Schwangerschaftsabbruch

„Ich habe mein Kind abgetrieben und bereue es“

Gabi W. steht am Spielplatz in Olpe. Sie hält einen Schnuller in der Hand. Es ist 20 Jahre her, als sie ihr Kind abgetrieben hat.

Gabi W. steht am Spielplatz in Olpe. Sie hält einen Schnuller in der Hand. Es ist 20 Jahre her, als sie ihr Kind abgetrieben hat.

Foto: Verena Hallermann

Attendorn.  Gabi W. hat vor mehr als 20 Jahren ihr Kind abgetrieben. Bis heute bereut sie ihre Entscheidung. Jetzt erzählt sie ihre Geschichte.

Sofort am nächsten Tag bereut sie ihre Entscheidung. Kaum hat sie das Krankenhaus verlassen. Es ist ein Samstag. Gabi W. (Name von der Redaktion geändert) fährt nach Hause. Draußen ist es kalt. Der Wind lässt die Baumspitzen zittern. Sie schaut durch die Windschutzscheibe auf die Straße. Nein, sie möchte jetzt nicht denken. Sie möchte diese Gedanken nicht zulassen. Nicht jetzt. Nicht hier. Aber es ist nicht mehr da. Das Lebewesen in ihrem Bauch ist nicht mehr da. Gabi W. hat ihr Kind abgetrieben. „Ich weiß nicht, was ich getan hätte, hätte ich in dem Moment darüber nachgedacht“, sagt sie.

Eine völlige Leere

Gabi W. ist 55 Jahre alt und lebt im Raum Attendorn. Sie möchte nicht erkannt werden. Zu groß ist die Angst, für ihre Entscheidung geächtet zu werden. Mehr als 20 Jahre sind seitdem vergangen. Die kaufmännische Angestellte denkt bis heute an diesen Tag im Winter 1999. Nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, fährt sie nach Hause, macht den Fernseher an. Sie beginnt ein Buch laut zu lesen, schaltet das Radio an. Ablenken, nur irgendwie ablenken, denkt sie sich damals. „Ich fühlte mich, als hätte ich Watte im Kopf“, erzählt sie. „Als wäre da eine völlige Leere.“ Doch es hilft nicht. Nichts hilft. Sie hat es getan. Reue erschüttert sie – obwohl sie ihre Gründe hatte, obwohl sie genau weiß, warum sie diesen Schritt gegangen ist, erfüllt Schmerz ihre Seele.

Die Geschichte von Gabi W. beginnt schon zwei Jahr früher. Im Juli 1997. Sie ist in einer Beziehung. Eigentlich läuft alles gut. Doch dann wird sie schwanger. Er will das Kind nicht. Für die damals 32-Jährige steht fest, sie wird das Kind bekommen. „Ich habe sofort alles stehen und liegen lassen und bin ausgezogen“, erzählt sie. Sie freut sich auf ihr Kind. So sehr. Auch ohne Partner. Junge oder Mädchen, das ist ihr egal. Dann endlich ist die kritische Phase vorbei. Gaby W. ist fast im fünften Monat. Ein Gefühl der Erleichterung, der unbändigen Liebe. Doch es kommt anders. Es ist ein Dienstag als die Blutung einsetzt. „Wissen Sie, was das bedeutet?“, fragt sie. Gabi W. versagt die Stimme. Sie greift nach der Handtasche, fischt ein Taschentuch hervor, hält es sich vor das Gesicht und erzählt weiter. Von dem Tag im Krankenhaus. Als die Wehen eingeleitet wurden. Als sie da lag und weinte. Als sie sich vor Übelkeit übergeben musste. Als niemand da war, der ihr die Hand hielt – als sie das tote Kind zur Welt brachte. „Ich weiß, dass es ein Mädchen war“, sagt sie. „Ich weiß es einfach.“

Panik kommt auf

Ein Jahr später lernt sie ihren heutigen Ehemann kennen. Sie weiß sofort, er ist der richtige. Gabi W. spricht von Seelenverwandtschaft. Doch ein Schatten liegt über ihrer Liebe. Sein Sohn aus erster Ehe ist gegen die Beziehung, kämpft gegen die neue Frau an der Seite seines Vaters. Eine Situation, die die Familie belastet. Das Chaos setzt Gabi W. zu. Sehr sogar. Sie zweifelt zeitweise, ob sie das auf Dauer aushält. Und dann ist sie schwanger. Es ist ein Freitag, als sie morgens den Test macht. Auf der Arbeit kann sie keinen klaren Gedanken fassen. Natürlich wünscht sie sich ein Kind. Und mit ihrem Traummann erst recht. Doch Panik kommt in ihr hoch. Eine unbeschreibliche Panik.

Gabi W. steht völlig neben sich. Nicht nur wegen der Terrorisierung des Sohnes aus erster Ehe – sie denkt an ihr Mädchen. Das Mädchen, das nie leben durfte. „Was wenn es mir wieder genommen wird?“, fragt sie sich damals. Letztlich ist es jedoch die Reaktion ihres Mannes, die ihr den letzten Mut nimmt: „Dafür bin ich zu alt.“ Gabi W. fährt an dem schicksalhaften Tag allein ins Krankenhaus.

Es hätte doch gut gehen können – Gabi W. denkt heute noch oft über ihre Entscheidung nach. Warum war keiner da, der mir den Kopf gewaschen hat? Warum hatte ich nicht den Mut, es zu versuchen? Trotz dieser Panik, dieser Angst. Es hätte doch einen anderen Weg geben können. Gabi W. hat einen kleinen Schuhkarton, in dem sie Erinnerungen sammelt. Dort verwahrt sie auch ihren Mutterpass. „Anschauen kann ich mir das nicht“, sagt sie. „Das ertrage ich nicht. Je älter ich werde, desto schlimmer wird es. Um mich herum haben alle Kinder und Enkelkinder.“

Anderen Frauen helfen

Gabi W. möchte anderen Frauen, die ähnliches erlebt haben, helfen. Sie leitet die neu gegründete Selbsthilfegruppe, möchte für andere da sein – möchte die Ansprechpartnerin sein, die ihr einst gefehlt hat. Sie weiß, wie wichtig es ist, jemanden nach so einer Entscheidung zum Reden zu haben. Denn niemand, der sowas nicht erlebt hat, kann das nachempfinden. „Ich möchte für die Frauen da sein“, sagt sie. „Vielleicht können wir so gemeinsam stark sein.“

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