Junge Katholiken

Kirche setzt auf mehr Verbindung mit weniger Verbindlichkeit

Aleksandra Reichert, Bettina Aust, Arthur Gorny und Thorsten Hasse (v. li.) wollen auf die Lebenswirklichkeit junger Erwachsene eingehen, um die verlorene Kirchenbindung wieder herzustellen.

Aleksandra Reichert, Bettina Aust, Arthur Gorny und Thorsten Hasse (v. li.) wollen auf die Lebenswirklichkeit junger Erwachsene eingehen, um die verlorene Kirchenbindung wieder herzustellen.

Foto: Alexander Barth / IKZ

Letmathe/Iserlohn.  Mit dem Projekt „Gute N8cht“ wollen Mitarbeiter der Pastoralverbünde Letmathe und Iserlohn junge Erwachsene erreichen.

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In die Kirche kämen die meisten Leute heutzutage, außer an Weihnachten, nur noch zu Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen, lautet eine oft gestellte Diagnose. Das hat ebenso einen wahren Kern wie die Feststellung, dass der Altersdurchschnitt bei Gottesdiensten dem eines Pflegeheims nahe kommt. Drei junge Gemeindereferenten und ein angehender Diakon der katholischen Kirchengemeinden Letmathe und Iserlohn verfolgen ein ehrgeiziges Projekt: Sie wollen junge Erwachsene wieder in die Kirche integrieren.

Etikettenwechsel beim Standardangebot reicht nicht

Zu Beginn steht ein Eingeständnis: „Für den Altersbereich 18 bis etwa 35 fehlen passende Angebote. Wir holen sie nicht da ab, wo sie gerade in ihrem Leben stehen“, sagt Bettina Aust (28), Gemeindereferentin vom Pastoralverbund Letmathe. Natürlich hat es auch in der Vergangenheit schon Bestrebungen gegeben, jüngere Zielgruppen wieder zu erreichen, aber die Ansätze haben nicht funktioniert, resümiert Arthur Gorny (27), Gemeindeassistent im Pastoralverbund Iserlohn: „Man kann statt normaler Gottesdienste Jugendgottesdienste anbieten, aber da kommt dann keiner.“

Dabei gebe es durchaus noch immer eine ganze Menge junger Menschen, die dem Katholizismus nahe stehen. Die Ursachen lägen woanders, erläutert Diakonatspraktikant Thorsten Hasse (27) vom Pastoralverbund Iserlohn: „Die jungen Erwachsenen von heute scheuen Verbindlichkeit. Irgendwo fest Mitglied sein, jede Woche zu einer bestimmten Zeit da sein, das will kaum noch jemand.“ An dieser Stelle soll ebenso angesetzt werden wie an dem Befund, dass viele die Vorstellung abschreckt, sich in erster Linie oder ausschließlich zu treffen, um über Glaubensinhalte zu sprechen. „Deshalb wollen wir stattdessen gemeinsam Zeit verbringen – Spieleabende, Sport, Sachen die Spaß machen und die man auch so tun würde.“

Aleksandra Reichert (32), Gemeindereferentin im Pastoralverbund Letmathe, weiß aus Erfahrung, dass Altersgenossen sehr wohl Antworten auf Sinnfragen im Glauben suchen, wenn man erst einmal ins Gespräch kommt: „Viel mehr von ihnen, als man denkt, hatten schon mit Krankheit und Tod zu tun, auch wenn die das im Alltag nicht nach außen kehren. Für viele stellt sich etwa ab 30 die Frage, wo sie hin wollen in ihrem Leben.“ Auch auf Fragen der Gerechtigkeit würden manche herumkauen.

Dafür sollten die Gemeinden einen „geschützten Raum bieten, in dem jeder so akzeptiert wird, wie er ist“, betont Arthur Gorny. Besonders stark sei die Nachfrage nach geistlichem Segen bei umwälzenden Lebensereignissen wie dem Ende von Schule, Ausbildung oder Studium, hat Thorsten Hasse festgestellt. Aleksandra Reichert glaubt, an vorhandene spirituelle Bedürfnisse andocken zu können: „Dass es noch etwas anderes geben muss, außer ständig zu konsumieren, fragen sich so manche. Mit Konzepten wie Achtsamkeit und der Suche nach Stille befassen wir uns in der Kirche auch, da können wir anknüpfen.“

In diesem Sinne starten die beiden Pastoralverbünde im neuen Jahr mit dem Projekt „Gute N8cht“, das vor wenigen Jahren als Prototyp in Paderborn erprobt worden ist. Gegenwind von älteren Kirchenfunktionären gebe es nicht, sagt Aleksandra Reichert: „Es kommt höchstens vor, dass sich ein Priester etwa darüber wundert, dass wir uns zum ,Zocken’ treffen wollen“, sagt sie und schmunzelt. Arthur Gorny umreißt das Ziel: „Auf Dauer wünschen wir uns, dass sich Gruppen bilden, die langfristig Bestand haben. Wir möchten nur Starthilfe geben.“

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