Interview

„Herzlichkeit und Güte, die etwas Heiliges hatten“

Gerhard Rüsche

Gerhard Rüsche

Foto: Volkher Pullmann

Drolshagen.   Gerhard Rüsche aus Drolshagen war 60mal in Rom und berichtet im Interview von seinen Begegnungen mit Päpsten und kuriosen Ereignissen

Gerhard Rüsche aus Drolshagen hat 60 Mal die Heilige Stadt besucht, er hat Päpste aus nächster Nähe erlebt, ist mehrfach bestohlen worden und musste sich mit Quertreibern in der Reisegruppe auseinandersetzten. Wir sprachen mit Gerhard Rüsche über seine Erlebnisse. Sie waren insgesamt sechzigmal in Rom – in einer Stadt, die schon in der Antike eine Metropole war. Nach 60 Besuchen hat man Sie doch wohl schon wie einen alten Freund per Handschlag in Rom begrüßt. . . Gerd Rüsche: (lacht) Ja, tatsächlich. In zwei Hotels, auch in Lokalen, in denen ich mit Gruppen häufig war, bin ich mit herzlichen Umarmungen empfangen worden.

Erzählen sie doch einmal von den Anfängen…
Mein erster Kontakt mit Rom kam durch eine Klassenfahrt in der Oberprima zustande. Nach meinem Abitur in Stade und Studium in Hamburg und Münster bin ich 1975 während meiner Referendarzeit in Lüneburg mit einer Pilgergruppe erneut in die Ewige Stadt gefahren, weil dort ein Heiliges Jahr gefeiert wurde.

Die meisten Ihrer Reisen absolvierten Sie als Reiseleiter. Wie kamen Sie dazu?
Als ich 1977 nach Drolshagen umgezogen war und am Städtischen Gymnasium Olpe meinen Dienst angetreten hatte, wurde mein Rom-Interesse wieder geweckt – kein Wunder bei meiner Fächerkombination. 1980 erfolgte dann meine Anmeldung bei der VHS für eine Romfahrt. Der damalige VHS-Leiter Klaus Droste erklärte mich zum „geborenen Reiseleiter“, als ich ihm erzählt hatte, dass ich schon zweimal dort war. Zusammen mit Erich Kaiser, einem ehemaligen Rektor der Sonnenschule in Attendorn, übertrug er mir die Begleitung einer 49-köpfigen Gruppe. Wir wurden förmlich ins kalte Wasser geworfen. Klaus Droste verdanke ich daher meine Karriere als Reiseleiter. Sie unterrichteten die Fächer Geschichte und Latein, waren also geradezu prädestiniert für Rom-Fahrten. Klar, nach weiteren VHS-Romfahrten als Reiseleiter begannen auch Fahrten mit meinen Geschichtskursen am SGO, denen sich Kollegen anderer Fächer gern anschlossen. Die Schülerinnen und Schüler waren zwar überwiegend von den Kulturgütern Roms begeistert, pochten aber auch auf eine ausreichende Freizeit. Mit welchen Gruppen oder Organisationen haben Sie die meisten Romfahrten unternommen?

Das genauer nachzuhalten ist gar nicht so einfach. Nach meiner Wahl zum Vorsitzenden des Kulturvereins Drolshagen 1994 habe ich mehrere Vereinsfahrten nach Rom organisiert, die das Drolshagener Reiseunternehmen Sauerlandgruß-Reisen durchführte. Daraus ergab sich die Möglichkeit, bei dieser Firma als nebenberuflicher Reiseleiter für Rom und andere Städte jahrelang tätig zu sein. Sie blicken sicher auch auf viele Höhepunkte zurück. Natürlich gab es einige besondere, auch emotionale Momente. Ich bin bei den vier letzten Heiligen Jahren mit Gruppen vor Ort gewesen. Heilige Jahre finden seit 1300 normalerweise alle 25 Jahre statt. Aber es gibt auch immer wieder Ausnahmen. 1983 rief Papst Johannes Paul II. ein außerordentliches Heiliges Jahr aus. Als er im Petersdom in nur zwei Meter Entfernung an unserer Gruppe vorbeiging, waren wir alle von der Aura dieses Mannes gefesselt. Aus seinen Gesichtszügen sprachen eine unbeschreibliche Güte und Herzlichkeit, die etwas Heiliges an sich hatten. Ich habe ihn später bei Audienzen, die zu jeder Romfahrt gehörten, noch einige Male als todkranken Mann erlebt, der mit letzter Kraft und mit gebrochener Stimme seinem Amt als Pontifex nachkam, und ich war heftig erschüttert. Haben sie auch Nachfolger von Papst Johannes vor Ort erlebt?
Ja. Ein ganz anderer Typ war Benedikt XVI, der eher intellektuell und etwas spröde daherkam, aber in Italien durchaus geachtet war. Bei seinen Audienzen kam jedoch bei weitem nicht die Stimmung auf wie unter seinem Vorgänger. Dafür herrscht seit der Amtsübernahme von Papst Franziskus eine überschäumende Begeisterung, wenn er mit seinem Papamobil durch die Menschenmenge 30.000 und mehr Enthusiasten. Er hält nicht viel von Konventionen und ist vielleicht auch deshalb bei den Gläubigen so beliebt.
Ihr Programm war ja straff durchorganisiert, was kaum anders ging. Hatten Sie auch unvorhergesehene Ereignisse, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?
Oh ja. Zu den völlig ungeplanten Erlebnissen gehörte ein zufälliges Treffen mit dem Deutschen Kurienkardinal Paul Josef Cordes aus Kirchhundem, der einen Teil unserer Gruppe auf dem Petersplatz traf und mit in seine Wohnung nahm. Er erwies sich als ein ausgesprochen freundlicher und zuvorkommender Geistlicher, der nicht abgehoben war, wie ich es bei anderen „Hochwürden“ häufig erlebt habe. Bei meinen Romfahrten habe ich auch Kontakt gehabt zu Pater Hugo Scheer aus Olpe, der drei Jahre im Haus seiner Steyler Missionare in Rom verbrachte. Er hat mir gute Insidertipps gegeben und sogar mit mir zusammen Karten für unsere Gruppe anlässlich einer Messe mit dem Papst im Petersdom organisiert. Ich kam bei dieser Gelegenheit bis hoch in den Vatikanpalast und fühlte mich dem Himmel nah.
Das hört sich alles sehr schön an, sehr positiv. Lief auch mal etwas aus dem Ruder? Bei sechzig Rom-Besuchen gab es auch mal Schatten. 2007 wurden mir im Hotel direkt nach der Ankunft die Unterlagen gestohlen – und das ausgerechnet neben der Kirche Santa Croce, einer der sieben Pilgerkirchen. Diebstähle kamen immer wieder vor. Ich selbst bin fünfmal bestohlen worden. Vereinzelte Krankheitsfälle und Unfälle zählten auch zu den unliebsamen, aber zum Glück seltenen Vorkommnissen. Natürlich war ich immer froh, wenn die Gruppe ohne gesundheitlichen und materiellen Schaden wieder nach Hause kam.


Wenn Sie heute zurückblicken, nach insgesamt über einem halben Jahrhundert: Welche Veränderungen haben Sie festgestellt? Es waren oft sehr unterschiedliche Gruppen. Ältere Teilnehmer bevorzugten die Kultur, jüngere das Flanieren und Chillen. Einzelne Quertreiber konnten aber auch eine eigentlich positive Stimmungslage in der Gruppe zum Negativen wenden. Merklich gestiegen sind in den letzten Jahren die Ansprüche an die Veranstalter und Reiseleiter. Um des Verkehrs Herr zu werden, hat die Verwaltung ausländische Busse aus der Innenstadt verbannt. Neben dem Vatikan ist ein unterirdisches Parkhaus für einheimische Busse entstanden. Das Gedrängel in den öffentlichen Verkehrsmitteln ist unerträglich geworden. Bedauerlich, dass wegen der Terrorismusgefahr Zäune und Zelte den Gesamteindruck stark beeinträchtigen. Während ich früher die Führungen in den Kirchen, Museen und auf dem Forum Romanum selbst vornehmen konnte, herrschen jetzt überall Kontrollen. Im Vatikan sind die Aufpasser päpstlicher als der Papst.

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