Wildschweininvasion in Lössel

Nur eine Lösung hilft wirklich gegen die borstige Plage

Wildschweine suchen in der Erde nach Nahrung. Im Wald ist das Umpflügen ökologisch wertvoll, im heimischen Garten wird es zur Plage.

Wildschweine suchen in der Erde nach Nahrung. Im Wald ist das Umpflügen ökologisch wertvoll, im heimischen Garten wird es zur Plage.

Foto: Friso Gentsch / dpa

Lössel/Roden.  Eine Wildschweinplage in Lössel und auf dem Roden treibt Anwohner an den Rand der Verzweiflung. Die Förster wehren sich gegen Vorwürfe.

Sie sind anpassungsfähig, vermehrungsfreudig und fressen alles, was ihnen unter den Rüssel kommt: Wildschweine sind vielen als Leibspeise des gallischen Kriegers Obelix bekannt, Anwohner in Lössel und auf dem Roden hingegen fühlen sich eher selbst auf dem Präsentierteller – ihr Grund und Boden wird regelmäßig und in letzter Zeit vermehrt zum Büfett für die borstigen Paarhufer. „Die kommen im Morgengrauen oder abends und graben riesige Löcher im Garten. Nicht nur bei mir, auch bei den Nachbarn“, berichtet Christel Schneider.

Die Seniorin wohnt an der Lösseler Straße und beobachtet die Entwicklung mit Sorge: „Das ist früher schon vorgekommen, aber so heftig wie jetzt war es noch nie.“ Sie könne von Glück reden, dass sie keine Kartoffeln im Garten anbaut: „Die wären jetzt alle weg.“ Zu Gesicht bekommen hat sie die Übeltäter nie, eine Nachbarin jedoch soll eine Rotte von elf Tieren im Dorf gesichtet haben.

Klaus Meckel, der mit seiner Frau seit 1961 auf dem Roden wohnt, ergeht es ähnlich. Ihr grüner Flecken hinterm Haus, wo das Gelände steil abfällt zum Lösseler Bach, wird immer wieder verwüstet. Die Beseitigung der Schäden kostet Zeit und Kraft. „Ich werde nicht jünger, irgendwann schaffe ich das nicht mehr“, klagt der 82-Jährige. Nachhaltig ist das Unterfangen auch nicht: „Ich bringe alles in Ordnung und zwei Tage später trifft mich wieder der Schlag. Dabei haben wir schon alles eingezäunt.“ Teils mit Maschendraht, teils mit leichten Elektrozäunen versuchen die Meckels, die Wildschweine auszusperren – aber die finden immer wieder einen Weg aufs Grundstück.

Natürliche Selektion müssen die Wildschweine kaum noch fürchten

Auch Christel Schneider hat ihren Garten eingezäunt, berichtet sie, aber auch hier ließen sich die Tiere nicht abwehren. Frank Eifler, Leiter des Hegerings Iserlohn-Hemer, kennt die Gewohnheiten der Paarhufer: „Das ist arttypisches Verhalten. Wildschweine suchen im Boden nach eiweißhaltigem Futter – Larven, Regenwürmer, Mäusenester, was immer sie finden. Wenn es so trocken ist wie in diesem Jahr, zieht sich das Futter tiefer in die Erde zurück und die Wildschweine kommen mit ihrem Wurf (Nase, Anm. d. Red.) schwerer unter die Grasnarbe.“

Der Regen der letzten Wochen bedeutet für die Schweine ein lange erwartetes Bankett – was allerdings nicht bedeutet, dass es den borstigen Gesellen bis dato schlecht ergangen wäre, wie Frank Eifler bestätigt: „Das liegt auch daran, dass die Bauern verstärkt Mais anbauen, zum Teil bis Ende November. So gibt es immer genug Futter, auch wenn die Eicheln mal nicht so üppig ausfallen.“ Dazu kämen noch die milderen Winter, die den Tieren ermöglichten, ganzjährig Nachwuchs zu produzieren und aufzuziehen.

Die betroffenen Anwohner sind sich einig: Die Jäger seien in der Pflicht, die Population einzudämmen. Und dieser Pflicht, das betont Christel Schneider genau so vehement wie Klaus Meckel, kämen die Jäger nicht hinreichend nach. Auf diese Vorwürfe angesprochen nimmt Frank Eifler seine Kollegen – zuständig fürs Revier Lössel ist der Steuerberater Thomas Gutsche – in Schutz: „Wir bemühen uns nach Kräften und schlagen uns so manche Nacht um die Ohren. Wir kämpfen dabei aber gegen Windmühlen.“ Wildschweine seien sehr lernfähig, die Sicht zu dieser Jahreszeit oft schlecht. Zudem müssten die Jäger zahlreiche gesetzliche Auflagen beachten, Bachen etwa (die Muttertiere) dürften nicht erlegt werden, und in sogenannten „befriedeten Bezirken“ wie dem Wohngebiet auf dem Roden dürfe gar nicht geschossen werden. „Dafür müssten wir im Einzelfall eine Tötungserlaubnis beim Umweltamt erwirken, das ist aufwendig und so gut wie aussichtslos“, erklärt der Hegeringleiter.

Während Landwirten Ersatzzahlungen für von Wildtieren verursachte Schäden auf ihren Feldern zustehen, haben private Anlieger das Nachsehen – sie müssen sich selbst schützen. Gegen Wildschweine helfen nur harte Maßnahmen, räumt Frank Eifler ein: „Feste Metallzäune, die im Boden einbetoniert sind. Maschendraht schieben Wildschweine relativ mühelos nach oben.“ Elektrozäune würden ebenfalls helfen, würden aber mehr Mühe machen: „Sobald ein Abschnitt zuwächst und der Strom nicht mehr richtig fließt, kommen die Tiere wieder durch.“

Ein solider Holzzaun könne sich als ebenso effektiv erweisen, aber Holz werde irgendwann morsch. „Man muss abwägen. Wie oft und wie schwer sind die Schäden, wie viel lohnt es sich, zu investieren?“, gibt Eifler zu bedenken. Produkte aus dem Fachhandel, die Wildschweine mit dem Geruch von Bären oder Wölfen abschrecken sollen, seien keine dauerhafte Lösung: „Das hilft vielleicht 14 Tage, dann gewöhnen sich die Tiere daran.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben