Archäologie

Schwerter & Pflugscharen: Wie Südwestfalen Montanregion wird

Museumsleiterin Monika Löcken in der Dauerausstellung zur Eisengeschichte der Region in der Wendener Hütte.

Museumsleiterin Monika Löcken in der Dauerausstellung zur Eisengeschichte der Region in der Wendener Hütte.

Foto: Lars Heidrich

Wenden.  Hortfunde hat man in Südwestfalen nicht erwartet. Aber es gibt sie doch. Die Ausstellung „Eisenzeit“ erkundet die Montanvergangenheit

Der Kriegerpriester auf der Wallburg Kahle bei Lennestadt-Meggen weiß: Die Schwerter und Pflugscharen bilden einen unermesslich wertvollen Schatz, einen Hort. Sie sind aus Eisen. Wer sie besitzt, regiert die Welt. Und dennoch gehören sie den Göttern. Der Kriegerpriester zerstört Beile, Langmesser und Sensen. Und dann opfert er sie. Ob damit Regen erfleht oder den Sieg über Feinde, das wissen weder LWL-Archäologe Dr. Manuel Zeiler noch Monika Löcken, Direktorin des Museums Wendener Hütte. Sie haben die Ausstellung „Eisenzeit. Bergland zwischen Kelten und Römern“ in der Wendener Hütte konzipiert. Erstmals sind dabei neueste archäologische Funde zu sehen. Sie verändern den Blick auf unsere Region.

„Bisher ist man davon ausgegangen, dass das Bergland fundarm ist, etwa im Vergleich zur Hellwegzone. Die in den vergangenen sechs Jahren entdeckten Hortfunde widerlegen diese Annahme“, schildert Monika Löcken. Die bedeutendsten technischen Erfindungen der Eisenzeit ab etwa 800 vor Christus sind der Pflug und die Sense. Mit beiden Werkzeugen können selbst schwierige Böden urbar gemacht werden. In Südwestfalen, mitten im undurchdringlichen Urwald, entstehen kleine Siedlungsinseln. „Das kann man jetzt erstmals durch die Funde belegen“, so Monika Löcken.

Römer exportieren Blei aus Brilon

Der Rohstoffreichtum der Region lockt die Siedler an. Holz und Wasser sind vorhanden, und das Eisen lässt sich im Tagebau gewinnen. Im Siegerland entsteht eine der bedeutendsten Eisenproduktionen Europas. Unter keltischem Einfluss entwickeln die frühen Siegerländer die größten Eisenverhüttungsöfen ihrer Zeit. Im Sauerland dagegen nutzen etwas später die Römer von Norden her durch die Flusstäler kommend die Rohstoffe. In Brilon bauen sie Blei ab, das berühmte plumbum germanicum; Briloner Bleibarren sind sogar in Italien gefunden worden.

Die Kunst der Eisenverhüttung und des Schmiedens verändert die Welt. Auch der Alltag wird leichter. Zu den Exponaten gehört zum Beispiel ein Kesselgehänge, wenn man so will der Vorläufer des Thermomixes. Die Kessel selber waren aus Ton, Eisen war zu wertvoll und zu teuer. „Kesselgehänge werden nur selten archäologisch gefunden, denn sie sind meist sehr groß und gingen in der Regel nicht verloren: War das Kesselgehänge unbrauchbar geworden, brachte der Koch es zum Schmied, denn es hatte erheblichen Schrottwert“, so Monika Löcken.

Münzschatz

Interessant ist ein kleiner Münzschatz, der auf der Kuppe eines Berges bei Iserlohn vergraben wurde. Es handelt sich um sogenannte Dreiwirbelstatere aus Silber-Kupferlegierung, im Volksmund Regenbogenschüsselchen genannt. Geld ist in der Eisenzeit im Sauerland und Siegerland noch kein Zahlungsmittel, die Münzen werden wegen ihres Edelmetallwertes geschätzt. Auch Achsnägel gehören zu den bemerkenswerten Funden, belegen sie doch, dass man damals schon mit Wagen unterwegs war.

Funde überraschen die Experten

Um die Exponate in einen soziokulturellen Zusammenhang zu stellen, hat das Museum parallel einen eisenzeitlichen Lebensraum gestaltet, mit Wisent, Wolf und Rennofen. Die Besucher können Wolle mit der eisenzeitlichen Spindel spinnen und am Webstuhl zu Tuch verarbeiten, sie können auch Einkorn und Emmer zu Mehl mahlen.

Die Eisenzeit gibt in Südwestfalen allerdings weiterhin viele Rätsel auf. Zum Beispiel die Sache mit den Wallburgen. Wie Perlen an einer Schnur reihen sich diese Befestigungsanlagen über die Höhenzüge der Mittelgebirge; im Flachland gibt es sie nicht. „Die Wallanlagen waren keine dauerhaft besiedelten Plätze, sondern Fluchtburgen und Kultorte. Die Nutzung kann wechseln, wir reden über mehrere Jahrhunderte. Das ist der aktuelle Forschungsstand“, so Monika Löcken.

Dass man nun an Wallburgen wie der Kahle Hortfunde macht, die das Ergebnis von kultischen Ritualen sind, überrascht selbst Archäologen wie den Bergbau- und Metallexperten Dr. Manuel Zeiler von der Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie für Westfalen. Ob der Kriegerpriester vor über 2000 Jahren eine Vision hatte, wie die Sauerländer im 21. Jahrhundert geopferte Tüllenäxte wieder aus der Erde graben, bleibt eines von vielen Geheimnissen, welche die Region noch birgt. Denn nach dem Abzug der Römer werden viele Siedlungen wieder aufgegeben. Der Urwald erobert sich Sauerland und Siegerland zurück.

www.wendener-huette.de

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