Einzelhandel

Dieses Spielwarengeschäft gibt es in Olpe seit 90 Jahren

In Jörg und Uschi Sondermanns Geschäft schlagen Kinderherzen höher.

In Jörg und Uschi Sondermanns Geschäft schlagen Kinderherzen höher.

Foto: Verena Hallermann / WP

Olpe.  Trotz der Konkurrenz des Internethandels existiert der Fachhandel der Familie Sondermann noch heute. Das ist ihre Strategie:

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Bis zur Decke reichen die Regale mit dem Spielzeug. Jedes bietet eine andere Überraschung. Teddybären mit kugelrunden Augen sitzen in der Vitrine. In einer Pappschachtel lagern Dosen mit Wunderknete. Autos, Playmobil-Figuren, Lego-Steine – alles scheint nur darauf zu warten von neugierigen Kinderhänden inspiziert zu werden. Hinter dem Tresen steht Jörg Sondermann. Ihm gehört das Spielwarenfachgeschäft in Olpe. So wie einst seinem Vater und Opa.

Doch wie schafft es der Einzelhändler, sich in Zeiten des Internethandels zu behaupten? Unsere Zeitung war vor Ort und durfte auch einen Blick in die Abstellkammer werfen.

Suche nach Nischen

Die Helium-Luftballons sind noch recht neu im Sortiment. Sondermann verkauft sie in allen möglichen Formen und Farben. Für einen Geburtstag, eine Geburt oder eine Hochzeit beispielsweise. „Das läuft richtig gut“, erzählt der Inhaber. „Wir versuchen immer eine Nische zu finden. Bei uns gibt es teilweise Dinge, die eher selten zu finden sind.“ Neben ihm reicht seine Frau Uschi die nächsten überdimensional großen Ballon-Zahlen über die Theke. Natürlich könne man die auch im Internet kaufen, sagt sie. Aber der Einzelhandel vor Ort sei dann doch die sicherere Variante. „Erst heute morgen kamen Kunden zu uns, die Ballons online bestellt hatten, die Lieferung aber nicht angekommen ist“, erzählt Uschi Sondermann. „Da konnten wir natürlich helfen."

90 Jahre gibt es das Geschäft nun schon. Großvater Fritz Sondermann hatte das Unternehmen 1928 gegründet. Damals verkaufte er hauptsächlich Eisenwaren, Werkzeuge und Waschkessel. „Teilweise habe ich heute noch Artikel im Keller, die der Opa bestellt hat“, erzählt der 51-Jährige. „Eisenwaren sind zwar rückläufig, aber ich könnte es nicht übers Herz bringen, hier was wegzuschmeißen.“ Als das Haus an der Bahnhofstraße im Krieg 1945 durch eine Bombe zerstört wurde, musste sein Großvater wieder von vorne anfangen. Es waren noch nicht mal wieder Fenster drin, da verkaufte er schon wieder seine Waren. 1950 stieg Rolf Sondermann ins Geschäft ein. Der Sohn des Gründers. Mit ihm zogen auch die Spielwaren ein.

Viele Kindheits-Erinnerungen

Jörg Sondermann hat das Geschäft 2000 übernommen, wohnt mit seiner Familie in einer Wohnung über dem Laden. Auf Spiel- und Haushaltswaren hat er sich spezialisiert. Erinnerungen an früher hat er viele. „Ich weiß noch, wie die Blumentöpfe mit der Holzwolle angekommen sind und ich diese verbrennen durfte“, erzählt er. „Und ich habe immer Cowboy und Indianer mit den Timpo-Figuren gespielt. Heute sind das Sammlerstücke und richtig teuer.“

Aber einiges hat sich nicht verändert. Der Ravensburger Klassiker Malefitz liegt heute noch in den Regalen, sieht genauso aus wie früher. Das Lächeln der Kinder, wenn sie den Laden betreten. Die Freude am Spielen, die die ganze Familie Sondermann teilt.

Rückläufige Kundenzahlen

Der Familienbetrieb läuft noch immer gut. Vor allem wegen der breiten Stammkundschaft. Die Sondermanns kennen viele ihrer Kunden persönlich, begrüßen sie mit Namen. Hier wird mal ein Pläuschchen gehalten, da mal was auf dem kurzen Dienstweg geklärt. Genau diese Nähe zum Kunden ist es, was die Sondermanns so an ihrer Arbeit lieben. Doch immer häufiger ist der lokale Einzelhandel die zweite Wahl, bemerkt Jörg Sondermann. Denn die Kundenzahlen sind rückläufig. „Unsere Familie hat hier sehr viel Herzblut reingesteckt“, erzählt Sondermann, der selbst zwei Kinder hat. „Der Vorteil ist, dass das hier Eigentum ist. Mit Pachtkosten würde sich das schon gar nicht mehr rentieren.“ Sorgen um die Zukunft macht er sich aber noch keine. Die nächsten Jahre wird er zusammen mit seiner Frau im Laden stehen, sagt er. Aber eine vierte Generation des Familienbetriebes werde es wohl nicht mehr geben.

Der goldene Nagel

Bald steht wieder Inventur an. In einem Geschäft mit unzähligen Einzelteilen ist dies eine echte Herausforderung. Jedes Einkochglas, jeder Hackenporsche, jede Milchkanne, jede handgeschmiedete Eisenpfanne und sogar jedes einzelne Mensch-ärgere-dich-nicht-Figürchen muss gezählt werden. Tausende Artikel. Ohne Scanner. Nur mit Stift und Papier. „Da sind wir eine Woche mit beschäftigt“, erzählen die Sondermanns. „Aber wir machen das ja gerne.“

Es gibt nur einen einzigen Artikel in dem kleinen Spielwarenladen an der Bahnhofstraße in Olpe, der unverkäuflich ist. Im Anbau gibt es noch eine kleine Abstellkammer. Dort lagern die Sondermanns Karnevalsartikel, die auch immer wieder für Junggesellenabschiede gebraucht werden, auf Vorrat. Inmitten der bunten Perücken und Masken hängt ein alter, grauer Kittel. Es ist der Kittel, den sein Vater immer getragen hatte. Damals noch mit Bleistift hinterm Ohr.

Als er das Geschäft an seinen Sohn übergab, hatten seine Kegelbrüder seinen Kittel an einem goldenen Nagel im Geschäft aufgehangen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben