Geschichte

20 neue Stolpersteine erinnern an Opfer des Nazi-Regimes

Annett Fercho (Stadtarchiv), Bürgermeisterin Margarete Wietelmann, Christel Squarr-Tittgen, David Bakum, Kai Rawe (Leiter Stadtarchiv) und F. Wilhelm von Gehlen.

Annett Fercho (Stadtarchiv), Bürgermeisterin Margarete Wietelmann, Christel Squarr-Tittgen, David Bakum, Kai Rawe (Leiter Stadtarchiv) und F. Wilhelm von Gehlen.

Foto: Michael Dahlke

Mülheim.   168 Stolpersteine gibt es in Mülheim, nun kommen 20 neue hinzu. Die Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine liefert die traurigen Geschichten dahinter.

Die Auseinandersetzung mit dem Schicksal von Arthur Rosenbaum ist dem jungen Mülheimer David Bakum nicht leicht gefallen: Mehrfach wurde der jüdische Kohlenhändler und Kommunist Rosenbaum von den Nazis festgenommen wegen angeblichen Hochverrats, illegaler Beteiligung an der „Roten Hilfe“, Hören deutschlandfeindlicher Sendungen. In Dachau wurde er inhaftiert. 1943 ermordeten sie den Mülheimer in den Gaskammern von Birkenau.

Am 24. Mai wird an Rosenbaum und 19 weitere Opfern des nationalsozialistischen Regimes mit Stolpersteinen an zehn Orten in der Stadt erinnert. Der 19-jährige Bakum schrieb dazu die Biografie Rosenbaums auf und ist selbst jüdischen Glaubens. Um die Verbrechen der Nazis zu verurteilen, „muss man aber kein Jude sein, sondern einfach nur Mensch“, findet er.

Stadtarchiv unterstützt das Projekt

168 Stolpersteine gibt es – mit der Verlegung der 20 neuen – in der Stadt, die 166 Opfer des NS-Regines „auch einen Namen geben, die vorher nur eine Nummer hatten“. Annett Fercho vom Stadtarchiv, das das Projekt und die AG Stolpersteine bei der Erstellung der Biografien unterstützt, ist es wichtig, „nicht nur Lebensdaten zusammenzutragen, sondern die Opfer erfahrbar zu machen und das System, das dazu führte.“

Auch Bürgermeisterin Margarate Wietelmann ist das wichtig: „Wenn ein Schicksal personifiziert ist, ist man besonders ergriffen.“ Ein Beispiel entmenschlichter Bürokratie fällt Kai Rawe, Chef des Stadtarchivs ein, das die Mülheimerin Katharina Sandmann erleiden musste. Sie war ein „gutmütiges Mädchen“, vermerkte das Gesundheitsamt in ihrer Akte, wo sie als Bürogehilfin arbeitete. Doch nach dem Tod ihres Vaters wurde Sandmann „immer wunderlicher“, soll Wahnvorstellungen entwickelt haben.

„Ich fühle mich nicht sicher genug“

Man wies sie wegen „Schizophrenie“ in die Heilanstalt Bedburg -Hau ein. Unter der Rassenideologie der Nazis wurde sie dort erst sterilisiert, nach dem Euthanasiebefehl Hitlers (1939) am 6. März 1940 nach Grafeneck transportiert. Das dortige Samariterstift hatten die Nazis zur Tötungsanstalt umfunktioniert. Auf der Einwohnermeldekarte Katharina Sandmanns befindet sich ein Eintrag: ‘verzogen’. Rawe ist empört über das unmenschliche System: „Sie wurde deportiert! Aber die Verwaltung hat sie bis zuletzt ‘bürokratisch korrekt’ behandelt.“

David Bakum ist die Erinnerung an die Verbrechen der Nazis auch als Mahnung vor aktuellen rechtspopulistischen Bewegungen wichtig: „Wenn ich in unsere Synagoge gehe, muss ich zur Sicherheit durch dicke Schutztüren. Ich bin froh, dass es in Deutschland heute nicht so ist, wie damals. Aber ich fühle mich nicht sicher genug.“

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