Landgericht

Weihwasser-Trinker: Gutachter gegen Klinik-Einweisung

Justizia wird am 30. April das Urteil fällen.

Justizia wird am 30. April das Urteil fällen.

Foto: WP

Siegen/Kreis Olpe.   Der Serien-Straftäter aus Olpe, der sich an Weihwasser vergriff, entgeht wohl der Psychiatrie. Ein Gutachter bewertete auch die Schuldfähigkeit.

Elfriede Dreisbach, Vorsitzende Richterin der Ersten Großen Strafkammer im Landgericht Siegen, wählte ganz deutliche Worte in Richtung des 30-jährigen Angeklagten: „Wenn das noch einmal derart eskaliert, verschwinden sie für eine ganz lange Zeit.“ Damit machte sie deutlich, wo es vermutlich im Prozess gegen den notorischen Randalierer, Dieb und Einbrecher gehen wird: Erst einmal doch nicht in die geschlossene Psychiatrie.

Weitgehend schuldunfähig

Denn kurz vorher hatte der psychiatrische Gutachter, Nervenarzt Dr. Bernd Roggenwallner (Dortmund) ausgeführt, der 30-Jährige verhalte sich derzeit normal.

Die vom Angeklagten verübten Straftaten, so der Psychiater, habe dieser allerdings entweder unter erheblicher Minderung seiner Steuerungsfähigkeit oder gar in völliger Schuldunfähigkeit begangen. Roggelwallners Fazit zum aktuellen Zustand des 30-Jährigen: „Die Voraussetzung für eine Unterbringung ist nicht naheliegend.“ Zum jetzigen Zeitpunkt werde der Mann nicht von der Psychose gelenkt, die ihn immer wieder in Episoden gestürzt habe.

Roggenwallner legte jedoch Wert auf die Feststellung, dass er eine dauerhafte therapeutische Begleitung mit entsprechender medikamentöser Einstellung für erforderlich halte. Auch, wenn sich der 30-Jährige momentan völlig unauffällig verhalte, sei dies vorbeugend angezeigt. Roggenwallner: „Andernfalls ist es sehr wahrscheinlich, dass es wieder passieren wird“, womit er die strafrechtlich relevanten Aussetzer des Angeklagten meinte.

Die waren unter anderem in Olpe und Wenden für eine ganze Serie von Straftaten und Randale verantwortlich, was für reichlich Gesprächsstoff gesorgt hatte. Immerhin hatte der Angeklagte im heißen Sommer seinen Durst mit Weihwasser in der St. Martinus-Kirche gestillt und eine Opferkerze malträtiert. Aber auch die Drogerie Müller in der Neuen Mitte und der Getränkemarkt In der Trift waren vor ihm nicht sicher. Extrem großen Sachschaden richtete er dabei zwar nicht an, aber überall, wo er auftrat, fast immer betrunken und unter Cannabis-Einfluss, musste die Polizei alarmiert werden.

Spielzeugautos und Bier

Mal waren es Spielzeug-Autos, die er mitgehen lassen wollte, mal traktierte er eine Fensterscheibe, um an ein paar Flaschen Bier zu kommen. Immer völlig unprofessionell, als ob er es darauf angelegt hätte, erwischt zu werden. Was nicht von der Hand zu weisen ist. Denn ein Polizist im Zeugenstand räumte ein: „Er hat immer wieder gesagt, dass er in den Knast wolle.“ Kein Wunder also, dass er die „Kollegen regelmäßig beschäftigt hat und regelmäßiger Gast in unserer Gewahrsamszelle war.“

Im Blickpunkt des Prozesstages stand auch der Lebenslauf des 30-Jährigen. Geboren und aufgewachsen in Kasachstan, wanderte er mit seiner Mutter und dem Stiefvater nach Deutschland ein, als er 14 war. Nach Schule und Ausbildung in einem Metallberuf ergriff ihn erstmals die Psychose, die auch Nervenarzt Roggenwallner bestätigte: „Bereits 2008 ist die Psychose mit Verfolgungs-Ideen, eine paranoide Schizophrenie, diagnostiziert worden.“ Mit Alkohol und Drogen habe sich der junge Mann offenbar selbst beruhigen wollen und die eigene Situation eher verschärft. In der Folge wechselten immer wieder private und berufliche Abstürze mit ernst gemeinten Neustarts.

Hilfe des Cousins

Endstation am 19. August 2018, als er von der Olpe Polizei festgenommen wurde und bis Ende März 2019 in U-Haft landete. Das jedoch, versicherte der Angeklagte, „hat mir das Leben gerettet.“ Im Knast sei er trocken und clean geworden und bis heute geblieben. Was sein Cousin, der ihn nicht nur bei sich zuhause aufgenommen, sondern auch noch die gesetzliche Betreuung übernommen hat, glaubhaft bestätigt: „Ich finde, er hat eine zweite Chance verdient. Ich wollte ihm so etwas wie familiäre Liebe zuteil werden lassen. Er hilft bei uns im Garten oder kocht auch mal. Und er nimmt keinerlei Drogen mehr.“

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