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Pflegestreit in Meschede: Caritas fordert alles oder nichts

Senioren erhalten Hilfen und Begleitung im Alltag - das bietet die Caritas neben den pflegerischen und medizinischen Diensten an. Andere Konkurrenten will sie offenbar nicht neben sich bestehen lassen.

Senioren erhalten Hilfen und Begleitung im Alltag - das bietet die Caritas neben den pflegerischen und medizinischen Diensten an. Andere Konkurrenten will sie offenbar nicht neben sich bestehen lassen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Patrick Pleul / picture-alliance/ ZB

Meschede/Wallen.  Ganz oder gar nicht, das ist das Konzept der Caritas-Sozialstation. Während sich andere Dienste ärgern, nennt der Wohlfahrtsverband seine Gründe.

Der Caritasverband Meschede nutzt seine beherrschende Stellung aus, um Mitbewerber vom Markt zu drängen. Diesen Vorwurfe formulieren die berufliche Betreuerin Andrea Dörner und Anja Ullrich, Geschäftsführerin der noch relativ jungen Lebenszeit GmbH. Das Unternehmen aus Wallen unterstützt und begleitet hilfsbedürftige Personen im Alltag. Die Caritas bleibt auf Nachfrage bei ihrem Standpunkt und erklärt, warum sie Patienten allein betreuen will.

Streit über Finanzierung

Andrea Dörner, rechtliche Betreuerin eines 84-jährigen Rentners, der zwar dement ist, aber noch in der eigenen Wohnung lebt, hatte mit Lebenszeit und Caritas das Gespräch gesucht. Es ging darum, die zur Verfügung stehenden Mittel für Betreuung und Pflege bestmöglich für den Rentner zu verteilen. Andrea Dörner: „Der Klient hatte rund 1200 Euro im Monat zur Verfügung, er erhielt bereits Begleitung im Alltag durch Lebenszeit und Augentropfen von der Caritas. Jetzt hatte er neu einen Pflegegrad und brauchte daher zusätzlich pflegerische Hilfe beim Waschen und Anziehen.“ Deshalb habe sie um einen runden Tisch gebeten. Nach einem kurzen Gespräch habe dann der Pflegedienstleiter der Caritas erklärt: „Wir arbeiten nicht mit der Konkurrenz zusammen, entweder machen wir hier alles oder gar nichts.“

Die Suche nach einem neuen Pflegedienst

Weil das für ihren dementen Klienten in der Alltagsbegleitung wieder eine neue Bezugsperson bedeutet hätte und weil sie die Monopolhaltung der Caritas nicht unterstützen wollte, lehnte Dörner diese kategorische Forderung ab. „Darauf stand er auf, nahm die Unterlagen und verließ mit seiner Mitarbeiterin die Wohnung.“ Dazu, so Dörner, habe er gesagt: „Wenn hier der erste Fehler passiert ist, kommen wir gern wieder, aber nur ganz.“

Für die Betreuerin begann darauf die hektische Suche nach einem neuen Pflegedienst, denn der sollte ja weiter Medikamente verabreichen und die pflegerische Betreuung übernehmen. Andrea Dörner fand einen neuen Dienst und besorgte die neuen Verordnungen vom Hausarzt und vom Augenarzt. Sie ärgert sich: „So viel Arroganz habe ich noch nicht erlebt. Die Caritas hat meinen Klienten ohne jede weitere Betreuung einfach sitzengelassen.“ Sie ärgert sich: Als Betreuerin fühle sie sich bei solchen Maximalforderungen nicht mehr frei in der Wahl ihrer Betreuungshilfen. „Das ist nicht zum Besten des Patienten. Ich muss ja jedesmal Angst haben, den Pflegedienst zu verlieren. “ Und der Pflegenotstand sei schließlich allgegenwärtig. Dabei gebe es Zusammenarbeit zwischen Caritas und anderen Diensten in anderen Kommunen, „nur hier beim Caritasverband Meschede offenbar nicht.“

Das sagt die Caritas

Claudia Spies-Irmler, Fachbereichsleitung Pflegequalität, bestätigt den Fall grundsätzlich, allerdings nicht den Ton und den plötzlichen Rückzug. „Frau Dörner hat uns gekündigt, nicht wir sind plötzlich verschwunden. Das wäre bei einem bestehenden Vertrag gar nicht möglich, weil wir Kündigungsfristen einhalten müssen.“ Außerdem habe der Kollege angeboten, die Pflege weiter zu leisten, bis ein neuer Pflegedienst gefunden sei, erklärte sie. Aber sie bestätigt: Die Caritas sei tatsächlich immer bestrebt, alles aus einer Hand anzubieten und kommuniziere das auch so. „Das hat für uns auch haftungsrechtliche Gründe“, erklärt sie. „Wenn dem Patienten etwas zustößt, wenn im Haushalt etwas wegkommt, wer ist dann zuständig?“ Mit anderen Diensten, wie der Diakonie gebe es einen Kooperationsvertrag, eine Absprache am Küchentisch des Klienten - davon halte sie nichts.

Auch dieser Vorwurf ärgert Andrea Dörner. Sie arbeite mit den unterschiedlichsten Betreuungsdiensten für die bestmögliche Versorgung ihrer Klienten zusammen. Und da sei die Caritas bei den Haushaltshilfen teurer als beispielsweise die Lebenszeit GmbH. Das bestätigt Spies-Irmler: „Unsere Mitarbeiterinnen arbeiten nicht auf 450-Euro-Basis, und sie erhalten einen Tariflohn.“

Freude über Unterstützung

Anja Ullrich erlebte einen Tag später weitere Absagen von Klienten, „die offensichtlich von der Caritas unter Druck gesetzt worden sind und auf die bewährte medizinische Betreuung und Pflege nicht verzichten wollten.“ Besonders ärgert sie sich darüber, dass kurz zuvor der Pflegedienstleiter noch zum Tag der offenen Tür in ihrer Einrichtung war: „Da hat er uns noch beglückwünscht und gesagt, wie schön es doch sei, dass die Caritas Unterstützung erhalte. Ich verstehe das nicht. Es ist für alle wirklich genug Arbeit da.“

>>>HINTERGRUND

Wer hilfsbedürftig ist und einen bestimmte Pflegegrad hat, hat Anspruch auf finanzielle Unterstützung durch die Pflegekasse - nicht nur bei der pflegerischen Betreuung, sondern auch bei Hilfen im Haushalt.

40 Prozent der Gesamtsumme kann für solche Betreuungs- und Entlastungsleistungen aufgewendet werden. Die restlichen 60 Prozent für pflegerische Hilfe beispielsweise beim Waschen und Anziehen.

Während Dienste wie Helfende Hände, Seniorenhilfe oder Lebenszeit ausschließlich die niederschwelligen Dienste anbieten und Angehörige so entlasten, indem sie zum Beispiel putzen, Senioren zum Arzt begleiten oder sie besuchen, damit sie nicht vereinsamen, bietet die Caritas zusätzlich professionelle Pflege, also Hilfe beim Waschen und Anziehen, an.

Hinzu kommt noch die medizinische Betreuung wie Medikamentengabe, Verbände wechseln oder das Anziehen von Thrombose-Strümpfen - diese wird aber aus einem weiteren Topf bezahlt.

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