Wirtschaft

„Ein trauriges Kapitel“: Letzte Schicht bei DURA in Selbecke

Fast Idyllisch liegt das DURA-Werksgelände im Selbecker Tal. Nun ist Schluss. Die Eingangstür in das Werk bleibt nach der letzten Schicht am Dienstag geschlossen.  

Fast Idyllisch liegt das DURA-Werksgelände im Selbecker Tal. Nun ist Schluss. Die Eingangstür in das Werk bleibt nach der letzten Schicht am Dienstag geschlossen.  

Foto: Volker Eberts

Selbecke.   Das Selbecker Metallwerk wird nach 64 Jahren geschlossen. Für viele Arbeitnehmer ist die Zukunft ungewiss, der Altersdurchschnitt liegt bei 53.

Ein Lkw nach dem anderen fährt vor dem DURA-Werk in Selbecke im Kreis Olpe vor, um kurze Zeit später voll beladen wieder in die Ferne zu starten. Es sieht aus wie in den guten Zeiten. Doch der Schein trügt. „Wir verladen Ersatzteile, Maschinen und Werkzeuge in das Werk in Carregada in Portugal“, erklärt Martin Ziegart, stellvertretender Werkleiter. Es sind die letzten offiziellen Betriebsaktivitäten auf dem DURA-Gelände. Denn am Dienstag ist Schluss, dann wird das Werk in der Gemeinde Kirchhundem endgültig geschlossen.

Für Dienstagmorgen hat der Betriebsrat alle Noch-Mitarbeiter und Ehemaligen zur letzten Schicht, zum Abschied auf dem Werksgelände eingeladen. Einen großen Bahnhof mit vielen Promis wie im Dezember bei der letzten Schicht im deutschen Steinkohlebergbau wird es wohl nicht geben. Dabei ist der Anlass sicher ebenso traurig. Mehr noch: „Wir waren hier immer produktiv, aber wird sind in den Strudel von Plettenberg geraten“, so Ziegart.

Noch vor fünf Jahren arbeiteten 300 Beschäftigte im DURA-Zweigwerk in Selbecke, im Hauptwerk in Plettenberg gar 1500. Blenden und Zierleisten für fast alle namhaften Automobilhersteller von Audi bis Volvo wurden in Selbecke produziert.

Im November 2015 sorgten Nachrichten über geplante Entlassungen für erstes Entsetzen. Es war der Anfang vom Ende. Vor einem Jahr hatte sich die Belegschaft in Selbecke schon auf rund 140 Beschäftigte reduziert. Am 24. April 2018 verkündete die Geschäftsleitung dann die Schließung der beiden Sauerländer Werke zum 30. April 2019. Hohe Verluste von 160 Mio. Euro, ausbleibende Neuaufträge und ein Großbrand im Plettenberger Werk im September 2017 wurden als Gründe genannt. Alle Anstrengungen von Arbeitnehmerseite, die Werke doch noch zu retten, fanden im Konzern kein Gehör.

Seit der Bekanntgabe der Schließung ist die Stimmung auf den Tiefpunkt gesunken, der Krankenstand schnellte auch in Selbecke in die Höhe. Bis vor zwei Wochen wurden noch Dachleisten für den Opel Corsa produziert, dann begann bereits die Räumung. „Hier ist es tot, die Werkbänke sind leer, viele Schraubstöcke abgebaut“, erklärt Andreas Schulte, stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrats. Den firmeneigenen Defibrillator hat das Unternehmen bereits an die Dorfgemeinschaft Selbecke übergeben.

Noch keinen Cent gezahlt

Für die letzten 60 bis 80 Leute, die das Unternehmen noch nicht freiwillig verlassen haben, ist das Kapitel DURA noch nicht endgültig beendet. Für nicht wenige geht es in den nächsten Wochen vor dem Arbeitsgericht um Abfindungszahlungen. „Im Moment hat noch keiner einen Cent gesehen“, so Dirk Rullich von der IG Metall in Olpe, der die DURA-Belegschaft seit vielen Jahren betreut. Wie die Verfahren ausgehen werden, ist ungewiss. Mehrere Klagen gegen die Kündigungen und auf die Zahlung einer Abfindung wegen angeblicher Verfahrens- und Formfehler wurden erst im Januar durch das Arbeitsgericht abgewiesen.

Für viele Beschäftigte wird DURA die letzte Station in ihrem Arbeitsleben bleiben, der Altersdurchschnitt im Selbecker Werk liegt bei rund 53 Jahren. Viele gehen in Rente oder befinden sich bereits in Altersteilzeit, so wie Martin Ziegart. Der 61-Jährige ist seit 47 Jahren dabei, begann 1972 eine Lehre als Werkzeugmechaniker bei der Firma Schade. Auch Andreas Schulte (53) hat Glück. Er hat bei der Firma HERA in Böminghausen eine neue Anstellung gefunden. 35 Jahre lang, seit dem Beginn seiner Lehrzeit, ging der Werkzeugmacher zu Fuß zur Schicht, bis 2006 zusammen mit seinem Vater, der ebenfalls bei DURA beschäftigt war. „Jetzt brauche zum ersten Mal ein Auto für den Weg zur Arbeit“, sagt er.

Andere sind nach wie vor auf der Suche nach einer neuen Beschäftigung. Ob alle woanders unterkommen werden, ist fraglich „Um die Älteren wird sich kaum jemand reißen, sie einzustellen“, weiß Dirk Rullich von der IG Metall. Andererseits werden gute Facharbeiter in der Region dringend gesucht.

Am Dienstag wollen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um 10 Uhr in Selbecke zur letzten Schicht treffen. „Wir rechnen mit 50 bis 70 Leuten, vielleicht kommen noch ein paar Rentner“, so Andreas Schulte. Es gibt Bratwurst und Getränke, Feierstimmung wird kaum aufkommen. Dirk Rullich: „Das ist am Dienstag für alle, auch für mich, ein trauriges Kapitel.“

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