Tiere

Ein Paradies für berühmte Fernsehziegen in Heringhausen

Es scheint als wüssten die Ziegen ihre traumhafte Aussicht zu schätzen.

Es scheint als wüssten die Ziegen ihre traumhafte Aussicht zu schätzen.

Foto: Frank Selter

Heringhausen.  Auf einem traumhaften Fleckchen Erde genießen Ziegen in Heringhausen den Sommer. Und sie sind sogar ein bisschen berühmt.

Beherzt springt Lizzy mit einem Satz vom Fels auf das Dach des Unterstandes. Das Poltern, das sie dabei mit ihren Hufen verursacht, unterbricht für einen Sekundenbruchteil die traumhafte Idylle. Bäume wiegen sich im Wind, Vögel scheinen um die Wette zu zwitschern. Und dann diese phantastische Aussicht auf Heringhausen.

s scheint fast so, als würde Lizzy all das durchaus zu schätzen wissen, während sie majestätisch auf dem Dach thront und auf den Ort blickt.

Lizzy ist eine von 16 Ziegen, denen der Heringhauser Ziegenzuchtverein auf seinem Gelände am Fallenstein für die kommenden Monate ein neues Zuhause schenkt. Und weil Lizzy nicht nur eine einfache Ziege, sondern das Leittier der Gruppe ist, steht sie auch nicht allzu lange allein auf dem Dach. Viele ihrer Artgenossen tun es ihr gleich.

„Wir sind schon ein bisschen stolz darauf, was wir hier geschafft haben“, sagt Paul Ittermann, während er das Treiben beobachtet. Seit 37 Jahren ist Ittermann der Vorsitzende des heute nur noch sieben Mitglieder zählenden Vereins. Als junger Bursche sei er schon eingetreten, sagt der 74-Jährige.

Ein Segen für den Ort

Dass der Verein Ende der 50er-Jahre nicht aufgelöst worden ist, ist ein Segen für Heringhausen. Denn ihm ist es zu verdanken, dass es inmitten all der Weihnachtsbaumkulturen rund um den Ort noch ein naturbelassenes Fleckchen Erde gibt, auf dem sich eingezäunt die Ziegen tummeln. Wobei der Begriff Flecken eigentlich viel zu bescheiden gewählt ist - immerhin handelt es sich um stolze 1,6 Hektar, die der Verein bereits im Jahr 1927 für 1200 Goldmark von Lorenz Strauß gekauft hat.

„Viele Leute hatten damals Ziegen, aber keine Möglichkeit, sie weiden zu lassen“, blickt Ittermann auf die Anfänge zurück. Mit dem Erwerb des Grundstücks hatte sich dieses Problem gelöst. Aus den Reihen des Vereins wurde jährlich ein Ziegenhirte gewählt, der die Tiere morgens im Ort einsammelte, dann zur Weide und abends wieder nach Hause brachte. Bis etwa Ende der 50er-Jahre sei das so gegangen. „Danach gab es ja kaum noch Ziegen“, erinnert sich der 74-Jährige. Weil die Fläche am Fallenstein nicht mehr für ihre eigentlichen Zwecke benötigt wurde, bepflanzten die Vereinsmitglieder Anfang der 60er-Jahre einen Teil des großen Grundstücks mit Fichten. Hin und wieder weideten noch ein paar Schafe auf dem satten Grün. Das war’s.

Kein großes Thema in der Öffentlichkeit

Bis 2015 waren die Ziegen in der Öffentlichkeit dann kein großes Thema mehr in Heringhausen - bis zu jenem Tag, an dem der Verein beschloss, vom Frühjahr bis zum Einbruch des Winters doch wieder ein paar Ziegen eine Heimat in Heringhausen zu geben. In Begleitung von Norbert Knievel von der Unteren Landschaftsbehörde wurden die gepflanzten Fichten wieder abgeholzt und Vorbereitungen für die Ankunft der ersten Tiere getroffen. Die kamen in den ersten drei Jahren nach Reaktivierung der Fläche zunächst von einer jungen Frau aus Altenfeld und seit 2018 nun aus Medebach. Und sie sind sogar ein ganz kleines bisschen prominent. Die Tiere gehören „Bauer Roland“, der 2016 als „familiärer Ziegenwirt“ in der RTL-Serie „Bauer sucht Frau“ sein Liebesglück suchte.

Kontakt durch Zufall

Der Kontakt sei mehr oder weniger durch Zufall zustande gekommen, sagt Ittermann: Vereinsmitglied Dietmar Kenter war im heißen Sommer des vergangenen Jahres in Medebach-Dreislar unterwegs, als ihm dort eine Ziegenherde auf einer trockenen Wiese auffiel. Er erkundigte sich nach dem Besitzer und landete schließlich auf dem Hof „Ziegenglück“ von TV-Bauer Roland in Dreislar. Der war heilfroh über das Angebot, seine Tiere auf die deutlich grünere Weide in Heringhausen stellen zu dürfen. Mindestens ebenso heilfroh war allerdings auch der Ziegenzuchtverein selbst. „Man glaubt ja gar nicht, wie schwierig es ist, an ein paar Ziegen zu kommen“ sagt Paul Ittermann.

Freundschaftliches Verhältnis

Inzwischen habe man zu Bauer Roland schon ein freundschaftliches Verhältnis. Zum geselligen „Almauftrieb“, wie die Heringhauser den Tag nennen, an dem die Ziegen auf die Weide kommen, bringt der Medebacher nicht nur die Tiere, sondern auch viel Zeit und seine Frau Franzi mit, die er vor laufenden RTL-Kameras geheiratet hat. „Unsere Almauftriebe sind immer wieder ein Erlebnis“, sagt Paul Ittermann mit einem Lächeln, während seine Vereins- und Vorstandskollegen Siegfried Koch und Josef Wippermann zustimmend nicken.

In den Hänger geschmuggelt

Derweil laben sich die 16 Ziegen auf der Weide genüsslich am Weißdorn und kratzen sich am trockenen Baumstamm. Das extrem steile Gelände am Fallenstein ist das reinste Ziegenparadies. Leitziege Emma aus dem vergangenen Jahr fand es in Heringhausen übrigens so paradiesisch, dass sie sich vor dem Almauftrieb in diesem Jahr heimlich wieder mit in den Hänger des Medebacher Landwirtes gemogelt und unbemerkt die Reise nach Heringhausen mit angetreten hat. Gebracht hat es ihr allerdings nichts. Sie musste am Abend wieder mit zurück - schließlich soll ja jeder mal in den Genuss der Heringhauser Wiesen kommen.

  • Gegründet wurde der Heringhauser Ziegenzuchtverein bereits im Jahr 1922.
  • Von dem 1,6 Hektar großen Grundstück, das der Verein damals erworben hat, werden 1,4 Hektar als Ziegenweide genutzt.
  • Der Verein hat vor dem Zaun bewusst Platz gelassen, um Wanderern und Spaziergängern das Beobachten der Tiere zu ermöglichen.
  • Und das ist seit 2016 sogar recht komfortabel möglich, weil der Reifenhandel Habitzki dem Verein eine rustikale Sitzgarnitur gespendet hat.
  • Der Ziegenzuchtverein bittet ausdrücklich darum, die Ziegen nicht zu füttern, um eine Erkrankung der Tiere zu vermeiden. Gegen Kinder, die vor dem Zaun Gras pflücken, um es den Tieren durch den Zaun zu reichen, sei hingegen nichts einzuwenden.

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