Impulse-Festival

Impulse-Festival lotet Strategien gegen Rechtsruck aus

Eine Bilderserie mit Mitgliedern der Gruppe Dorisdean, die T-Shrits mit wechselnden Sprüchen tragen, thematisiert im Programmheft die Freiheit der Kunst.

Eine Bilderserie mit Mitgliedern der Gruppe Dorisdean, die T-Shrits mit wechselnden Sprüchen tragen, thematisiert im Programmheft die Freiheit der Kunst.

Foto: Robin Junicke

Die Impulse sind das Besten-Festival der freien Szene. In Mülheim wird in der Akademie über die Verteidigung der Kunstfreiheit nachgedacht.

Auf das Stücke-Festival folgen wieder die Impulse, die Besten-Schau der freien Szene. Das ist nun seit 29 Jahren so. Inzwischen profitieren die freien Produktionen zwar von einer stärkeren Förderung, deren Akteure arbeiten aber auch weiterhin oft in prekären Situationen und sind von Förderanträgen abhängig. Die freie Szene muss weiterhin um eine größere Anerkennung und Angleichung mit den etablierten Stadttheatern ringen, wie Haiko Pfost zur Lage der Theater sagt. Aber Freiheit und Unabhängigkeit ist den Theatermachern wichtig. Und darum geht es bei dem Festival auch.

Die drei Schwerpunkte des Festivals (13. bis 22. Juni) wechseln unter seiner künstlerischen Leitung zwischen den Städten. Ein Shuttle verbindet die drei Festivalorte. Der Showcase mit den elf interessantesten Theaterproduktionen der freien Szene, die von einem Beirat und Theaterscouts ausgewählt wurden, ist in diesem Jahr am FFT in Düsseldorf zu sehen. In Köln bindet ein Stadtspiel die Bevölkerung ein und in Mülheim lotet die Akademie mit zahlreichen, auch internationalen Referenten aktuelle Probleme und Herausforderung der Szene aus.

Kunst unter Druck

Die in zwei thematischen Blöcken gegliederten Themen, die an den Wochenenden im Ringlokschuppen einem straffen Zeitplan folgen, wenden sich eher an ein interessiertes Fachpublikum. „Es ist der zentrale Ort für die Selbstverständigung des Freien Theaters“, sagt der 46-jährige Dramaturg. „Kunst unter Druck“ lautet das Thema der ersten Akademie, das die Teilnehmer vier Tage lang vom 14. bis 17. Juni beschäftigt. Es geht dabei primär um den Rechtsruck in der Gesellschaft. Am Ende steht der Versuch, gemeinsam ein Manifest für die Kunstfreiheit zu formulieren.

Es geht aber auch um die Frage, was auf der Bühne zeigbar ist. Wie weit darf man um der Kunst willen gehen? Dabei stellen die Theaterleute ihre eigene Praxis aus feministischer, antirassistischer und dekolonialer Perspektive auf den Prüfstand. Wird das Theater seinem Selbstverständnis als diversifizierter Ort gerecht?

„Die Kultur ist zum kulturellen Schlachtfeld geworden: von Störaktionen rechtsextremer Gruppen und Forderungen, die Budgets kritischer Kunstinstitutionen zu beschränken bis hin zur Abschaffung des Kulturministeriums in Brasilien und Repressionen auch in europäischen Ländern“, heißt es im Programmheft.

Europawahlen zeigten die Brisanz

Die Europawahlen und das Abschneiden der AfD in den ostdeutschen Ländern, in denen in diesem Herbst gewählt wird, machen die Brisanz deutlich. In Brandenburg und Sachsen wurde die AfD stärkste, in Thüringen zweistärkste Kraft. Für Pfost ist es beunruhigend. „Andere Parteien haben sich vielleicht gewünscht, Einfluss auf die Inhalte von Kunst zu nehmen. Offen gesagt, hat es bislang aber noch keine außer der AfD“, sagt er und verweist auf Artikel 5 des Grundgesetzes, der die Freiheit der Kunst garantiert. Es wäre demnach ein Angriff auf das gerade gefeierte Grundgesetz.

Aber wie geht man damit um, wenn Identitäre eine Aufführung stören oder ein Theater besetzen?„Ich war ganz lange ein Anhänger der Entzauberungsstrategie“, gibt er zu. Er habe sich dann selbst ratlos gefühlt, wie man mit Angriffen umgeht, ohne den Rechten eine Plattform zu bieten, und gelesen.

Er habe es für möglich gehalten, die Ideologie der Rechten zu entlarven. Das ist auch der Grund dafür, dass die Mitglieder der AfD so häufig in Talk-Shows auftreten. Die Ideologie können sie direkt verbreiten und sich als Opfer inszenieren. Wer sich empört, sorgt für Aufmerksamkeit. „Die Erregungsspirale dürfen wir nicht bedienen“, warnt Pfost. Für die Medien sei das aber interessant, weil die Empörung für Quote und Klicks und damit für Geld sorge. Wann redet man mit Recht, wann schlägt man Alarm, wann ist es besser, zu schweigen? Lässt sich mit künstlerischen Mitteln ein wirksamer Dialog über Politik anstoßen? Welche Rolle spielt die Lust an der Angst, dem Spiel mit dem Feuer?

Zirkeltraining gegen Angst

Beim Nachdenken über diese Strategien, die in der Akademie breit diskutiert werden, hat sich Pfost auch selbst mit den Christian Weißgerber auseinandergesetzt, der als Neonazi aktiv war, den Ausstieg aus der Szene geschafft hat und darüber ein Buch geschrieben hat. Dem Thema nähern sich die Teilnehmer auch spielerisch. In einer Performance von Dorisdean schwitzen die Teilnehmer eine halbe Stunde bei einem Zirkeltraining gegen rechtspopulistische Ängst. Detox gegen Rechtspopulismus, lautet die Devise am Reck der Zeit.

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