Pocken

Pocken in Meschede: Dieser Mann hätte alle anstecken können

Bruno und Pauline Heinemann haben die Pockentage am eigenen Leib erfahren. Sie haben die Zeit noch lebhaft vor Augen.

Bruno und Pauline Heinemann haben die Pockentage am eigenen Leib erfahren. Sie haben die Zeit noch lebhaft vor Augen.

Foto: Jürgen Kortmann

Meschede.  Bruno Heinemann ist in der Pockenzeit in Meschede Heizer im Krankenhaus – und erledigt die Laufgeschäfte. Dann kommt er selber unter Verdacht.

Beim Pockenausbruch geht sein Fall etwas unter. Denn im Februar 1970 will man in Meschede langsam wieder zum Alltag zurückkehren.

Nicht auszudenken, wenn...

Jetzt, nach 50 Jahren in der Rückschau, wird klar: Es wäre nicht auszudenken gewesen, wenn sich in der Quarantäne der Pockenverdacht bei Bruno Heinemann wirklich bestätigt hätte. Denn er hatte zuvor unzählige Kontakte zu anderen Meschedern. Denn Bruno Heinemann war nicht nur Heizer im St.-Walburga-Krankenhaus. Er erledigte auch all die Laufgeschäfte fürs Krankenhaus in der Stadt.

Bruno (92) und Pauline Heinemann (89), seit 67 Jahren verheiratet, sind gläubige Menschen. „Ich danke Gott noch heute dafür, dass wir keine Pocken hatten“, sagt Pauline Heinemann. Die Pockenzeit haben beide noch lebhaft vor Augen – als wäre sie nicht schon 50 Jahre her. Montags kommt damals der Pockenverdacht bei ihm auf. Sonntags ist das Ehepaar noch im Gottesdienst in der Mariä-Himmelfahrt-Kirche gewesen: „Ich hätte dort alle angesteckt“, sagt Bruno Heinemann. Er weiß noch alles.

„Immer eine große Familie“

Seit dem 15. August 1958 ist er im Krankenhaus angestellt: „Es ist eine unwahrscheinlich schöne Arbeitsstätte gewesen. Wir waren immer eine große Familie.“

30 Jahre wird er hier arbeiten. Morgens um 5 Uhr fing er im Kesselraum an, mit Koks zu heizen: „Um 6 Uhr brauchten die Dampf in der Küche.“ Und damals hat das Krankenhaus noch eine eigene Bäderabteilung, die Wärme brauchte. Heinemann erledigt außerdem die vielen Botengänge für das Krankenhaus unten in der Stadt: Er geht zur Post, in Apotheken, in die Arztpraxen, zahlt Geld bei den Banken ein. Noch heute meint er sich: „Nicht auszudenken, wenn ich die Pocken gehabt hätte. Die hätten dann ganz Meschede zugemacht.“

Abfälle werden mitverbrannt

Und genau dieser fürchterliche Verdacht kommt auf. Er zeigt Symptome an den Händen und hinter den Ohren, einen Bläschenausschlag. Sein Abstrich wird per Polizei zur Untersuchung in die Bayerische Impfanstalt nach München gebracht.

Damals werden die Abfälle des Krankenhauses mit verbrannt, auch die aus dem Isolierhaus mit den Pockenkranken. Die Säcke sind zwar dort verschnürt worden, passen aber nicht in den Ofen. Sie müssen von Heinemann wieder geöffnet und ins Feuer geschüttet werden: „Ab und zu habe ich schon einen Piks von einer gebrauchten Spritze mitbekommen.“ Als eine der Konsequenzen wird später empfohlen, dass Krankenhäuser künftig ordnungsgemäße Verbrennungsanlagen haben müssen.

Heinemann bekommt an dem Montag von Chefarzt Dr. Konrad Müller die Anweisung, erst einmal im Kesselhaus zu bleiben. Er wird in die Quarantäne nach Wimbern kommen. An dem Morgen hat er zufällig Kontakt mit dem Klempner Willi Schneider. Der wird ihn deswegen mit in die Quarantäne begleiten müssen – er wird sie in der Schreinerwerkstatt des Krankenhauses verbringen. Durch ein Fenster im Koksbunker muss Heinemann herausklettern, damit er nicht noch durchs Gebäude gehen muss. Draußen wartet der Spezialkrankenwagen auf ihn, der besonders isolierte „Seuchenwagen“: „Das war wie in einem Sarg darin.“ In der Quarantäne in Wimbern ist das Gefühl auch beklemmend: „Es war wie im Gefängnis.“ Durch eine Lüftungsklappe unterhält er sich mit dem Nachbarn.

Anruf von der Schwester

Die ganze Familie ist schon vorher gegen Pocken geimpft gewesen, jetzt werden alle noch einmal geimpft. „Vergessen kann man das nie“, sagt seine Frau Pauline. Sie erfährt von ihrer Schwester, die bereits ein Telefon besitzt, dass ihr Mann Bruno in Quarantäne ist: „Er kommt nicht mehr nach Hause, wurde mir gesagt. Und dass, wo es immer hieß: Einer, der die Pocken hat, der stirbt.“ Sie und ihre vier Kinder (14, 13, 7 und 5 Jahre) müssen in ihrem Haus im Mescheder Norden wie unter Hausarrest bleiben: „Wir durften das Haus nicht mehr verlassen. Die Kinder haben geweint.“

Morgens kontrolliert die Mutter heimlich bei ihren Kindern die Hände, ob da nicht ein Pockensymptom zu sehen ist. Der Bäcker lässt draußen Brötchen stehen. Auf einem Zettel steht: „Wir denken an euch!“ Samstags kann Bruno Heinemann die Quarantäne verlassen. Der Verdacht hat sich nicht bestätigt: „Die Ärzte sagten mir, ich sei ein medizinisches Wunder.“ Danach werden die Schreckensmeldungen seltener: „Die Leute waren alle froh, dass es vorbei war.“ Alle gehen wieder rasch zur Normalität über, der Alltag wird herbeigesehnt.

>>>HINTERGRUND<<<

Die Entwarnung im Fall Heinemann kommt schließlich von der bayerischen Impfanstalt in München: Laboruntersuchungen hatten keinen positiven Pockenbefund ergeben, anschließend blieb auch der so genannte „Eihauttest“ nach 36 Stunden negativ.

Am 12. Februar 1970 wird im St.-Walburga-Krankenhaus die allgemeine Besuchersperre aufgehoben. Auch wenn hier keine Kraken mehr sind: Die Quarantäne in der Isolierstation im Rochus-Haus muss 18 Tage lang weiterbestehen – das schreibt eine gesetzliche Frist vor.

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