Kirche

Kein Alle-Jahre-wieder-Oratorium

Großer Chor, tolles Orchester und starke Solisten: Das Weihnachtsoratorium, gesungen vom Märkischen Motettenkreis unter der Leitung von Dr. Wolfgang Besler, ließ keine Wünsche offen.

Großer Chor, tolles Orchester und starke Solisten: Das Weihnachtsoratorium, gesungen vom Märkischen Motettenkreis unter der Leitung von Dr. Wolfgang Besler, ließ keine Wünsche offen.

Foto: Wolfgang Meutsch

Letmathe.  Der Märkische Motettenkreis singt Bachs Weihnachtsoratorium in der Friedenskirche und löst damit großen Jubel aus.

Schon bei den ersten Takten wusste man, wo die Reise hingehen würde. So engagiert, zupackend und wild entschlossen, wie die Streicher da mit ihren aus höchsten Höhen niederprasselnden Motiven das erste „Frohlocket“ des Chores vorbereiteten, war klar: Das wird keine Alle-Jahre-wieder-Niederkunft, keine Business-as-usual-Weihnacht, hier wird tatsächlich die Ankunft des Allerhöchsten verkündet. So wie Bach es sich damals wohl auch gedacht hat, als er sein Weihnachtsoratorium schrieb.

Dr. Wolfgang Besler wählte am Sonntagabend beim Gastspiel seines Märkischen Motettenkreises in der Friedenskirche hohes Tempo, viel Schwung und großen Fluss. Jede der drei gewählten Teile des Weihnachtsoratoriums (gespielt wurden die Kantaten 1, 3 und 6) erklang wie aus einem Guss. Was nicht verwundert, wenn man sich das Programmheft ansieht. Dort hatte Besler nochmal alle großen Konzerte aufgeführt, die der Motettenkreis bisher gegeben hat. Das Weihnachtsoratorium taucht dort regelmäßig alle paar Jahre komplett oder in Teilen auf. Dazwischen gab es die h-Moll-Messe, die Matthäus-Passion und reichlich Kantaten – kurz: Der Motettenkreis hat außerordentlich viel Erfahrung mit Bach und ist gerade dessen Musik sehr eng verbunden.

Große Erfahrung mit Bach wird beim Chorgesang hörbar

Das kann man hören, nicht nur in den mächtigen chorischen Eckpfeilern des Werkes, die oft im Fugenstil gesetzt sind und den Sängern mit rasanten Koloraturen höchste Beweglichkeit abverlangen, sondern auch in sanften Chorälen als Ruhepole des Werkes. Auf die heute noch bekannten und gebräuchlichen Melodien von „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ und „Vom Himmel hoch“ hat Bach Choralsätze von ungeahnter Anmut vorgelegt, die vom Motettenkreis mit sehr rundem und volltönigen Klang geradezu formvollendet wiedergegeben wurden.

Bereits am Samstag hatte der Märkische Motettenkreis die drei Teile des Oratoriums in der Johanneskirche am Nußberg aufgeführt. Am Sonntag war es nun das erste Mal seit 25 Jahren, dass Bachs unsterbliches Werk in der Friedenskirche erklang. Pfarrer Burckhardt Hölscher, der in seiner Begrüßung ehrlich empfundene Dankbarkeit dafür zum Ausdruck brachte, erinnerte sich auch an seine erste Begegnung mit dem Weihnachtsoratorium. Mit 21 Jahren als Student hatte er es erstmals in Bethel gehört, zuvor war er aus der ländlichen Kultur-Diaspora Ostwestfalens stammend, noch nie mit derartiger Musik in Berührung gekommen. Das Einzige, was er damals dazu hätte sagen konnte war: „Ich habe gar nicht gewusst, dass es so etwas Schönes gibt“.

Und das wurde es dann auch am Sonntag: Einfach nur himmlisch schön. Wofür neben dem Chor auch die vier Solisten Sonja Koppelhuber (Alt), Romy Petrick (Sopran), Marcel Reijans (Tenor) und ­Sebastian Noack (Bass) großen Anteil hatte. Vor allem Sonja Koppelhuber hatte starke Auftritte mit ihren Arien „Bereit dich, Zion“ und „Schließe, mein Herz“.

Sonderapplaus für Solisten im Orchester

Letzteres, nur von Violine, Cello und Truhen-Orgel begleitet, ging ganz besonders zu Herzen. Überhaupt brachten die vielen starken Solisten im Orchester die Arien und die schmuckvolleren Rezitative erst richtig auf Hochglanz. Dr. Besler hatte ja die Gründung des Neuen Bach-Collegiums NRW als Zusammenschluss von erfahrenen Musikern aus den großen Sinfonieorchestern des Landes 2015 – ebenfalls für eine Aufführung des Weihnachtsoratoriums – selbst mit angestoßen. Am Sonntag erwies sich dieses Orchester als Garant für den großen Erfolg. Man erlebt jedenfalls nur selten, dass in dem tosenden Schlussapplaus, der minutenlang vom Publikum in der sehr gut gefüllten Kirche im Stehen auf Dr. Besler und alle Mitwirkenden einprasselte, vor allem die Solo-Instrumentalisten des Orchesters mit so lautstarkem Einzelapplaus und Jubelbekundungen gefeiert werden.

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