Inklusion

Über einen Mescheder, der blind auf dem Hennesee rudert

Am Hennesee fand nun ein Trainerseminar zum Thema „Rudern mit Behinderung – Pararudern“ statt.

Am Hennesee fand nun ein Trainerseminar zum Thema „Rudern mit Behinderung – Pararudern“ statt.

Foto: Theresa Schnettler

Meschede.  Rüdiger Schlinkert (65) erblindet. Sein Arzt verbietet ihm das geliebte Rudern auf dem Hennesee in Meschede. Doch er kämpft sich zurück ins Boot.

Mit einem Strahlen im Gesicht geht Rüdiger Schlinkert durch das Bootshaus des Mescheder Ruderclubs, während er die einzelnen Bootstypen erklärt. Wenn man ihn so in seinem Element antrifft, kommt man überhaupt nicht auf den Gedanken, dass der heute 65-Jährige blind ist und sich mit viel Mut, Geduld und Unterstützung seiner Vereinskollegen zurück in den Sport kämpfen musste. Heute engagiert er sich als Pararuderer für mehr Inklusionsarbeit im Rudersport und möchte vor allem eins: Vereinen und Menschen mit Beeinträchtigungen Mut machen.

Balance zu halten war nicht leicht

„Ich hatte das Gefühl, dass ich das Rudern nach meiner Erblindung ganz neu lernen musste“, erzählt er. Und das, obwohl er schon als Jugendlicher im Alter von 14 Jahren im Ruderclub Meschede trainierte. „Mein Augenarzt hat mir das Rudern lange Zeit verboten, aber mir hat nach der Augenerkrankung etwas ganz Wichtiges gefehlt“. Deshalb begann Rüdiger Schlinkert vor zwei Jahren wieder mit dem Training. Doch dazu gehörte erstmal eine Menge Mut, Vertrauen und Unterstützung. „Ich bin dankbar für die tolle Stimmung, die Akzeptanz und große Unterstützung im Verein. Die Kollegen sind für mich da und helfen ungefragt dort, wo es für mich schwierig wird - angefangen bei der Navigation auf dem Wasser.“ Neben der Navigation stellte am Anfang des Trainings auch die Balance eine besondere Herausforderung dar: „Wenn man im Boot sitzt, schwankt alles. Gesunde Menschen fokussieren den Horizont und halten so die Balance. Wenn man blind ist, muss man lernen zu fühlen, wie das Boot im Wasser liegt und wie man sitzt.“

Zusätzliche Unterstützung fand er auch im Kompetenzzentrum „Rudern mit Behinderung“, welches von Lutz Bühnert in der Nähe von Berlin geleitet wird. Dort ruderte er während eines Besuchs gemeinsam mit einem jungen Mann mit geistiger Beeinträchtigung und schwärmt immer noch: „Wir sind ein ganz tolles Boot gefahren und hatten sehr viel Spaß.“

Jedoch sind diese Rudererlebnisse (noch) Ausnahmen: „Alle reden über Inklusion im Sport, aber es geschieht viel zu wenig“, kommentiert er die aktuelle Lage im Rudersport. Aus diesem Grund rief er gemeinsam mit Lutz Bühnert Trainerseminar zum Thema „Rudern mit Behinderung - Pararudern“ im Bootshaus des Mescheder Ruderclubs ins Leben.

Eis und Gewitter als einzige Ausreden

„Wir möchten den ersten Schritt machen und überhaupt erstmal ein Problembewusstsein schaffen und den Vereinen Mut machen, Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen oder auch Beeinträchtigungen der Sinne in den Vereinssport zu integrieren. Es ist ganz viel möglich – auch mit wenig Aufwand.“ Damit übernimmt der Ruderclub Meschede eine Vorreiterrolle. „Es gibt bisher noch nicht einmal ein Handbuch zum Pararudern. Auch das wollen wir in Kooperation mit den anderen Vereinen ändern“, so Rüdiger Schlinkert. Ausreden lässt er, wenn es um das Rudern geht, nicht gelten: „Es gibt nur zwei gute Gründe nicht zu Rudern: Gewitter und Eis auf dem Wasser.“ Körperliche und geistige Beeinträchtigungen zählen für ihn nicht dazu.

Teilnehmer reisten aus ganz Deutschland an

  • Rudern ist in Deutschland eine paralympische Disziplin. Gleichzeitig gibt es kaum Vereine mit Abteilungen, die Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen integrieren.
  • Lutz Bühnert rief die Sportabteilung „Kompetenzzentrum Rudern mit Behinderung“ des Rüdersdorfer Rudervereins ins Leben. Sie wird unter dem Dach des Deutschen Ruderverbandes (kurz DRV) und der Ruderakademie Ratzeburg als zentrale Bildungseinrichtung geführt.
  • In diesem Jahr fanden erstmals von Lutz Bühnert geleitete Trainerseminare statt, welche Austausch, Trainingstechniken und technische Möglichkeiten an den Booten beinhalteten.
  • Das Seminar im Bootshaus des Mescheder Ruderclubs stieß deutschlandweit auf Resonanz. Die TeilnehmerInnen reisten aus Mannheim, Leverkusen, Hannover und dem Ruhrgebiet an.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben