Wirtschaft

Stellenabbau bei Tital in Bestwig: So ist der Stand

Tital in Bestwig ist Teil des US-amerikanischen Unternehmens Howmet Aerospace. Umsatzeinbußen als Folge von Corona führen zu den Plänen, dort Stellen abzubauen.

Tital in Bestwig ist Teil des US-amerikanischen Unternehmens Howmet Aerospace. Umsatzeinbußen als Folge von Corona führen zu den Plänen, dort Stellen abzubauen.

Foto: Hans Blossey / www.blossey.eu

Bestwig.  Der Luftfahrtspezialist Tital in Bestwig will weiterhin Stellen abbauen. Die Verhandlungen stocken. Die IG Metall kritisiert das Unternehmen.

Die Verhandlungen um einen Arbeitsplatzabbau beim Luftfahrtspezialisten Tital in Bestwig treten auf der Stelle. Zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat hat es zwar Gespräche gegeben, um über einen Sozialplan und einen Interessenausgleich zu verhandeln – „aber es gibt noch kein Ergebnis“, sagt Carmen Schwarz, Erste Bevollmächtigte der IG Metall in Arnsberg, und mit am Verhandlungstisch. Sind die Positionen festgefahren? Sie verneint das nicht: „Es ist jedenfalls nicht schön.“

Das Unternehmen selbst teilt auf Anfrage mit: „Da die Verhandlungen mit dem Betriebsrat bezüglich des Stellenabbaus andauern, möchten wir derzeit von jeglicher Stellungnahme absehen.“ Im Juni waren die Pläne bekannt geworden, dass bei Tital 210 Stellen wegfallen sollen. Das war ein Viertel der Belegschaft von damals 806 Beschäftigten. Tital war im April Teil des US-amerikanischen Unternehmens Howmet Aerospace, nachdem sich der letzte Eigentümer Arconic aufgespalten hatte.

Kritik am Zeitplan

Die Zahl von 210 ist inzwischen nicht mehr aktuell, sagt Carmen Schwarz. Denn in den letzten Monaten, unter dem Eindruck des drohenden Stellenabbaus, hätten einige Arbeitnehmer den Betrieb bereits verlassen: „Welche Zahl am Ende des Tages herauskommen wird, das werden wir sehen.“

Der Betriebsrat verhandele mit dem Arbeitgeber, welche Zahl tatsächlich erforderlich sei – und wie die einzelnen Bereiche funktionieren könnten, wenn es in Abteilungen zum Stellenabbau käme: „Man muss immer noch schauen, sind die einzelnen Maßnahmen nachvollziehbar.“

Völlig offen seien Fragen zur Sozialauswahl, wenn es zum Stellenabbau käme, und die Frage einer finanziellen Ausgestaltung, falls es einen Sozialplan gäbe: „Da ist noch gar nichts spruchreif. Man muss sehen, wie sich das entwickelt.“

Carmen Schwarz kritisiert das Unternehmen für seinen Zeitplan. Im Mai wurde bei Tital mit Kurzarbeit angefangen, fünf Wochen später gab es dann die Ankündigung des Stellenabbaus, der nach ersten Plänen schon im August vollzogen werden sollte: „Die Bundesregierung hat die Kurzarbeiterregelungen ja nicht umsonst dafür geschaffen, um den Arbeitgebern finanziell unter die Arme zu greifen und so die Beschäftigung zu sichern. Diese Zeitspanne bei Tital reicht doch nicht. Wie will man denn da behaupten, man habe alles versucht, um 210 Leute nicht in die Arbeitslosigkeit zu schicken?“

„Zeit gewinnen durch Kurzarbeit“

Aktuell befindet sich Tital weiter Kurzarbeit. Die IG-Metall-Bevollmächtigte sagt, man müsse doch von der Hoffnung ausgehen, dass die Corona-Krise auch enden werde: „Dann macht es doch Sinn, Zeit zu gewinnen durch Kurzarbeit, gegebenenfalls auch durch eine Transfergesellschaft, um die Leute nicht in die Arbeitslosigkeit zu schicken.“

Nicht gelten lässt sie das Argument, Tital-Beschäftigte würden doch sofort wieder einen neuen Job finden: „In der heutigen Zeit stellt doch kein Unternehmen mehr großzügig ein. Es gibt nur ein paar, die das tun. Oder in Nischen. Das Gros hat aber direkt oder indirekt Probleme, weil die Wertschöpfungsketten so miteinander verbunden sind.“

Das Unternehmen habe bisher auch nicht die die älteren Jahrgänge angesprochen, ob es dort Interessenten gibt, die bei finanziellem Ausgleich bereit wären, das Unternehmen zu verlassen: „Die Arbeitgeber haben das bis jetzt noch nicht getan.“ Auch ein Freiwilligenprogramm sei nicht aufgesetzt worden.

Können sich Betriebsrat und Arbeitgeber nicht verständigen, muss laut Mitbestimmung die Einigungsstelle angerufen werden: „Die Einigungsstelle, habe ich so den Eindruck, ruft kaum jemand gerne an. Dann sagt jemand von, was man zu tun oder lassen hat. Und das Verfahren kostet natürlich Zeit“, so Carmen Schwarz.

Gibt es keinen Interessenausgleich, könnte der Arbeitgeber dennoch kündigen – dann müsste aber jede einzelne Kündigung dem Betriebsrat vorgelegt werden, weil der mitbestimmungspflichtig ist. Der Betriebsrat müsste angehört werden, was wiederum ein Maximum an Klagen vor dem Arbeitsgericht auslösen könnte: „Das will kein Arbeitgeber.“

>>>HINTERGRUND<<<

Das Unternehmen begründete im Juni den nötigen Stellenabbau mit den Umsatzeinbrüchen in Folge von Corona, weil die Flugzeuge der Airlines beim Lockdown am Boden bleiben mussten und keine neuen Flugzeuge bestellt wurden.

Aufträge bei Tital wurden als Folge storniert. „Es geht ums Überleben“, sagte Vertriebsleiter Thomas Stephan. Kurzarbeit alleine würde nicht zur Lösung bei Tital ausreichen.

Der Bundesverband der deutschen Luftverkehrswirtschaft geht davon aus, dass der Luftverkehr von und nach Deutschland erst ab 2024 das Niveau von 2019 erreicht und dann entsprechend früherer durchschnittlicher Wachstumsraten von 3 Prozent pro Jahr zunehmen wird – wirkungsvolle Impfungen oder Medikamente vorausgesetzt.

Im ersten Halbjahr 2020 gingen die Passagierzahlen weltweit insgesamt um 53 Prozent zurück.

Europa lag hierbei mit minus 56 Prozent an der Spitze. In Deutschland gab es ein Minus von 66 Prozent bei den Passagierzahlen.

Allein bei den Fluggesellschaften und Flughafengesellschaften sind in Deutschland insgesamt 83.000 Beschäftigte in Kurzarbeit.

Die Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung schreibt: „Deutschlandweit sind über 60.000 direkte Arbeitsplätze der Branche in Gefahr, wenn die Flotten der Airlines weiterhin am Boden bleiben. Noch ist unklar, wie sich das Geschäft der Luftfahrt von dieser existenziellen Krise wieder erholen wird.“

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