Todesfall

Warum es in der eiskalten Ruhr kaum Überlebenschancen gibt

DLRG und Feuerwehr haben an der Arnsberger Straße einen Pkw aus der Ruhr geborgen. Der Fahrer trieb bis ans Wehr in Laer und konnte dort nur noch tot geborgen werden.

DLRG und Feuerwehr haben an der Arnsberger Straße einen Pkw aus der Ruhr geborgen. Der Fahrer trieb bis ans Wehr in Laer und konnte dort nur noch tot geborgen werden.

Foto: Ute Tolksdorf

Meschede.  Ein Mann gerät in Meschede mit seinem Auto in die Ruhr und stirbt im kalten Wasser. Mediziner sagen: Es gibt nur wenige Chancen in diesen Fällen.

Noch ist nicht klar, wie und warum ein tödlicher Unfall am Parkplatz an der Arnsberger Straße passieren konnte. Dort war ein 74-jähriger Esloher am Dienstagmorgen in der eisigen Ruhr ertrunken, nachdem sein Pkw ins Wasser gerollt war. Die Staatsanwaltschaft hat eine Obduktion der Leiche angeordnet, bestätigte Polizei-Pressesprecher Holger Glaremin.

Die Ermittler gehen von einem Unfall aus. Die Retter waren schnell vor Ort. Doch auch wenn der Mann direkt gefunden worden wäre, wären seine Chancen nur minimal gewesen, sagt Dr. Peter Kleeschulte, Leiter des Gesundheitsamtes des HSK.

Sechs Grad Wassertemperatur

Etwa sechs Grad beträgt zurzeit Wassertemperatur der Ruhr, dazu führt sie Hochwasser, die Strömung ist reißend. Am frühen Morgen gegen 7.30 Uhr rollt oder fährt der Pkw des Eslohers vom Parkplatz an der Arnsberger Straße - direkt gegenüber des Schwimmbades - in die Ruhr. Offenbar gelingt es ihm noch die Tür zu öffnen. „Zeugen sehen den Wagen, als er schon in der Ruhr liegt. Sie hören Hilferufe und melden dies der Leitstelle“, berichtet Polizeisprecher Sebastian Held.

Dort wird die Rettungsmaschinerie in Gang gesetzt. Feuerwehr, Rettungsdienst, DRK und DLRG werden informiert. Sie sind in kurzer Zeit vor Ort. Das Auto steckt zu diesem Zeitpunkt schon ein Stück weiter Richtung Laer im Fluss fest. 75 Meter - so ergeben später die Messungen der Polizei - ist der Wagen abgetrieben worden, bevor er unter der Fußgängerbrücke zum Schwimmbad zum Stehen kommt. Zu dieser Zeit ist es noch dunkel an der Einsatzstelle.

Die DLRG-Strömungsretter machen sich bereit. „Da kann man jetzt auch keinen anderen ins Wasser lassen“, sagt Stadtbrandinspektor Hubertus Schemme. Die Strömungsretter werden von Kollegen gesichert, sie erreichen das Fahrzeug und öffnen es. Im Innern finden sie niemand mehr.

Während an der Arnsberger Straße der Pkw mit der Winde aus dem Wasser gezogen wird, sind die Mescheder Einsatzkräfte auf dem Weg zum Wehr nach Laer - dort entdecken sie etwas in der Mitte der Ruhr. Die Wärmebildkamera im Polizeihubschrauber aus Dortmund, der etwa eine Stunde nach der ersten Einsatzmeldung eintrifft, bringt dann die traurige Gewissheit, dass dort ein menschlicher Körper treibt.

Frustrierend für die Retter: Zu dieser Zeit ist bereits klar, dass das Unfallopfer nur noch tot geborgen werden kann. „Stürzt ein Mensch in das kalte Ruhrwasser, hat er nur eine Überlebenschance von wenigen Minuten“, erläutert Dr. Kleeschulte auf Nachfrage. „Da folgt eine Kette lebensbedrohlicher Situationen und ein Betroffener wird in kurzer Zeit bewusstlos.“

Es komme natürlich darauf an, wie ein Mensch gekleidet ist, wie sein gesundheitlicher Gesamtzustand, und wie er sich verhält, erläutert Kleeschulte. „Er stirbt primär an Unterkühlung.“ Davon spricht man, wenn die Körperkerntemperatur unter 35 Grad sinkt. „Das ist eine extreme Belastung für das Herz-Kreislauf-System“, erläutert der Mediziner. „Sämtliche Extremitäten in den Gefäßen verengen sich. Es gibt Blutansammlungen im Herz-Lungen-Raum, und das Herz muss extrem pumpen.“

Jede Bewegung kühlt den Körper aus

Eine Belastung, die kein Mensch länger durchhält. Hinzu kommt: Stürzt man in kaltes Wasser, wird dazu geraten, sich möglichst ruhig zu verhalten. Anders als man denkt, sorgt jede Bewegung sorgt dafür, dass das Wasser den Körper mehr auskühlt. „Doch ein Mensch in Panik, wird sich natürlich bewegen“, weiß auch Kleeschulte.

Daneben bietet die Ruhr weitere Todesfallen - wie Steine und Treibgut. Letztlich droht auch der Tod durch Ertrinken. Dr. Kleeschulte: „Da reicht es, wenn ein halber Liter Wasser ins Bronchialsystem eindringt.“

Als ungewöhnlich gilt es, dass der Mann überhaupt aus dem Auto herausgekommen ist: Eine Tür lässt sich kaum unter Wasser öffnen. Das spricht für die Beobachtung, die vor Ort berichtet wurde: Die Tür des Pkw sei bereits geöffnet gewesen. Den genauen Hergang ermittelt zurzeit die Polizei.

Möglich ist, dass der Mann Gas und Bremse verwechselte und das Fahrzeug so in die Ruhr fuhr, die zurzeit Hochwasser führt oder dass er die Entfernung zur Ruhr falsch einschätzte und abrutschte. Stadtbrandinspektor Schemme spricht von einer „Verkettung unglücklicher Umstände.“

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Bei der Rettungsaktion an der Ruhr waren rund 100 Einsatzkräfte vor Ort.

Von der Freiwilligen Feuerwehr Meschede die Löschzüge Meschede und Freienohl sowie die Löschgruppen Calle, Remblinghausen und Wennemen und die Funkgruppe - mit insgesamt zwölf Einsatzfahrzeugen.

Neben der DLRG Meschede mit Tauchern und Strömungsrettern waren auch die DLRG Neheim und das PSU-Team (Psycho-soziale Unterstützung) alarmiert worden.

Daneben waren auch Polizei und Vertreter vom Ordnungsamt vor Ort.

Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen.

Stadtbrandmeister Hubertus Schemme war mit der Zusammenarbeit aller Einsatzkräfte trotz des tragischen Ausgangs zufrieden. Zu einem abschließenden Gespräch waren alle ins Gerätehaus eingeladen, wo auch das PSU-Team war. „Mittwoch bieten wir einen weiteren Gesprächstermin vor allem für die jungen Kollegen an.“

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