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Netflix „Wir sind die Welle“: Keine Zeit für Tiefgründigkeit

Szene aus der Serie "Wir sind die Welle", die ab 1. November bei Netflix zu sehen ist.

Szene aus der Serie "Wir sind die Welle", die ab 1. November bei Netflix zu sehen ist.

Foto: Bernd Spauke / dpa

„Wir sind die Welle“ läuft bei Netflix Lohnt sich das? Unser Druckreif-Autor hat sich die neue Serie angesehen.

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Gruppen wie Extinction Rebellion und Fridays For Future sind in Deutschland nach wie vor Bestandteil der medialen Berichterstattung. Widerstand, Streikkultur und Rebellion scheinen heutzutage beliebter denn je bei der jungen Generation. Kein Wunder also, dass nun auch Netflix die Thematik aufgreift. Seit dem ersten November läuft die Serie „Wir sind die Welle“ auf der Streamingplattform. Insgesamt sechs Folgen mit einer Länge von 45 bis 54 Minuten sind bislang erschienen, eine zweite Staffel wurde bereits angekündigt.

Der Inhalt

Es herrscht Aufruhr am Gymnasium von Lea, Rahim, Hagen und Zazie. Mit Tristan, einem JVA-Häftling und Anhänger der linksradikalen Szene, haben die Vier einen neuen Mitschüler: Und der polarisiert. Während es mit den Nazis der Schule schnell zu Konflikten kommt, wachsen der Freigänger und die Gruppe um Lea schnell zu einer Einheit zusammen. Die Welle ist entstanden. Gemeinsam versucht das Quintett nun, gegen die vermeintlichen Ungerechtigkeiten dieser Welt vorzugehen, sei es Massentierhaltung oder teure Markenkleidung. Schnell gewinnt die Gruppe neue Anhänger und muss sich damit beschäftigen, wie weit Protestkultur gehen darf. Es kommt zu Konflikten unter den fünf jungen Revolutionären.

Die Vorlage

Die Macher der Serie orientieren sich am Buchklassiker „Die Welle“. Während dieser aufzeigt, welche Gefahren auch Jahrzehnte nach Hitler und Co. noch von radikalen Ideologien ausgeht, driftet die Netflix-Produktion in eine andere Richtung. Das liegt nicht nur daran, dass es dieses Mal Linksextreme und keine Faschisten sind, die in der Hauptrolle stecken. Die Serie vermittelt in Teilen den fälschlichen Eindruck, dass es „hip“ sei, Molotowcocktails zu werfen und Einbrüche zu begehen. Der Zweck heiligt die Mittel lautet das Motto der jungen Revolutionäre.

Die Kritik

Die Autoren schaffen es mit ihrer Machart nicht, die Risiken der linksextremen Auswüchse innerhalb der Welle darzulegen. Ganz im Gegenteil: Die Serie macht aus Antifa-Straftäter Tristan eine Identifikationsfigur. Die schwarz-weiße Welt, die aufgebaut wird, ist selbst für eine Netflixproduktion zu plump. Der Kampf der aufstrebenden Revoluzzer gegen böse Snobs und Unternehmer wirkt in Teilen eher kitschig als gut herausgearbeitet. Das spiegelt sich unter anderem in den einfachen Dialogen der Serie wider.

Keine Zeit für Charaktere

Ein weiteres Problem ist die Fülle des Inhalts. Charakterentwicklungen wird keine Zeit gegeben, Veränderungen in der Denkweise vollziehen sich von der einen auf die andere Szene. Lea, das Kind aus reichem Elternhaus schmeißt, innerhalb von nur einer Folge, ihr gesamtes Leben über den Haufen und freundet sich mit den Außenseitern der Klasse an. Dieser generell schon unwahrscheinliche Umstand macht „Wir sind die Welle“ noch unglaubwürdiger. Den familiären Umständen anderer Hauptcharaktere wird des Weiteren so gut wie gar keine Sendezeit gegeben. Wie lebt der Charakter und wie ist sein Umfeld, all diese Fragen werden insgesamt nur flüchtig behandelt.

Insgesamt zu einfach

Die Serie ist insgesamt zu einfach gestrickt, um zu funktionieren. Vielleicht hätte man sich stärker am eigentlichen „Die Welle“-Roman orientieren sollen und hätte dabei die Radikalisierung von rechten Jugendlichen thematisiert, denn auch das ist aktueller denn je. Der Ausflug ins andere Extrem ist jedenfalls ein Flop, keine Empfehlung an dieser Stelle.

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