Goldenes Abitur

Gold-Abiturienten diskutieren mit Gymnasiasten in Mülheim

Treffen der Generationen: Abiturienten des Jahrgangs 1969 diskutieren im Mülheimer Otto Pankok-Gymnasium mit Schülerinnen und Schülern von heute.

Treffen der Generationen: Abiturienten des Jahrgangs 1969 diskutieren im Mülheimer Otto Pankok-Gymnasium mit Schülerinnen und Schülern von heute.

Foto: Michael Dahlke / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Acht Herren, die 1969 in Mülheim Abitur gemacht haben, besuchen ihre ehemalige Schule. „Fridays for Future“ gab es früher nicht, Protest schon.

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Zu sind zu acht und größtenteils lange nicht hier gewesen: Eine Gruppe ehemaliger Schüler, Herren des Abiturjahrgangs 1969, besuchte am Mittwoch das Otto-Pankok-Gymnasium. Höhepunkt war eine Diskussionsrunde mit Jugendlichen aus der Jahrgangsstufe zehn. Es sollte um zivilen Ungehorsam gehen – die Entschlossenheit, nicht alles zu glauben, sich nicht alles gefallen zu lassen.

Die Gäste schreiten durchweg auf die siebzig zu, nur noch zwei wohnen in Mülheim, alle stehen aber nach wie vor hinter ihrer Schule, die seinerzeit „Staatliches Gymnasium“ hieß. „Sie war das Fundament dafür, dass wir alle gut durchs Leben gegangen sind“, sagt einer der Ehemaligen. Naturwissenschaftler sind darunter wie Dr. Henning Friege und Peter Wolfmeyer, die erst im Pensionsalter gemeinsam ein Unternehmen gegründet haben, das Nachhaltigkeitsberatung anbietet. Ein anderer Klassenkamerad aus der früheren 13b ist Dr. Guido Peruzzo, bis 2015 Botschafter der Bundesrepublik Deutschland bei der Europäischen Union.

Spätsommer 1968: Sitzblockade in der Mülheimer Innenstadt

Organisiert wurde das Treffen von Hans-Werner Lindgens, Spross der Mülheimer Lederfabrikantenfamilie, der bereits 1969 ein eigenes Unternehmen gründete, basierend auf der Idee eines vergünstigten Presseabos für Studenten. Der 69-Jährige, wohnhaft in Heidelberg, ist stolz auf eine Anekdote aus seiner Jugend, die er den versammelten Schülern vorträgt: Als Reaktion auf den „Prager Frühling“ im Spätsommer 1968 haben Hunderte junger Leute in der Mülheimer Innenstadt

eine Sitzblockade veranstaltet, die Kreuzung Stadtmitte für Stunden lahm gelegt. In der Lokalzeitung erschien damals ein Foto, das Lindgens zeigt, wie er auf Straßenbahnschienen sitzt.

Später habe noch eine weitere Protestkundgebung stattgefunden, erinnert sich Lindgens, „gegen eine kräftige Preiserhöhung, die im Nahverkehr geplant war“. Dass die damaligen Demos alle erst nachmittags stattgefunden hätten, nach Schulschluss, räumen die Ehemaligen allerdings ein. Anders als bei den „Fridays for Future“ ließen die Goldabiturienten dafür keine Unterrichtsstunden sausen. Gleichwohl erkennen sie Parallelen zur aktuellen Bewegung und hatten sich den generationenübergreifenden Austausch gewünscht.

Thema Klimawandel bewegt die Jugendlichen

Die Jugendlichen konnten freiwillig teilnehmen, knapp 30 hatten Interesse an der Runde. Zur Vorbereitung erhielten sie einen Text von Jürgen Habermas als Lektüre, zum Spannungsfeld zwischen Legalität und Legitimität. In ihren Wortmeldungen geht es dann jedoch kaum um die „Fridays for Future“-Demos, aber vielfach um das Thema Klimawandel. Nach Ansicht der 16- und 17-Jährigen kommen aktuelle Themen im Unterricht eindeutig zu kurz. Ein Schüler formuliert es überspitzt, mit Blick auf das Fach Geschichte: „Wenn in drei Schuljahren drei Mal das Thema Französische Revolution vorkommt, bleibt nicht mehr viel Raum für aktuelle Sachen.“

Eine Mitschülerin meint: „Umweltschutz könnte im Unterricht eine größere Rolle spielen.“ Andere kritisieren: Austausch zu wichtigen Themen wie Klimawandel fände eher untereinander statt. Die Schule trage wenig bei. „Und wenn da nichts ist, kann ich nichts hinterfragen“, sagt ein Mädchen.

Das Problem, Verlässliches von Falschem zu unterscheiden

Informationen selber zu suchen, meist übers Internet, sind die Jugendlichen gewohnt, sehen aber auch das Problem, Verlässliches von Falschem zu unterscheiden: „Ich checke möglichst verschiedene Quellen, wenn mich etwas interessiert“, berichtet Lilly, „und versuche mir dann ein eigenes Bild zu machen.“

Aber auch positive Beispiele aus dem Schulalltag werden erwähnt: Im Chemieunterricht sei Zeit freigeschaufelt worden für das Thema Klimawandel, berichten die Schüler – ob es das Phänomen gibt oder nicht. Zwei Gruppen wurden gebildet, die in die eine und andere Richtung recherchieren und argumentieren sollten. Von solchen Impulsen hätten die Jugendlichen gerne mehr.

Rat: Widersprecht euren Lehrern

Schulleiter Ulrich Stockem sagt zum Abschluss: „Ich selber konnte erst mit etwa 30 beurteilen, welcher Lehrer mir etwas mitgegeben hat, und welcher nicht.“ Da müssen die Jugendlichen Geduld aufbringen. Einen anderen Rat, den der Ehemalige Norbert Szech, ihnen mitgibt, können sie theoretisch sofort beherzigen: „Widersprecht ruhig euren Lehrern. Die können es besser ertragen als unsere Pauker von früher.“

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