Freiwilligendienst

Junge Heggenerin arbeitet im Freiwilligendienst in Kapstadt

Zoë Gomez-Sprenger arbeitet im Freiwilligendienst in Kapstadt. Abseits ihres „ganz normalen Arbeitsalltags“ in einem Haus für von Gewalt betroffene Frauen und Kinder lernt sie in ihrer Freizeit das Land kennen.

Zoë Gomez-Sprenger arbeitet im Freiwilligendienst in Kapstadt. Abseits ihres „ganz normalen Arbeitsalltags“ in einem Haus für von Gewalt betroffene Frauen und Kinder lernt sie in ihrer Freizeit das Land kennen.

Foto: Privat

Kapstadt/Heggen.  Zoë Gomez-Sprenger arbeitet im Freiwilligendienst in Kapstadt. Sie ist dort tätig in einem Haus für von Gewalt betroffene Frauen und Kinder.

Es stürmt in Südafrika und das Internet ist nur sporadisch verfügbar, als wir mit Zoë Gomez-Sprenger aus Heggen sprechen. Unsere Verbindung wird immer wieder unterbrochen. Die 19-Jährige ist seit einem halben Jahr in Kapstadt. Dort, am südwestlichen Zipfel Afrikas, arbeitet sie im Freiwilligendienst in einem Haus für von Gewalt betroffene Frauen und Kinder. In sechs Monaten wird sie wieder nach Hause kommen, über ihr Jahr Berichte schreiben und an Seminaren teilnehmen, die zukünftige Freiwillige auf ihre Einsätze vorbereiten sollen. Was aber genau ist die Motivation von Zoë? Vor welche Herausforderungen sieht sich die junge Frau gestellt und worin findet sie den Mehrwert für sich und für andere?

Ein Jahr im Ausland

Nachdem Zoë im vergangenen Sommer am Berufskolleg Olpe ihr Fachabitur mit Schwerpunkt Sozial- und Gesundheitswesen abgelegt hatte, entschied sie sich, für ein Jahr im Ausland zu arbeiten. Vom entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „weltwärts“, der 2008 vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Leben gerufen wurde und junge Menschen in eines von über 15 Ländern in Afrika, Asien oder Lateinamerika entsendet, wurde sie in die Metropole am Fuße des weltberühmten Tafelbergs und umgeben von zwei Ozeanen geschickt. Ihre Entsendeorganisation ist der gemeinnützige Verein ICJA, eine von insgesamt 160 Entsendeorganisationen im weltwärts-Programm und eine der ersten überhaupt, die von weltwärts anerkannt wurden.

„Meine Mutter war in ihren jungen Jahren schon mit ICJA unterwegs“, erzählt Zoë , die neben der deutschen auch die kolumbianische Staatsbürgerschaft besitzt, was für sie aber nicht ein Leben zwischen zwei Kulturen bedeutet, sondern ganz im Gegenteil für Offenheit steht, die ebenso schlicht wie ergreifend ´Leben` heißt. Und genau das ist der Grund, warum es sie – um im Bild zu bleiben – weltwärts gezogen hat. „Ich glaube, dass mir Deutschland nicht die richtige Weltanschauung gibt. Hier ist alles verständlich und selbstverständlich und vergleichsweise luxuriös. Ich möchte das, was in der Welt los ist, nicht nur aus den Nachrichten wissen, sondern selbst erleben.“

Manche haben keine Familie

Fünf Tage in der Woche, acht Stunden täglich, arbeitet Zoë in dem Haus, das in einem Township von Kapstadt liegt. Die Frauen und Kinder, die in dem lokalen ehrenamtlichen Projekt, das sich zu einem großen Teil aus Spenden finanziert, Zuflucht finden, kommen aus allen Schichten und Teilen der Stadt und Region. Die Gründe dafür sind ebenso vielfältig. Manche haben keine Familie. Andere haben Drogenprobleme. Eine große Rolle spielt auch die Gangkriminalität. „Im Vergleich zu Deutschland fehlt es hier an Hilfsangeboten und Netzwerken, die auffangen. Wenn etwas schiefläuft, dann richtig“, schildert Zoë, die in dem Haus sozusagen das Mädchen für alles ist. „Ich kümmere mich darum, dass die Frauen alles haben, sorge für die Dinge des täglichen Bedarfs und dass der Laden läuft, unterstütze sie auch mal dabei, ihren Lebenslauf zu schreiben oder helfe, wenn es die Zeit zulässt, im angeschlossenen Kindergarten.“

Ein ganz normaler Arbeitsalltag also, indes unentgeltlich und, wie Zoë erzählt, in „einer der fieseren Gegenden der Stadt“. Alleine vor die Tür darf sie nicht. Und auch ihre Gastfamilie, die in einem anderen Teil von Kapstadt lebt, erlaubt ihr nicht, nach Sonnenuntergang auf die Straße zu gehen. Überhaupt sei man „etwas altertümlich“, findet Zoë. So müsse sie als Mädchen beispielsweise den Abwasch machen, ihr Gastbruder hingegen nicht. Und das Erbe des Kolonialismus und der Apartheit seien immer noch zu spüren. „Die, die nicht gut drauf sind, sind aber nur zwei von zehn Menschen hier“, resümiert sie und lobt die unglaubliche Herzlichkeit, die ihr entgegengebracht wird. „Sie sagen Sweety-Pie zu mir. Man fühlt sich direkt so geliebt. Und das ist einfach schön.“

Natürlich gebe es auch in Deutschland genug zu tun und natürlich müsse man nicht um die halbe Welt reisen, um zu helfen. „Zu allererst wollte ich raus. Seit ich hier bin, merke ich aber, dass es nicht nur wegen mir selbst ist.“ Im Gegensatz zu ihrer eigenen Person, die privilegiert sei und es sich leisten könne, ein Jahr unentgeltlich zu arbeiten, könnten das die Menschen vor Ort eben nicht oder wenn, dann nur für ein paar wenige Stunden. „Die Erfahrungen, die ich mache, finde ich sehr wertvoll und die Unterschiede zu meiner, mir bekannten Welt sind manchmal echt heftig“, spricht sie nicht nur vom Helfen, sondern auch vom Lernen, vom Gewinnen eines realistischen Bildes anderer Kulturen. Dass Südafrika respektive Kapstadt nicht ihre einzige Station sein wird, ist für Zoë schon klar. „Hier bin ich zufällig gelandet. Ich bin ja noch jung und fange gerade erst an, die Welt zu entdecken“, sagt sie.

Ein Milliardenmarkt

Immer mehr junge Menschen gehen nach der Schule ins Ausland. Tatsache ist allerdings, dass die Entsendezahlen der Freiwilligenprogramme seit einigen Jahren zurückgehen. So beliefen sich die Entsendezahlen bei weltwärts nach einem Anstieg in 2016 auf 3.747 Freiwillige in 2018 nur noch auf 3.382. Der AKLHÜ e. V. (Netzwerk und Fachstelle für internationale personelle Zusammenarbeit) vermutet einen Zusammenhang dieses rückläufigen Trends mit der zunehmenden Konkurrenz durch kommerzielle Freiwilligenangebote, dem sogenannten Voluntourismus – eine Wortschöpfung, die sich aus Volunteering und Tourismus zusammensetzt –, der sich durch eine hohe Flexibilität auszeichnet. In den letzten Jahren zu einem Milliardenmarkt angewachsen, sieht er sich auch mancher Kritik um zweifelhafte Projektpartner, um Sinn und Unsinn ausgesetzt.

Zoë jedenfalls ist glücklich mit ihrer Wahl: „Das Projekt hat mich bis jetzt mehr gestärkt auf Menschen einzugehen als alle Praktika in Schule und drumherum. Jetzt bin ich überzeugt davon, dass man etwas machen und sich einbringen kann.“

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