherapeuten schlagen Alarm, ihre Praxen bleiben vielfach leer, Sie fordern Unterstützung von den Gesetzlichen Krankenkassen.

Martin Adler hat eine Praxis für Physiotherapie in Speldorf. Mittlerweile ist für ihn oft schon am späten Vormittag Feierabend. Weit über 60 Prozent der Patienten sagen ab - aus Angst vor dem Corona-Virus. "Wir behandeln viele Leute, die zu den Risikogruppen gehören. Die kommen nun nicht mehr", sagt er.

Über 60 Prozent der Patienten bleiben fern

Die Physiotherapeuten arbeiten weiter, haben den gesetzlichen Auftrag dazu, sind systemrelevant. "Menschen, die Schmerzen und eine Heilmittelverordnung haben, werden selbstverständlich behandelt", erklärt Adler. Termine für Selbstzahler fallen dagegen aus. Auch zum Eigenschutz der Therapeuten, die ja sehr eng am Menschen arbeiten. Martin Adler hat zwar noch genug Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken, in anderen Mülheimer Praxen werden sie langsam rar. Wer die Infektionsschutznahmen aber nicht einhalten kann, der muss dichtmachen.

Coronakrise in NRW macht weitere Maßnahmen nötig - Überblick
Coronakrise in NRW macht weitere Maßnahmen nötig - Überblick

Die Terminausfälle werden zu großen Umsatzeinbußen führen, das sei absehbar. "Keine Aufträge kein Geld", sagt Christopher Schulz, ebenfalls Physiotherapeut in Mülheim. Ob, wann und wie die Physiotherapeuten Entschädigung bekommen, das sei die große Frage. Der aktuell angekündigte Rettungsschirm schließe sie nicht ein.

Physiotherapeuten zu wenig gewürdigt

Der Berufsverband Physio Deutschland hat seine Mitglieder darüber informiert, sie melden sich deshalb öffentlich zu Wort. "Es wäre ungerecht, wenn wir keine Hilfen bekämen. Wir sind da, unterstützen die Leute weiter, aber unsere Praxen sind bald nicht mehr ohne Unterstützung tragbar", erklärt Martin Adler. Im Vergleich zu anderen medizinischen Berufen würde die Arbeit der Physiotherapeuten von jeher wenig gewürdigt - was sich zum Beispiel auch in der geringen Vergütung widerspiegele.

"Ich sehe das große Minus in unseren Terminplänen täglich. Alle Kosten und Gehälter laufen weiter. Wir behandeln auf ärztliche Anweisung hin Kranke, sind sogar dazu verpflichtet. Wir könnten es nicht verstehen, falls wir als Berufsgruppe bei finanziellen Rettungsmaßnahmen übersehen würden", erklärt auch Simonne Zähres, ebenfalls Physiotherapeutin in Mülheim.

Auch Ergotherapeuten, Logopäden und Podolgen betroffen

Die Physiotherapeuten gehören zu den Heilmittelerbringern - wie auch die Ergotherapeuten, Logopäden oder Podologen. "Die selbstständigen Praxisinhaber und deren Angestellte bringt die Corona-Krise immer näher an den Rand des wirtschaftlichen Ruins. Sollten die Praxen aus finanziellen Gründen schließen müssen, wird dies auf Dauer massive Versorgungsprobleme bringen, was am Ende allen Patienten schadet, weil es Heilungsprozesse verzögert oder unmöglich macht", heißt es seitens des Berufsverbandes.

Weiter erklärt man: "Die Heilmittelbereiche leiden seit Jahren unter sehr geringen Vergütungssätzen. Und bei den derzeitigen Umsatzrückgängen um 60 bis 90 Prozent sind die finanziellen Rücklagen schnell aufgebraucht." Sei eine Praxis erst einmal zu, werde sie nicht mehr aufgemacht, so die Erfahrung von Jürgen Querbach, Geschäftsführer beim Landesverband.

Soforthilfen von Gesetzlichen Krankenversicherung gefordert

Die Physiotherapeuten gehörten ausdrücklich zum Kern der Gesundheitsversorgung wie Krankenhäuser, Ärzte und Apotheker auch. Sie dürften – und müssten – weiterhin Patienten behandeln. Der Verband, so Querbach, fordere deshalb finanzielle Soforthilfen von der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in Form von Ausgleichszahlungen:

"Wenn wir keine Leistung erbringen können, entstehen den Krankenkassen keine Kosten, denn die Kosten für Heilmittelerbringer sind im Haushaltsplan der Krankenkassen bereits eingeplant. Es bringt sie also nicht in finanzielle Schwierigkeiten, eine Soforthilfe auszuzahlen", sagt Querbach. Den Physiotherapeuten könne es die Existenz retten.

INFO:

- Der Spitzenverband der GVK müsste die Entscheidung für die Soforthilfe treffen, er hat sich bisher nicht zu dem Vorschlag des Verbandes geäußert, man hake aber täglich nach, so Jürgen Querbach.

- Die Sofortzahlungen könnten nach Ende der Krise (im Laufe der Folgemonate) ja dann wieder verrechnet werden, so der Verband.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben