PSYCHOLOGIE

Was treibt Menschen zu einer Tat wie in Meschede?

Beamte der Spurensicherung an einem Tatort: Sie stellen Markierungen auf. Dieses Bild steht symbolisch für die Arbeit der Experten. Auch in Meschede war die Mordkommission aus Dortmund angerückt. 

Foto: Stephan Eickershoff

Beamte der Spurensicherung an einem Tatort: Sie stellen Markierungen auf. Dieses Bild steht symbolisch für die Arbeit der Experten. Auch in Meschede war die Mordkommission aus Dortmund angerückt.  Foto: Stephan Eickershoff

Meschede.   Ein Mann bringt seine Ehefrau um und tötet sich selbst. Was treibt Menschen zu solcher einer Tat? Ein Interview mit einem Experten.

Nach der Familien-Tragödie im Mescheder Norden, bei der ein Familienvater erst seine Frau und dann sich selbst getötet hat, fragen sich viele, wie es zu so einer Tat kommen konnte. Und wie man als Angehöriger damit weiterlebt. Dr. Josef Leßmann, der ehemalige Leiter der LWL-Kliniken in Warstein, der weiterhin als Gerichtsgutachter und Forensiker arbeitet, stellt sich den Fragen. Allerdings „nur allgemein“, wie er betont, da er den konkreten Fall nicht im Detail kennt.

Was kann zu einer solchen Tat führen?

Dr. Josef Leßmann: Das kann absolute Verzweiflung, Wut oder auch eine emotionale Überforderung sein, genauso wie Krankheitssymptome oder fehlende Perspektiven. Da müsste man ganz genau hingucken.

Die Kinder fanden die toten Eltern. Wie leben Angehörige nach einem solchen Schicksalsschlag weiter?

Dr. Leßmann: Allgemein ist es im Anschluss an eine solche Tat wichtig, dass die Angehörigen und Freunde miteinander im Gespräch bleiben. Sie müssen lernen, über die Geschehnisse zu reden und können auch versuchen, nach Erklärungen zu suchen. Aber sie sollten sich selbst keine Schuld zuweisen. Sie sollten vor allem darauf schauen, wie viel Energie sie in der Vergangenheit schon darauf verwendet haben zu helfen und zu vermitteln. Ganz wichtig: Für das, was passiert ist, sind sie nicht verantwortlich.

In was für einer Situation befinden sich Angehörige?

Dr. Leßmann: Das ist eine existenzielle, überflutende Situation. Trauer, Überraschung und Verzweiflung spielen eine Rolle. Manch einer erstarrt auch in seinen Gefühlen

Gibt es Situationen im Vorfeld, bei denen Alarmglocken läuten sollten. Und was ist dann zu tun?

Dr. Leßmann: Auch das ist schwer allgemein zu beantworten, aber wenn Angehörige besorgt sind, dass ein schwelender Konflikt eskalieren könnte, sollten sie sich Hilfe holen. Das kann der Hausarzt sein oder der sozialpsychiatrische Dienst beim Gesundheitsamt des Kreises. Mit diesen Experten kann man seine Sorgen und Befürchtungen besprechen. Wenn akute Konfliktsituationen im Gang sind, wenn es also schon zu Gewalttätigkeiten kommt, sind Polizei und Ordnungsamt die Ansprechpartner.

Wenn Sie vor Gericht professionell auf einen solchen Fall schauen, was untersuchen Sie dann?

Dr. Leßmann: Ich müsste mich damit beschäftigen, ob es chronische Konflikte in der Familie gibt, ob es psychische Erkrankungen bei den Toten gab, Suchterkrankungen oder chronische Eifersucht. Man müsste auch darauf schauen, ob die Betroffenen sozial integriert waren, oder ob es da Konfliktpotenzial gab.

>>> HINTERGRUND:

  • Im Wohnviertel an der Königsberger Straße hatte ein 69-Jähriger am 7. Oktober 2017 seine 67-jährige Ehefrau getötet.

  • Anschließend erhängte sich der Mann an seinem Arbeitsplatz in Warstein.

  • Die Kinder entdeckten ihre toten Eltern.

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