ÖPNV

„Emily“ in Drolshagen: So viel Zukunft steckt im Elektrobus

Günter Padt, Geschäftsführer Zweckverband Personennahverkehr Westfalen-Süd

Günter Padt, Geschäftsführer Zweckverband Personennahverkehr Westfalen-Süd

Foto: Verena Hallermann

Kreis Olpe.   Am Wochenende, 16. und 17. März, kommt der Elektrobus nach Drolshagen. Und das ist erst der Anfang. Es gibt große Pläne, sagt Günter Padt (ZWS)

Es ist schon eine tolle Sache: Ein Bus, der sich völlig alleine durch den Verkehr bewegt. Ohne Lenkrad, dafür mit Sensoren und Kamera ausgestattet. Was sich zunächst wie Zukunftsmusik anhört, wird an diesem Wochenende in Drolshagen Realität. Der vollautomatisierte Elektrobus, der in Berlin unter dem Namen Emily bekannt wurde, fährt für zwei Tage auf der Gerberstraße. Und das ist erst der Anfang. Es gibt Pläne, die über Drolshagen hinausgehen, erzählt Günter Padt, Geschäftsführer des Zweckverbands Personennahverkehr Westfalen-Süd.

Fangen wir mal mit der Geschichte an: Wie hat es der ÖPNV nach Südwestfalen geschafft?

Günter Padt: Es fing 1895 mit der weltweit ersten motorisierten Omnibuslinie von Siegen, über Siegen-Weidenau nach Netphen-Deuz an. Damals hatte die Netphener Omnibusgesellschaft, die speziell für diesen Zweck gegründet wurde, ein Fahrzeug bei der Firma Benz für 5000 Goldmark gekauft Da passten gerade acht Leute rein. Daraus hat sich letztlich nach und nach der Öffentliche Personennahverkehr entwickelt. Nachdem im Siegener Kernraum die Straßenbahn abgeschafft wurde, kamen hier sogenannte O-Busse zum Einsatz. Also Busse, die elektrisch fahren und ihren Strom über eine Oberleitung beziehen. Das war mit Blick auf den Antrieb, eben weil sie keine fossilen Brennstoffe wie Diesel benötigten, schon eine gute Sache.

Also im Prinzip die Urahnen von Emily...

Emily ist was ganz anderes. Hier wird gerne von autonomem Fahren gesprochen. Aber Emily ist nicht autonom. Autonom heißt ja, dass ein Fahrzeug, seinen Weg auf der Straße selber suchen kann. Völlig unabhängig. Emily ist ein vollautomatisierter Betrieb.

Das heißt?

Der Korridor wird eingemessen. Es gibt konkrete Punkte, an denen Emily sich orientiert. Ein Lenkrad gibt es nicht, das heißt der Weg wird einprogrammiert und dann fährt das Fahrzeug genau diesen Weg. Das Fahrzeug ist ausgestattet mit Radar und Kamera. Sobald es irgendwo ein Hindernis erkennt, reagiert es. Im Abstand von 1,30 Meter wird Emily schon langsamer. Wenn im Abstand von 30 Zentimeter immer noch ein Hindernis erkannt wird, kommt sofort die Vollbremsung.

Also eine sichere Sache?

Ja. Am Samstag und Sonntag wird ein Fahrtbegleiter im Auto sitzen, der theoretisch eingreifen kann und den Nothalt manuell betätigen kann. Aber das ist eigentlich nicht notwendig. Das Fahrzeug hat in Berlin an 233 öffentlichen Betriebstagen 3307 Fahrgäste befördert und 517 Kilometer ohne Probleme oder Unfälle zurückgelegt. Und das auf einem Platz, wo die Leute kreuz und quer laufen. In Drolshagen lassen wir Emily auf einer abgesperrten Straße fahren. Die Sicherheit ist gewährleistet, dafür haben wir gesorgt.

Wie groß ist denn der Elektrobus eigentlich?

Da gehen sechs bis zwölf Leute inklusive Fahrbegleiter rein.

Ist dieses vollautomatisierte Fahren denn überhaupt realistisch für Südwestfalen? Ist das die Zukunft?

Wir haben jetzt erst mal eine Machbarkeitsstudie auf den Weg gebracht. Die endet diesen Monat. Es werden Routenvorschläge analysiert und die Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung untersucht. Es wurden sogenannte Fokusgruppen befragt, einmal in Drolshagen, einmal in Lennestadt. Ich war mit dabei und war überrascht, wie positiv die Einstellung zu dieser neuen Technik ist. Von ganz jung bis ganz alt haben wir befragt. Ich hatte vermutet, dass einige doch etwas reserviertet gewesen wären. Aber dem war nicht so.

Nach den Ergebnissen der Studie, wie geht es weiter?

Wir haben das Ziel, diese Erkenntnisse insgesamt weiterzuentwickeln. Es soll einen Probebetrieb geben. Und zwar in Lennestadt und Drolshagen. Wir sind hier noch in der Planung.

Können Sie schon sagen, wann der Probebetrieb starten soll?

Wenn alles gut läuft, wahrscheinlich noch in diesem Jahr.

Und wie würde das ablaufen?

Also der Elektrobus fährt dann nicht nur wie am Wochenende knapp 400 Meter, sondern mehrere Kilometer. Wir versuchen daraus weitergehende Erkenntnisse zu gewinnen, ob man dieses System so weiterentwickeln kann, dass man es flächig einsetzen kann. Das ist unser Hauptziel. Schauen, ob wir über diesen Weg eine Tür-zu-Tür-Beförderung einrichten können. Damit könnte man auch kleinere Orte bedienen, die heute ausgeklammert sind. Wir haben derzeit in den Nahverkehrsplänen eine Grenze von 250 Einwohnern, das heißt, dass Orte unter dieser Einwohnerzahl derzeit keinen Anspruch auf eine ÖPNV-Bedienung haben.

Also die Emilys der Zukunft sollen das ÖPNV-Angebot ergänzen und nicht ersetzen?

Ja, genau.

Und rein praktisch gesehen, wie soll diese Tür-zu-Tür-Beförderung funktionieren?

Man bringt letztendlich über eine App – so stellen wir uns das vor – sein Mobilitätsbedürfnis auf den Markt. Dann würde die App dem Kunden eine Empfehlung geben. Also zum Beispiel „Nutze die Emily von A nach B und fahre von dort weiter mit der Eisenbahn. Am Ziel nutze dann weiter den Bus oder gehe die letzten Meter zu Fuß.“

Eine gute Sache also für Senioren?

Ja, natürlich. Die Emily hat auch eine Rampe. Da können auch beeinträchtigte Menschen mitfahren.

Wann könnte der Elektrobus denn tatsächlich flächig eingesetzt werden?

Das ist ein Blick in die Glaskugel. 2030 halte ich aber schon für realistisch. Sollten wir im Rahmen des Probebetriebs feststellen, dass dies nicht der richtige Weg ist, müssen wir andere Ideen entwickeln, um uns für die Zukunft aufzustellen. Da müssen wir schon was tun. Stillstand ist Rückstand. Was uns auch wichtig ist: Wir wollen bei dem Probebetrieb unsere Industrie mit einbinden. Wir sind ja eine Region, die im Sektor Automobilzulieferung sehr stark ist. Vielleicht ergeben sich da neue wirtschaftliche Ansatzpunkte. Das Fahrzeug Emily wurde zwar in Frankreich produziert, aber wieso sollten derartige Fahrzeuge nicht auch bei uns hergestellt werden können.

Der Demonstrationsbetrieb mit Emily am Samstag und Sonntag, wie läuft das ab?

Die Strecke auf der Gerberstraße in Drolshagen ist 400 Meter lang und wird für den Demonstrationsbetrieb gesperrt. Es gibt drei Haltepunkte, an denen die Menschen ein- und aussteigen können. Am Samstag geht es um 11 Uhr mit dem offiziellen Programm los. Der Demonstrationsbetrieb wird um 11.45 Uhr starten. Ende ist um 18 Uhr. Am Sonntag fährt der Elektrobus zwischen 10 und 18 Uhr. Von 13 bis 14 Uhr ist jeweils eine Pause vorgesehen, um u.a. den Bus aufladen zu können – aber der Name Emily steht übrigens für unsere Region noch gar nicht fest.

Nicht?

Der Elektrobus hat diesen Namen in Berlin getragen. Wenn kein anderer gefunden wird, wird es dabei bleiben. Es geisterte auch schon mal „Droli“ durch die Gegend. Aber wir schauen mal, was dabei rauskommt. Es soll ja schließlich ein Name sein, der Drolshagen und Lennestadt zugleich anspricht. Der Name wird voraussichtlich am Samstag bekanntgegeben.

Das ist schon eine tolle Sache. Und eine Ehre für die Region, oder?

Absolut. In Südwestfalen ist das einmalig. Es gibt in Mainz am Rheinufer so ein Fahrzeug und auch am Flughafen Weeze. Das Projekt war eigentlich gar nicht für unsere Region vorgesehen, sondern sollte im Ruhrgebiet durchgeführt werden. Durch einen Zufall war dort die Finanzierung nicht mehr gegeben. Über ein Gespräch im Rahmen der Regionale 2025 ist man auf das Projekt des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) in Berlin aufmerksam geworden. Wir haben eine Machbarkeitsstudie bei InnoZ in Auftrag gegeben. Nunmehr sind wir dabei, eine finanzielle Regelung für den Probebetrieb zu finden.

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