Biggesee

Mit dem Taucheranzug in die Listernohler Heimat

Nach der Film-Vorführung haben sich die Zeitzeugen Willi Kebben (links) und Wolfgang Keseberg (Mitte) viel zu erzählen. Rechts hört Karl Dickel zu, beim Ruhrverband viele Jahre auch für die Biggetalsperre zuständig.

Nach der Film-Vorführung haben sich die Zeitzeugen Willi Kebben (links) und Wolfgang Keseberg (Mitte) viel zu erzählen. Rechts hört Karl Dickel zu, beim Ruhrverband viele Jahre auch für die Biggetalsperre zuständig.

Foto: martin droste / WP

Neu-Listernohl.  Erinnerungen an für immer verlorene Orte weckte die Vorführung des WDR-Films „Der Biggesee und die versunkenen Dörfer“ in Neu-Listernohl

„Schon wieder ein Film über den Biggesee. Das Thema ist doch durch!“ Hans-Werner Scharioth machte aus seiner Skepsis keinen Hehl, als er zum ersten Mal vom WDR-Projekt „Der Biggesee und die versunkenen Dörfer“ hörte. Die Zurückhaltung hat der Vorsitzende des Dorfvereins Neu-Listernohl und „Chronist“ des alten und neuen Ortes längst abgelegt. „Das ist ein ganz toller Film geworden“, ist Scharioth am Dienstagabend im Café Moses genau so begeistert wie die allermeisten der Zuhörer. Darunter sind viele Zeitzeugen, die noch im alten Biggetal gelebt haben und dort aufgewachsen sind.

Zwölf Tage für die Dreharbeiten

Eingeladen hat der WDR an diesem Abend zu einer sprichwörtlichen „Vorführung“ des dreiviertelstündigen Films, der am Freitagabend ab 20.15 Uhr im WDR-Fernsehen läuft. Drei Monate hat der aus Hagen stammende Autor Peter Scharf daran gearbeitet, die Dreharbeiten vor den Sommerferien dauerten zwölf Tage. „Die Menschen waren unkompliziert und sehr aufgeschlossen“, lobt Scharf die Einheimischen, die in diesem Film mitgemacht haben.

Einer davon ist Willi Kebben. „Ich war damals der jüngste Stadtverordnete von Attendorn. Wir Listernohler hatten es nicht einfach“, sagt der Neu-Listernohler. Entschieden wehrten sich die Bewohner des in den Fluten versunkenen Biggetals gegen Pläne, sie am Rand von bestehenden Ortschaften anzusiedeln. „Das war ein ganz harter Kampf“, wird Kebben im Film zitiert.

Zu den Zeitzeugen, die viel zu erzählen haben, gehört auch Orland Pfeiffer. Der streitbare ehemalige SPD-Politiker fehlt krankheitsbedingt an diesem Abend, kommt im WDR-Film aber ausführlich zu Wort. „Wir waren die erste Bürgerinitiative Deutschlands nach dem Krieg“, beschreibt der 81-Jährige die Interessengemeinschaft, die dafür gesorgt habe, dass die Bewohner in „neuen Dörfern direkt am See“ ihre zweite Heimat fanden. „Als es im alten Dorf zu Ende ging, haben wir noch einmal richtig gefeiert“, erinnert sich Orland Pfeiffer.

„Die Geschlossenheit im Dorf war groß“, pflichtet ihm Willi Kebben bei. Und wie zum Beweis stimmt im Film Dieter Fricker das von Heinz Schnüttgen gedichtete Lied „Im Tal, wo die Lister rauscht“ an. „Ich denke noch oft an das alte Dorf“, erzählt Fricker nach der Vorführung im Café Moses. Aber leben möchte wohl keiner der ehemaligen Bewohner mehr in den alten Ortschaften mit Plumpsklo und so weiter ... , auch Dieter Fricker nicht.

Der Verlust der Heimat beschäftigt die Zeitzeugen aber nach wie vor. „Nie mehr zurückkommen zu können, das war das Endgültige“, betont Annette Heuel im Film. „Ganz schrecklich“ findet sie die Bilder von abgebrannten Häusern im alten Dorf.

Super-8-Aufnahmen wecken Erinnerungen

Auch Beatrix Wickel nennt die im Film zum ersten Mal gezeigten Super-8-Aufnahmen später „erschreckend“. Die historischen Bilder hat Hubert Kaiser mit seiner Kamera gemacht, der damals als Baggerfahrer bei den Abrissarbeiten im Einsatz war. Mit viel Geduld und der Hilfe von Tochter Dagmar Kaiser konnte Peter Scharf den Listerscheider überreden, diese einmalige Aufnahmen für den WDR-Film zur Verfügung zu stellen. Die brennenden Häuser werden die Zuschauer wohl nicht so schnell vergessen.

Das gilt auch für Hans-Werner Scharioth, der über ein riesiges Archiv von alten Fotos verfügt. Der Neu-Listernohler ist als Kind im alten Dorf aufgewachsen und hat beim Blick auf die Biggetalsperre auch immer das „vor Augen, was unter dem Wasser war“. Zurück an die Plätze, wo er großgeworden ist, könnte Scharioth aber nur „mit Taucherausrüstung“. Am Grunde des Biggesees würde er so gut wie nichts mehr von seiner alten Heimat finden.

„Wir hatten ein Paradies“, verklärt Orland Pfeiffer im WDR-Film die Vergangenheit. Die damals größte Baustelle Europas war für die Kinder und Jugendlichen ein großer Abenteuerspielplatz. Wolfgang Keseberg, Seniorchef der Biggesee-Personenschifffahrt und im versunkenen Biggetal aufgewachsen, ist mit seinem Bruder auf einen der riesigen im Bau befindlichen Brückenpfeiler geklettert – zum großen Entsetzen seiner Mutter.

„Wir sind mit dem Kindergarten durch die Baustelle der Doppelstockbrücke gegangen, ohne Helm. Das wäre heute unvorstellbar“, berichtet Beatrix Wickel.

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