Literatur

Kamp-Lintforter Dichter Karl-Oskar Stimmler ist unvergessen

Dorothea Stimmler mit einem Porträt ihres 2017 verstorbenen Mannes.

Dorothea Stimmler mit einem Porträt ihres 2017 verstorbenen Mannes.

Foto: Arnulf Stoffel / FUNKE Foto Services

Kamp-Lintfort.  Karl-Oskar Stimmler war es ein Anliegen, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. „Seine Worte und Taten hallen nach“, sagt seine Frau Dorothea.

Dorothea Stimmler geht zum Bücherschrank. Behutsam holt sie eine echte Literaturrarität aus dem Mittelalter hervor. Dann zeigt sie ein Bild des Dichters Johann Wolfgang von Goethe. „Mein Mann liebte die Geschichte und die Lyrik. Goethe war ein Autor, der ihn inspirierte“, erzählt die 69-Jährige.

Wenn Dorothea an ihren Mann Karl-Oskar Stimmler denkt, hat sie viel zu erzählen. „So, wie auch wir immer viel erzählt haben.“ Das war bis zuletzt so, als Karl-Oskar Stimmler 2017 in seinem 89. Lebensjahr an einer Krebserkrankung verstarb.

Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten

Die Liebesgeschichte der Stimmlers begann an der Universität. Als Dorothea ihren Dozenten sah, wusste sie: „Das ist der Richtige.“ Dorothea liest aus den Gedichten ihres Mannes vor. Schnell wird klar: Seine Worte und Taten sind unvergessen und hallen nach. Vielen Lesern ist Stimmler als herausragender Autor bekannt. Allein 1200 lyrische Schriften hat Stimmler veröffentlicht. 71 Aufführungen seiner Kompositionen gab es bis 1997. Dazu gehören die Oratorien „Mose“, „Im siebten Stockwerk der Geduld“ und „Das Geheimnis der Himmelskörper“. Stimmler war es ein Anliegen, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Wie er das machte? Mit Gefühl und zu Beginn geprägt vom Lyriker Rainer Maria Rilke. „Ich fühle, dass Gedichte kommen“, schrieb Stimmler einst. Wenn er fühlte, dass Gedichte kommen, mussten Spießer, Überhebliche und Entscheidungsträger auf der Hut sein.

Reaktion auf Hoyerswerda

In seinem 1993 erschienen Prosa-Bändchen „Vogelscheuchenträume“ entdecken die Politiker die Fußgängersteuer für sich. Leute mit kahlgeschorenen Köpfen protestieren – im Angesicht des um Sauberkeit flehenden Mütterchens. Es ist ein Text, den Stimmler 1991 nach Ausschreitungen in Hoyerswerda schrieb. Damals warfen Rechtsextreme Brandsätze auf Migranten. In der Anthologie „Gegen(warts)literatur“ beteiligte Stimmler sich an Texten gegen Rassismus, Gewalt, Gleichgültigkeit und Kinderfeindlichkeit. Seine Kritik galt der Politik – und der Kirche. „Im siebten Stockwerk der Geduld“ beschrieb Stimmler einen Gott, der von Theologen anstandslos verehrt werde. Stimmler sah die Hierarchien und beschrieb sie in ihrer starren Gültigkeit.

Der Mann, der sich einst als Dorn im Auge der Pädagogen sah, wurde selbst einer. Stimmler studierte Lehramt, arbeitete als Schuldirektor und Dozent für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik an der Universität Duisburg. Stimmler vertrat den Ansatz des Reformpädagogen Peter Petersen, nach dem Kinder von Kindern lernen. Dorothea erinnert sich: „Als mein Mann 1990 in Pension ging, erreichten uns Briefe von ehemaligen Schülern.“ Stimmlers Sohn Martin arbeitet heute ebenfalls als Lehrer. Das letzte Werk des Kamp-Lintforter Dichters hieß „Memoiren aus dem Fliegenkäfig“. Darin berichtet er von Judenverfolgungen und seiner Gefangenschaft. Mal mit Galgenhumor, mal beobachtend und immer so schreibend, dass jeder Leser mitfühlt.

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