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Rafael Laguna aus Bleche: So wurde er CEO von Open-Xchange

Rafael Laguna de la Vera ist CEO bei Open-Xchange in Olpe.

Rafael Laguna de la Vera ist CEO bei Open-Xchange in Olpe.

Foto: Verena Hallermann

Olpe.  Rafael Laguna de la Vera ist CEO von Open-Xchange in Olpe. Er erzählt, wie er bereits als Sechsjähriger kaufmännisch aktiv wurde.

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Rafael Laguna de la Vera gilt als Pionier des Cloud-Computings. Als CEO von Open-Xchange in Olpe erobert er den Markt für E-Mail-Hosting. Seine Webmail-Software erreicht heute mehr als 200 Millionen Nutzer. Er ist der Kopf dieses millionenschweren Start-Ups, Gesellschafter der Softwarefirma dicomputer – und Direktor der Bundesagentur für Sprunginnovationen. Doch hinter diesen Erfolgen steht ein bodenständiger Mann. Ein Mann, der klein angefangen hat.

Als Kind aus dem Osten, als Teenager mit Programmier-Talent schlägt er früh den Weg des Unternehmers ein. Wie denkt er über Erfolg? Und wie war er eigentlich als Schüler? Unserer Zeitung gibt Rafael Laguna einen privaten Einblick in sein Leben.

Mit dem Fahrrad durch Olpe

Rafael Laguna ist 55 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern. Er wohnt mit seiner Frau Susanne auf dem Land, am Rand des Ortes Berghausen in Gummersbach. Dort hat er gebaut. Es ist eine ländliche Region. Im Sommer grasen Schafe auf seiner Wiese, zwei Feldhasen fühlen sich dort heimisch. Und auch Nachbars Katze kommt manchmal vorbei. „Damals war ich zunächst mit dem Fahrrad in Olpe auf Grundstückssuche“, erinnert sich Laguna. „Wenn wir da was gefunden hätten, wären wir auch nach Olpe gezogen.“

Er kennt die Großstadt, die weite Welt. Der Unternehmer macht Geschäfte in den USA, in Asien. Und doch bleibt er seinen Wurzeln treu. Gebürtig stammt Rafael Laguna aus Leipzig. Er ist der Sohn eines spanischen Vaters und einer Mutter mit holländischen Wurzeln. 1974 reist die Familie in die Bundesrepublik aus, bleibt im Sauerland bei einer Großtante hängen. Rafael Laguna wächst mit seinem Bruder Carlos in Bleche auf. „Dort war nicht viel los für uns Jugendliche“, erzählt er. „Also habe ich mit ein paar Freunden eine Jugendgruppe gegründet und für Action gesorgt, indem wir Disco-Abende veranstaltet haben.“

Er hat damals schon viel Kontakt zum Cousin seiner Mutter. Alf Temme hat mit 18 Jahren eine Reise nach Los Angeles gewonnen und ist dort geblieben. 1976 brachte er die ersten Skateboards aus Amerika mit. Lagunas Eltern haben die erste Skateboard-Firma Deutschlands gegründet – in Bleche. „Wo auch sonst?“, lacht Rafael Laguna und erinnert sich daran, wie der ganze Ort plötzlich ins Skateboard-Fieber gefallen ist.

Schnapsfläschchen aus dem Intershop

Es ist diese Umgebung, die ihn geprägt hat. Die Eltern arbeiten freiberuflich als Dolmetscher, die Großeltern haben eine eigene Firma. Das Angestellten-Dasein gibt es in der Familia Laguna nicht. In den Sommerferien besucht der damalige Schüler seinen Großcousin regelmäßig. Alf Temme verkauft in LA Saunen – erfolgreich, im heißen Kalifornien. Rafael Laguna hilft im Geschäft aus, bringt stets die neueste Computer-Technologie nach Hause. Das Interesse ist schon damals groß.

Mit zwölf Jahren macht er seinen ersten Mikroelektronik-Lehrgang. Sein unternehmerischer Sinn ist aber schon viel früher geweckt. Als Sechsjähriger kauft er kleine Schnapsfläschchen im Intershop. Nicht zum Trinkern, sondern zum Verkaufen. Wenn seine Eltern Partys gefeiert haben, ist er aus seinem Zimmer gekommen und hat die kleinen Fläschchen angeboten – zum doppelten Preis, natürlich. „Für eine Westmark gekauft, für zwei Westmark verkauft“, sagt Laguna schmunzelnd. „In der DDR war das ein kleines Vermögen.“

Nach dem Umzug von Leipzig nach Bleche geht Rafael Laguna in Meinerzhagen auf das Gymnasium. Er ist ein kleiner Rebell, hat eigentlich nie wirklich gute Noten. „Meine Lehrer haben mich entweder ertragen oder bekämpft, glaube ich“, sagt er und lacht. „Das führte dazu, dass ich schon mal eine Fünf bekam und eine Nachprüfung machen musste.“ Mit 16 Jahren kommt er immer seltener zur Schule („Sagen wir, ich habe meine Anwesenheit optimiert und saß entsprechend oft beim Direktor.“). Er gründet sein erstes Unternehmen, Elephant Software.

Zweck ist der Vertrieb von Software für Mikrocomputer. Rafael Laguna schaltet Anzeigen in der Computerzeitschrift Chip, seine Eltern besorgen ihm ein eigenes Telefon – und der Verkauf läuft. „Ich erinnere mich noch gut an die Reisen nach Amerika“, sagt Laguna. „Dort habe ich die Software auf Kassettenbändern eingekauft und in Deutschland verkauft, später dann auch eigenentwickelte Software.“

30.000 DM Heizöl-Rechnung

Doch Rafael Laguna ist auch ein Teenager. In der Zeit hat er seine erste Freundin. Er liebt die Musik, raucht, feiert Partys. „Das Lady´s Inn kennt man nur, wenn man wirklich alt ist“, sagt der Unternehmer. „Das war damals die einzige Disco weit und breit.“ Nach seinem Abitur macht er Zivildienst – und hat zusammen mit einem Freund gleich die nächste Geschäftsidee. Die beiden übernehmen und renovieren ein Kino in Attendorn, das Apollo-Kino. Eigentlich lief auch alles gut. Doch es war ein kalter Winter, die Temperaturen sanken auf Minus 25 Grad. Dann kam die Heizöl-Rechnung. Mehr als 30.000 DM innerhalb eines halben Jahres. Rafael Laguna muss ein Darlehen aufnehmen. So lernt er erstmals dicomputer kennen. Er arbeitet dort, um seine Schulden zu tilgen.

Es war nicht der einzige Tiefschlag, den der Unternehmer in seiner Laufbahn hinnehmen muss. Während der Bankenkrise 2007 muss er fast der Hälfte der Mitarbeiter bei Open-Xchange kündigen. Aber er hat nie an seinem Weg gezweifelt. „Ich habe wenig Angst vor irgendwas, muss ich sagen“, erklärt Rafael Laguna. „Das Leben endet mit dem Tod. Das war mir schon früh klar. Man darf halt nicht leichtsinnig oder dumm sein, aber man braucht keine Angst haben.“

Neue Ziele vor Augen

Rafael Laguna denkt nicht daran, sich zurückzulehnen. Im Gegenteil. Er hat bereits das nächste Ziel vor Augen. Als Deutschlands Chef-Innovator, als Direktor der neuen Bundesagentur für Sprunginnovationen wird er interessante Projekte identifizieren und fördern. Wieder etwas Neues, wieder etwas, das ihn fordert. „Ich bin nicht gut darin, Dinge zu wiederholen“, erklärt er. „Mein Alltag war schon immer die Vermeidung von Alltag.“ Er wird Open-Xchange weiter voranbringen, weiter daran arbeiten, dass das Internet offen bleibt und nicht in den Händen von ein paar Monopolen liegt.

Der Unternehmer aus dem Sauerland ist heute ein zufriedener Mann. Er führt ein Leben fernab von Routine. Er ist stolz auf seine Tochter Pia, die BWL studiert, auf seinen Sohn, der Musiker ist („Der Leon lebt mein anderes Leben“).

Er ist auch stolz darauf, nie auf die Kritiker gehört zu haben. Die Menschen, die ihn fragten, wie er auf die Idee kommen könne, Microsoft oder Google Konkurrenz zu machen. Die Menschen, die sagten, er habe keine Chance. Doch ist er erfolgreich? „Die Frage ist, woran misst man das?“, sagt Laguna. „Ich habe ja jetzt nicht den riesigen Software-Konzern geschaffen. Ich bin erfolgreich für mich selber, ich bin für mich zufrieden. Ich bin happy, mit dem, was ich mache. Und das ist doch prima.“

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