Vor 75 Jahren

70 Minuten lang dauerte der Bombenhagel über Mülheim

Fritz Zorn hat nach der Bombennacht am 22. -23. Juni 1943 die Schäden in der Mülheimer Innenstadt fotografiert. Nach dem Bombenangriff hat er seine Tochter Dorle (Doris Bloch) aus den Trümmern gerettet und danach seine geliebte Leica aus den Flammen geborgen. Mit dieser Kamera sind die Bilder entstanden.

Fritz Zorn hat nach der Bombennacht am 22. -23. Juni 1943 die Schäden in der Mülheimer Innenstadt fotografiert. Nach dem Bombenangriff hat er seine Tochter Dorle (Doris Bloch) aus den Trümmern gerettet und danach seine geliebte Leica aus den Flammen geborgen. Mit dieser Kamera sind die Bilder entstanden.

Foto: Oliver Müller

Stadtgebiet.   In der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 erlebt Mülheim seinen schwersten Luftangriff. Die Innenstadt brannte lichterloh. 530 Menschen starben.

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Nachbarstädte lagen schon längst in Schutt und Asche, da erlebte in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 Mülheim seinen schwersten Luftangriff. Exakt um 1.10 Uhr in der Nacht setzte vor 75 Jahren der Bombenhagel ein.

Nur 70 Minuten dauerte in jener Nacht der alliierte Luftangriff, der von solch zerstörerischer Wucht war, dass Zahlen kaum auszudrücken vermögen, wie verheerend das Leid war, das ab dem ersten Fliegeralarm um 0.40 Uhr über die Stadt hereinbrach. In drei Wellen, so schrieb einst Wilhelm Ulrich für das Mülheimer Jahrbuch, flogen 499 britische Bomber an, um aus 6000 bis 6500 Metern Höhe Bomben mit einem Gesamtgewicht von 1700 Tonnen abzuwerfen.

Totalschaden von 1135 Häusern

Als Angriffsziel war die Zerstörung der Industrieanlagen entlang der Ruhr und des Flughafens ausgegeben. Doch der Bombenhagel traf insbesondere auch die Innenstadt. Das in Jahrhunderten gewachsene Zentrum hatte tags drauf viel von seinem Gesicht verloren – fast zwei Drittel der Innenstadt waren zerstört. Der Bombenangriff riss 530 Menschen in den Tod. Nüchtern die Zahlen der Statistik, die darüber hinaus 1167 Verletzte, den Totalschaden von 1135 Häusern und über 10 000 beschädigte Gebäude nennt. Das menschliche Leiden lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken. Mehr als 48 000 Menschen haben in jener Nacht ihre Wohnung, ihre Heimat verloren. . .

Vor fünf Jahren hatte diese Zeitung Zeitzeugen anlässlich des 70. Jahrestages gebeten, sich zu erinnern. So meldete sich damals etwa Karl-Heinz-Achenbach, der das Inferno als 13-Jähriger an der Sandstraße erlebte – und als Einziger aus der Nachbarschaft überlebte. Nach dem Bombenalarm harrte der Junge mit seiner Mutter im Luftschutzkeller aus. „Der blau-gelb schimmernde Phosphor floss durch die Kellerfenster und tropfte auf den Boden“, erzählte Achenbach 2013. „Wir haben noch gedacht, dass sie wieder nach Essen fliegen. Dass der Angriff Mülheim galt, haben wir erst am nächsten Tag gesehen. Da waren nur noch Trümmer – und sonst nichts. Ich hatte keine Freunde mehr, habe niemanden mehr davon gesehen . . .“ Nur durch Zufall blieb Achenbach selbst unversehrt.

Er verlor seine Mutter an diesem Tag für immer

Der 13-Jährige hockte neben seiner Mutter im Keller, das Haus an der Sandstraße 28 war schon getroffen, Menschen aus dem Nebenhaus waren durch einen Durchbruch zu ihnen in den Keller geflüchtet. „Ich hab gedacht: Hier kommst du nie mehr raus.“ Da tauchte ein Mann aus den Röhrenwerken auf, packte den 13-Jährigen und rettete ihn durch eine zwei Meter hohe Feuerwand. Die Mutter blieb, vertraute den Worten ihrer Nachbarin: „Bleiben Sie hier, bleiben Sie hier“, habe diese gerufen. „Der SHD [Sicherheits- und Hilfsdienst] holt uns hier raus.“ Achenbach verlor seine Mutter an diesem Tag für immer. Die Bombennacht von 1943 hat ihn sein Leben lang begleitet, noch im hohen Alter trieb ihm die Erinnerung daran die Tränen in die Augen.

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