Klavier-Festival Ruhr

Klavier-Virtuose reißt Mülheimer Zuschauer von den Sitzen

Der US-Amerikaner Jeremy Denk zeigte beim Klavier-Festival Ruhr in der Mülheimer Stadthalle sein Programm „Variationen“.

Der US-Amerikaner Jeremy Denk zeigte beim Klavier-Festival Ruhr in der Mülheimer Stadthalle sein Programm „Variationen“.

Foto: Veranstalter

Mülheim.  Der US-Amerikaner Jeremy Denk spielte beim Klavier-Festival Ruhr in der Mülheimer Stadthalle. Sein Programm „Variationen“ war eine Offenbarung.

Es war das zweite von insgesamt vier Konzerten im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr in der Mülheimer Stadthalle – und es war eine Offenbarung: Der US-amerikanische Pianist Jeremy Denk, seit seinem hiesigen Debut im Jahr 2017 längst kein „Geheimtipp“ mehr, bot am Dienstagabend ein Programm unter dem Motto „Variationen“.

Das hätte zu einer gewissen Eingleisigkeit führen können, hätte sich Jeremy Denk nicht als ein Gestalter von selten anzutreffender Intensität und Präsenz erwiesen. So konnte schon der beredte Witz von Beethovens „Rule Britannia“ schmunzeln machen, der Substanz von John Adams´ „I still play“ wurde mit differenziertester Klangkunst nachgegangen.

Seelische Ausgangslage ist eine persönliche Lebenskrise

Felix Mendelssohn-Bartholdy bezeichnet seine „Variations sérieuses“ in einem Brief als „verdrießlich“, und tatsächlich bieten sie Schroffheiten, die man sonst bei diesem eher liebenswürdig-eingängigen Komponisten nicht gewohnt ist.

In Beethovens „Eroica“-Variationen entsteht eine in ihrer Vielfalt harmonisch geordnete Welt (Fuge) aus natürlichen Gegebenheiten (einfacher Kadenzbass) auf der Basis eines Tanzes aus seinem „Prometheus“, was schon Assoziationen zur hinduistischen Mythologie evozieren kann. Seelische Ausgangslage für Robert Schumanns „phantastisch und leidenschaftlich“ vorzutragende C-Dur-Fantasie ist eine persönliche Lebenskrise.

Jeremy Denk macht aus jedem Werk einen Kosmos hintergründiger Bedeutungen

Alle drei Werke erfordern neben äußerster Sensibilität eine Virtuosität an der Grenze des Machbaren, die aber nie als donnernde Pianistik daherkommt, sondern als Ausdruck der geistigen Substanz in einer Farbigkeit, für die der Orchesterklang Pate steht. Der New Yorker Denk macht aus jedem Werk einen Kosmos hintergründiger Bedeutungen, die in seinem Spiel offenbar werden.

Als Zugaben einen singenden Mozart aus der „Sonate facile“ und einen heftig verjazzten Pilgerchor aus „Tannhäuser“, der die Zuhörer von den Sitzen riß. Sowas kann er also auch noch!

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