Dialekte

Warum das Rhoder Platt ausstirbt

Laden zum letzten plattdeutschen Abend ein: Rudolf Grebe (links) und Helmut Ochel. Die beiden 76-Jährigen bedauern es zwar, aber die Resonanz für das Plattdeutsche gehe nun mal unweigerlich zurück.

Foto: Josef Schmidt

Laden zum letzten plattdeutschen Abend ein: Rudolf Grebe (links) und Helmut Ochel. Die beiden 76-Jährigen bedauern es zwar, aber die Resonanz für das Plattdeutsche gehe nun mal unweigerlich zurück.

Rhode.   Rudolf Grebe und Helmut Ochel laden zum letzten Abend in Rhode (Kreis Olpe) ein. Das Interesse der Jugend für das Plattdeutsche zu gering.

Eigentlich ist es ein trauriger Anlass, zu dem wir uns bei Rudolf Grebe in Rhode treffen. Neben ihm sitzt Helmut Ochel, und die beiden 76-Jährigen sind gekommen, um eine fast 30-jährige Geschichte Revue passieren zu lassen: Die des plattdeutschen Abends, der morgen, am Freitag, 2. März, um 19.30 Uhr im Speiseraum der Schützenhalle seine letzte Auflage erlebt: „Heute spricht kaum noch einer Platt, die Jungen ohnehin nicht mehr“, ziehen die beiden entschuldigend die Schultern hoch. Und mit einem Grinsen drückt Helmut Ochel das aus, was nicht nur der heimatlichen Sprache den Garaus bereitet: „Mit Whatts App kann man sich schwer auf Platt unterhalten.“

Rhoder Plattdeutsch - eine Kostprobe

Rudolf Greve (l.) und Helmut Ochel geben eine Kostprobe des Rhoder Platt. Der plattdeutsche Abend findet nach fast 30 Jahren zum letzten Mal in der Schützenhalle statt. Video: Josef Schmidt
Rhoder Plattdeutsch - eine Kostprobe

Idee reift in Wacholderbude

Ich brauche das Duo nicht lange zu bitten, mir eine Kostprobe zu geben und etwas übers Wetter in ihrer Dorfsprache zu sagen: „Dat Wier wärt wiar bärter“ grinsen die beiden, was soviel heißt wie „Das Wetter wird wieder besser.“ Legt das Duo richtig los, verstehe ich nichts mehr.

Die 30-jährige Geschichte des plattdeutschend Abends, der als Unterabteilung des Schützenvereins geführt wurde, müssen sie mir also auf Hochdeutsch erzählen: „Angefangen hat das eigentlich in der Wacholderbude auf dem Eben“, blickt Ochel zurück. Im berühmt-berüchtigten Pavillon an der Bundesstraße, den in Rhode jeder kennt, trafen sich die alten Rhoder zu Dönekes und Gedeck (Krombacher Flaschenbier und Wacholder). Gesprochen wurde - natürlich - platt. „Und irgendwann Ende der 80-er hieß es: Lot uns doch mol ‘n Stammtisch maken“, erinnert sich Ochel.

Die Idee reifte, und genau am 24. Februar 1989 fand der erste Plattdeutsche Abend in der damaligen Dorfgemeinschaftshalle statt, die später in Schützenhalle umfirmiert wurde. Die Väter der Bewegung waren neben Grebe und Ochel die inzwischen verstorbenen Ernst Feldmann und Hermann Heuel.

71 Interessierte bei erstem Abend

Dass die Idee zunächst eine immense Resonanz hatte, zeigen die Teilnehmerzahlen, weiß Rudolf Grebe zu berichten: „Wir hatten damals etwa 50 Mitglieder aus dem Schützenverein angeschrieben, von denen wir meinten, sie könnten noch Platt sprechen. Und zum ersten Abend kamen genau 71 Interessierte.“

Die Teilnehmerzahl pendelte sich zunächst bei 40 bis 50 ein, Ende der 2010-er Jahre sackte sie auf 30 bis 35, in den vergangenen Jahren kam nur noch ein gutes Dutzend. Für Grebe und Ochel war der Fall irgendwann klar: Das Ende ihres Plattdeutschen Abends nahte.

Helmut Ochel begründet das sehr anschaulich: „Wenn ich durchs Dorf gehe, treffe ich vielleicht noch eine Handvoll Leute, mit denen ich Platt sprechen kann. Schon die heute 50-Jährigen können es kaum noch. Und die Alten sterben natürlich irgendwann weg. Früher wurde in den Familien, außerhalb der Schule, überall im Dorf nur platt gesprochen, heute nirgendwo mehr.“

Und das, da sind beide einig, obwohl das Rhoder Platt doch eigentlich zur Identität des 1200-Seelen-Ortes zwingend dazugehöre.

Das Interesse an den Abenden selbst sei immer groß gewesen, zumindest bei denen, die gekommen seien. Denn Rudolf Grebe, ganz nebenbei Ortsheimatpfleger und begeisterter Hobby-Fotograf, sorgte für reichlich Programm und Gesprächsstoff: „Wir haben viele meiner alten Fotos auf einer Leinwand gezeigt. Und die Anwesenden konnten - natürlich auf Platt - dazu oft etwas erzählen.“ Ob nun alte Häuser, Landschaften oder Schulfotos zu sehen gewesen seien, den ein oder anderen Dönekes habe es immer gegeben.

Reichlich Literatur

Auch Gedichte und Geschichten auf Platt seien vorgetragen worden. Immerhin gebe es umfangreiche Literatur, auf die man habe zurückgreifen können: „Ob nun Maria Hütte aus Drolshagen, Gerhard Neu, Paul Brüggemann, Maria Droste oder Günter Ohm und Karl Schlimm, an plattdeutschen Texten hat es nie gemangelt“, sagt Rudolf Grebe. Und in seiner Stimme klingt unweigerlich Wehmut mit, in Gedanken daran, dass das alles in Vergessenheit geraten könnte.

Wie zum Beispiel das Rhoder Lied von Ernst Feldmann, wo es in der 3. Strophe heißt: „In unsen schöinen Biärgen kann me spazeyeren gohn, van hy ut kann me Ebbe seyhn, un bliebet aw und tau ok stohn... .“ - Übersetzt: In unseren schönen Bergen kann man spazieren gehn, von hier aus kann man das Ebbe (gebirge) sehn und bleibt ab und zu auch stehn... .

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