Kultur

Nachtwächter-Tour durch die Hansestadt Attendorn

Mit ohrenbetäubendem Lärm schicken die Valberter Jäger einen Salutschuss in den dunklen Abendhimmel. Auch sie sind Teil der Stadtführung mit dem Nachtwächter in Attendorn.

Foto: Martin Droste

Mit ohrenbetäubendem Lärm schicken die Valberter Jäger einen Salutschuss in den dunklen Abendhimmel. Auch sie sind Teil der Stadtführung mit dem Nachtwächter in Attendorn.

Attendorn.   200 Interessierte begleiten Nachtwächter Peter Höffer auf abendlichen Rundgang. Zweistündige Zeitreise durch die Historie der Hansestadt.

Dieter Auert geht es wie Heinz Rühmann in dessen Paraderolle als Pater Brown: „Er kann’s nicht lassen.“ Eigentlich hat das Attendorner Original den Part als Nachtwächter vor einem Jahr an Peter „Pittjes“ Höffer abgegeben und ist auch „froh, so einen echten Kerl gefunden zu haben“. Aber so ganz aufs Altenteil will sich Auert dann doch nicht zurückziehen.

So schlüpfte der bekannte Hansestädter am Mittwochabend in einen blauen Leinenkittel und begrüßte auf dem Alten Markt als „de Karl“ die rund 200 Teilnehmer bei der Stadtführung durch die „rauhen Nächte“.

Marktfrau, Ritter und „de Karl“

Nach und nach trudelten die anderen Hauptpersonen dieser ganz besonderen Führung durch das abendliche Attendorn auf dem zentralen Platz zwischen Südsauerlandmuseum, dem alten Rathaus der Hansestadt und dem Sauerländer Dom, der eigentlich gar kein Dom ist, ein. Zuerst tauchten Nachtwächter Peter „Pittjes“ Höffer, die Marktfrau Hulda, der Ritter von der Werth und Polizeidiener Hubert aus der Wasserstraße auf. Wenig später marschierten die Valberter Jäger auf dem Alten Markt ein und meldeten sich mit ohrenbetäubenden Salutschüssen.

Aber längst sind die Zeiten vorbei, als sich die Valberter Jäger blutige Scharmützel mit den Herren von Waldenburg lieferten. „Wir haben keine feindlichen Absichten mehr mit Attendorn“, verriet Zugführer Rasmus Berghaus augenzwinkernd. Anschließend ging es mit dem Nachtwächter und seinem Gefolge auf eine kurzweilige zweistündige Reise durch die Geschichte Attendorns, bei dem Peter Höffer und Dieter Auert interessante „Dönekes und Vertellekes“ erzählten.

Dom ist kein Dom und Bischof ist Klempner

Erst seit den 1930er-Jahren gibt es in Attendorn eine öffentliche Kanalisation. Zuvor wurde der Inhalt des Nachttopfs mitunter einfach auf die Straße geschüttet, was nicht ungestraft blieb. Die Pfarrkirche St. Johannes Baptist wird zwar „Sauerländer Dom“ genannt, ist streng genommen aber kein Dom. „Wir haben zwar auch einen Bischof, aber der ist Klempner“, verwies Peter Höffer schmunzelnd auf den ehemaligen Schützenhauptmann.

Es gab aber auch nachdenkliche Momente. So erinnerte der Nachtwächter vor dem Portal des Rivius Gymnasiums an Anna „Nana“ Kahn, die erste evangelische Schülerin dieser früher reinen Jungenschule. Auf das katholische St. Ursula Gymnasium durfte die Verwandte der jüdischen Familie Ursell nicht. Und nur mit „viel Überredungskunst“ (Peter Höffer) schaffte das junge Mädchen die Aufnahme am städtischen Gymnasium, wo sie 1929 das Abitur bestand.

Volles Haus in der Erlöserkirche

Nach ihrer Hochzeit mit Kurt Stern konvertierte sie zum jüdischen Glauben und mit der Auswanderung in die USA rettete sich die Familie vor der mörderischen Verfolgung des Naziregimes. Anna Stern schwor sich, nie wieder deutschen Boden zu betreten. Das hat sie bis zu ihrem Tod 2005 im Alter von 95 Jahren auch eingehalten. Trotzdem freute sie sich sehr, als sie 1959 von ihren ehemaligen Klassenkameraden eine Glückwunschkarte zum 30-jährigen Abi-Jubiläum erhielt.

Fast am Ende des abendlichen Rundgangs war Dieter Auert (alias „de Karl“) sichtlich stolz, Pfarrer Andreas Schliebener in der Erlöserkirche ein volles Haus präsentieren zu können. Der evangelische Geistliche erinnerte an die schwierigen Anfänge der Protestanten im katholisch geprägten Attendorn. „Heute haben wir ein gutes ökumenisches Verhältnis“, betonte Schliebener. Und für den vom Sturm umgewehten Weihnachtsbaum vor der Evangelischen Kirche können die Katholiken wirklich nichts.

Riesen-Wichernkranz als Vorbild

Der vor zehn Jahren von Attendorner Wagenbauern hergestellte Riesen-Wichernkranz soll in der Adventszeit vor der Erlöserkirche Licht auf die sozialen Notlagen von Menschen und vor allem die prekäre Situation von Kindern und Jugendlichen werfen. Mittlerweile, und darauf ist Pfarrer Andreas Schliebener stolz, sind nach „Attendorner Vorbild“ fünf dieser großen Adventskränze in fünf österreichischen Landeshauptstädten aufgestellt worden.

Zum Schluss des Besuchs in der Evangelischen Kirche wurde es noch einmal weihnachtlich. Dafür sorgte Pfarrer Schliebener, der auf der Trompete den Klassiker „Oh du Fröhliche“ spielte.

Nächste Stadtführung am Freitag, 29. Dezember

Die „rauhen Nächte“ sind die zwölf Nächte zwischen dem 26. Dezember und dem Tag der Heiligen Drei Könige am 6. Januar.

Die nächste kostenlose Stadtführung zu diesem Thema findet am heutigen Freitag statt, Treffpunkt ist wieder um 19 Uhr auf dem Alten Markt.

Neben Nachtwächter Peter „Pittjes“ Höffer, „de Karl“ Dieter Auert, Marktfrau Hulda, Ritter von der Werth und Polizeidiener Huber machen die Valberter Jäger und das Sauerland Halbmond-Bläserkorps „Horrido“ mit.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik