Ortsgeschichte

Neue Schilder sollen die Geschichte von Oestrich erzählen

Friedhelm Siegismund, Michael Scheffler, Thorsten Grote, Sebastian Matz und Victoria Verrieth (v. li.) präsentieren zwei Entwürfe.

Friedhelm Siegismund, Michael Scheffler, Thorsten Grote, Sebastian Matz und Victoria Verrieth (v. li.) präsentieren zwei Entwürfe.

Foto: Alexander Barth / IKZ

Oestrich.  Informationstafeln sollen die Oestricher Lokalgeschichte sichtbar machen. Das Land schießt die Hälfte der Kosten dazu.

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2020 feiert Oestrich 800. Geburtstag – zu genau sollte man es damit aber nicht nehmen, betont Ortsring-Vorsitzender Friedhelm Siegismund, denn die erste urkundliche Erwähnung aus dem 13. Jahrhundert ist nicht präzise zu datieren. In jedem Fall aber blickt das Dorf auf eine lange Geschichte zurück, die man dem Dorfkern auch deutlich ansieht. Ihre konkrete, individuelle Geschichte können die Gebäude und Orte jedoch nicht erzählen. Das soll sich spätestens bis zu den Jubiläumsfeierlichkeiten ändern: Bis zu 31 Informationstafeln sollen aufgestellt werden, ein Projekt, das fast schon selbst ein Stück Historie ist.

„Die Idee ist schon 2012 bei den Geschichtswerkstätten entstanden“, erinnert sich Friedhelm Siegismund. Im Kern steht der Wunsch, Ortsgeschichte und Erinnerungen zu bewahren, die drohen, für immer verloren zu gehen. „Das hat mit dem Generationswechsel zu tun, der in den 70er Jahren begonnen hat. Oestrich war immer geprägt von Höfen, die über Jahrhunderte in Familienhand geblieben sind – heute sind es nur noch zwei.“

Während die Kinder früher in der Regel im Dorf geblieben seien, würden die meisten jetzt woanders Arbeit finden. Viele von denen, die zum Studium in eine andere Stadt ziehen, kämen nicht wieder und hätten wenig Interesse, sich aus der Ferne um den Erhalt ihrer Elternhäuser zu kümmern. Der Verlust des lokalen Bewusstseins und der Ortsgeschichte beginne schon in der Schule: „Früher hatten wir noch weiterführende Schulen im Dorf. Die Lehrer kamen von hier und konnten Oestricher Heimatkunde vermitteln. Heute gibt es nur noch die Grundschulen, die Lehrer kommen oft von außerhalb und haben keinen Bezug zu Oestrich.“

Unter diesen alarmierenden Vorzeichen sollte die Geschichtswerkstatt retten, was zu retten ist, nach dem Prinzip: Die Alten erzählen, Die Jungen schreiben auf. Für den Ansatz, den Wissensschatz nicht nur zu archivieren, sondern in Tafelform allgemein zugänglich zu machen, ist Oestrich 2012 beim Landeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ mit der Silberplakette prämiert worden. Eigentlich sollten die Tafeln längst stehen, es ist aber eine regelrechte Odyssee daraus geworden. „Wir sind immer wieder vertröstet worden“, bemängelt Friedhelm Siegismund.

Umsetzung des Projekts zieht sich seit 2012 hin

Das liege zum einen am Anspruch der Verwaltung, die historischen Tafeln im gesamten Stadtgebiet einheitlich zu gestalten. Für weitere Verzögerung sorgte die Frage der Finanzierung. „Erst sollte das Stadtmarketing die Kosten übernehmen, dann sollten Fördermittel über das Leader-Projekt die Kosten reduzieren.“

Auch das sei wieder verworfen worden, weil mit dem „Heimat-Fonds“ eine vielversprechendere Alternative für eine Bezuschussung in den Fokus rückte. Das ist immerhin jetzt geglückt: Strahlend präsentierte der Ortsringvorsitzende gemeinsam mit Vizebürgermeister Michael Scheffler, Stadtbaurat Thorsten Grote sowie Victoria Verrieth und Sebastian Matz von der Abteilung Stadtentwicklung und Grundstücke die ersten Entwürfe. Mit einem Förderbescheid über 3500 Euro sei die Finanzierung gesichert, die Stadt übernehme die übrigen Kosten, erklärte Thorsten Grote – der Eigenanteil kann mit Spenden und dem Anrechnen ehrenamtlicher Arbeitsstunden noch verringert werden.

Einige letzte Hürden müssen noch genommen werden. Die Texte werden im Stadtarchiv inhaltlich überprüft und anschließend einem formalen Lektorat unterworfen. Zu jeder Tafel werden passende historische Fotos oder Zeichnungen vorbereitet, und schließlich müssen bei Privatgrundstücken oder -gebäuden die jeweiligen Eigentümer der Anbringung der Tafel zustimmen. Davon hängt auch ab, wie viele Schilder letztlich aufgestellt werden. Victoria Verrieth ist optimistisch: „Bisher haben wir nur einen Fall, in dem die Zustimmung nicht erteilt wurde.“

Das Wissen der Alteingesessenen ist kein Jahr zu früh zusammengetragen worden. Die Geschichtswerkstatt hat im April das letzte Mal getagt, berichtet Friedhelm Siegismund: „Von den ursprünglich 15 bis 18 älteren Teilnehmern kamen nur noch fünf – die meisten sind verstorben. Auch Nachwuchs für die Jüngeren ist nicht in Sicht.“

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