Schicksal

Endometriose: Vom Kampf gegen eine chronische Krankheit

Christina Schake leidet unter der chronischen Krankheit Endometriose. Ihr Mann Christopher hält fest zu ihr.

Christina Schake leidet unter der chronischen Krankheit Endometriose. Ihr Mann Christopher hält fest zu ihr.

Foto: Karti Fotografie- Katharina Uschmann

Meschede/Herford.  Endometriose frisst sich durch Christina Schakes Körper. Wie sie mit ihrem Mann Christopher gegen die Krankheit kämpft. Das Paar erzählt.

Blondes, langes Haar, einnehmendes Lächeln, trainierter Körper. Christina Schake (31) sieht blendend aus. Nichts deutet darauf hin, dass sich durch ihren Körper eine chronische Krankheit frisst: Endometriose. Während der Periode wuchert ihre Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter und entzündet sich. Das kranke Gewebe wandert durch den Unterleib, befällt auch andere Organe. Als sie im September 2010, mit 21 Jahren, ins Krankenhaus kommt, drückt eine faustgroße Wucherung auf ihre Blase. Der Darm ist befallen, ein Eierstock und der Douglasraum hinter Darm, Blase und Gebärmutter. Die OP dauert Stunden.

Auf weiße Wände starren

Auf dem Klinikflur sitzt Christopher Jarek und starrt auf eine weiße Wand. Der Mescheder wird in den kommenden Jahren noch auf viele Klinikwände starren. Zu diesem Zeitpunkt sind die beiden erst drei Monate zusammen. Ein schlechter Start. Man sollte kichernd durch die Betten tollen und nicht fragen: „Warst du schon auf dem Klo?“ Andere Männer wären weggelaufen. Christopher Jarek bleibt. 2015 heiratet das Paar. Er nimmt ihren Namen an. Ein traumhafter Tag. Auf seinem aktuellen Profilbild bei WhatsApp sitzt das Brautpaar kuschelnd im Auto.

Zu den Personen

  • Das Paar lebt in Herford. Beide arbeiten beim dortigen Finanzamt. Christopher Schake, geb. Jarek, wuchs in Meschede auf. Er spielte beim SSV Meschede Fußball.
  • Auf ihren Instagram-Accounts endochrissy und team_CS_8883 teilen sie ihre Geschichte, um anderen Mut zu machen.

Zwei Stücke des Darms entfernt

2016, ein Jahr nach der Hochzeit, werden seiner „Chrissy“ in einer sechsstündigen OP zwei Stücke des Darms entfernt. „Sie hatte bereits schriftlich einem künstlichen Darmausgang zugestimmt, weil die Ärzte das vorher nicht ausschließen konnten“, erinnert sich der Finanzbeamte. Auch damit wäre er klar gekommen. Denn: „Ich wusste einfach: Die ist es.“ Für immer.

Schmerzen beim Sitzen, Schmerzen beim Stuhlgang, beim Sex

„Bitte beschönige nichts. Schreib’ die Krankheit so hart auf, wie sie ist“, sagt Christina Schake am Ende des Interviews. Sie meint die dauerhaften Schmerzen beim Sitzen, Schmerzen beim Stuhlgang, beim Sex... Die Ohnmacht, weil es keine Heilung gibt, weil keiner die Ursachen kennt. Die Verzweiflung: „Warum tun das alle als normale Regelschmerzen ab? Warum glaubt mir keiner?“ Und die Angst: „Können wir Kinder bekommen?“

Der Kinderwunsch

Ja, das Thema Nachwuchs. Es tut weh. Öffentlich haben sie bisher nicht darüber gesprochen. Und auch nichts auf ihrem Instagram-Account gepostet. Aber auch das gehört zu dieser harten Wahrheit. „Der Wunsch ist da“, sagen beide. Vor der großen Darm-OP unterzieht sie sich deshalb auch einer intensiven Behandlung in einer Kinderwunschklinik. Es klappt nicht. Wahrscheinlich verhindert durch die wuchernde Endometriose. „Das war die härteste Zeit. Mein Tiefpunkt“,

gesteht sie und versucht ihre Tränen zu unterdrücken. Die Hormone, dazu die Schmerzen. Die Finanzbeamtin ist am

Boden. Psychisch. Physisch. Ihr Mann sammelt sie dort immer wieder auf. „Er lenkt meine Gedanken immer auf das Positive.“

Waage stoppt bei 106 Kilogramm

Aber auch an ihm geht diese Zeit nicht vorbei. Bei all den Sorgen um seine Frau, vergisst er sich. Fertiggerichte, Fastfood, Feierabend-Bier. Ende 2016 stoppt die Waage bei 106 Kilogramm. Bei einem Mann, der immer sportlich war, früher beim SSV Meschede kickte. Sein Arzt verschreibt ihm Mittel gegen Bluthochdruck, sagt, dass er auf dem direkten Weg zum Diabetes-Patienten ist.

Hallo Brokkoli, hallo Vollkorn, hallo Hülsenfrüchte

Doch statt aufzugeben, überlegt sich das Paar eine neue Strategie. In der Anschluss-Heilbehandlung in einer Endo-Klinik in Ratzeburg lernt Christina Schake, dass es Alternativen zu den extremen Hormonbehandlungen der Schulmedizin gibt, die die Periode unterdrücken. Dass es Lebensmittel gibt, die Entzündungen und damit die Endometriose befeuern. Dazu gehören Zucker, Schweinefleisch, Alkohol und Weizenprodukte. Sie stellt ihre Ernährung um. Hallo Brokkoli, hallo Vollkorn, hallo Hülsenfrüchte. Beginnt mit Yoga. Und zieht schließlich auch ihren Mann mit.

Seit 2,5 Jahren kaum Beschwerden

Am 1.1.2017 startet er sein Projekt. 88 Kilo. Das Geburtsjahr seiner Frau als Ziel. In wenigen Monaten ist er dort angekommen. Drei Sätze. Hinter denen ein harter Weg steckt. Verzicht, Schweiß, Kalorienzählen. Aber beide sind stolz auf ihre Veränderung. Sie hat 2,5 Jahre kaum Beschwerden, bei einer Bauchspiegelung Anfang des Jahres entnehmen die

Ärzte nur einen kleinen Entzündungsherd. Mehr nicht. Und erst vor wenigen Wochen fliegen Schakes ihre Bikinifiguren nach Kreta aus. „Für mich war das der erste sorglose Urlaub seit neun Jahren“, sagt die 31-Jährige. Und ganz ohne die Frage: „Warst du schon auf dem Klo.“

Das rät Christina Schake Betroffenen:

  • „Vertraut eurem Körper! Lasst nicht locker, wenn ihre merkt, dass etwas nicht stimmt, lasst nicht locker.“
  • „Dauerhafte Schmerzen während der Periode sind nicht normal.“
  • „Schämt Euch nicht, wenn es Euch schlecht geht.“
  • „Sucht online nach Gleichgesinnten. Eine von zehn Frauen leidet unter Endometriose!“
  • „Nutzt die Möglichkeit der Anschluss-Heilbehandlung nach großen Operationen.“

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