Anti-Aggressivitätstraining

Der einzige Mann in Südwestfalen, der die Straftäter zähmt

Der Anti-Aggressivitätstrainer Hanjost Völker zeigt uns ein Geschenk eines seiner Kurs-Teilnehmer. Die Botschaft auf dem Zettel ist durchaus positiv gemeint. Heißt so viel wie „Mensch, war geil mit dir“.

Der Anti-Aggressivitätstrainer Hanjost Völker zeigt uns ein Geschenk eines seiner Kurs-Teilnehmer. Die Botschaft auf dem Zettel ist durchaus positiv gemeint. Heißt so viel wie „Mensch, war geil mit dir“.

Foto: Verena Hallermann

Olpe/Attendorn.  Hanjost Völker ist Anti-Aggressivitätstrainer. In der JVA in Attendorn hat er es mit Kriminellen zu tun. Er erzählt von seinen härtesten Fällen.

Hanjost Völker muss sich so einiges anhören, wenn er mit den Jungs im Gruppenraum sitzt. Schimpfwörter und Beleidigungen gehören beinahe noch zu den harmlosen Varianten. Aber der Anti-Aggressivitätstrainer vom ­katholischen Sozialdienst (ksd) ­Olpe bleibt cool. Immer. Selbst wenn ihm einer der Jungs Tipps geben will, wie man einen Menschen am besten aufschlitzt. „Ich spreche die Sprache der Männer, lasse mich auf deren Niveau ein“, erklärt er. „Wenn du denen sagst, ‘hey, sowas macht man aber nicht’ hast Du schon verloren.“ Wer die Jungs sind, mit denen er zu tun hat, hat uns der Diplom-Sozialpädagoge im Gespräch verraten.

Hanjost Völker ist 61 Jahre alt, groß und von kräftiger Statur. Die Jungs und Männer in seinen Kursen im Gruppenraum der ksd Olpe ­haben Respekt vor ihm. Auch in der JVA Attendorn gibt er Kurse. Und die haben es in sich. Dort sitzen die „harten Jungs“, die sich irgendwo zwischen Rambo und Versager einstufen. Das macht sie unberechenbar. Sie haben auf andere Menschen eingeprügelt, ihnen schwere Prellungen im Schädel zugefügt, deren Jochbein gebrochen. Sie treten auf ihre Opfer ein, wenn sie schon am Boden liegen. Auch Totschläger ­sitzen Hanjost Völker gegenüber. Menschen ohne Hemmschwelle.

Gestörte Impulskontrolle

Zu seiner Arbeit gehören Provokationstests. „Heiße Stühle“, nennt er das. Die Herausforderung ist simpel, aber für die Männer echt schwer: Einfach sitzen bleiben, während die anderen Teilnehmer versuchen, einen in ihren Reihen zu provozieren. Und das nicht zu knapp. Sätze wie „dein Sohn schämt sich für dich“ oder „deine Freundin geht auf den Strich“ fallen dort. So ein Provokationstest ist einmal beinahe schief gegangen, erzählt der einzige aktive Anti-Aggressivitätstrainer im Raum Südwestfalen. Einer der Kurs-Teilnehmer wollte auf ihn drauf. Vier Männer mussten ihn zurückhalten. „Ich habe keine Angst, aber Respekt vor der Situation“, sagt der Profi, der in Siegen wohnt. „In diesem Fall hätte ich mich schon massiv zur Wehr setzen müssen.“

Er hat den Mann nicht aus seinen Kurs geworfen. Ein Einzelgespräch folgte und dann war die Situation auch schon wieder geklärt, erzählt Völker. „Eigentlich kann ich ganz gut einschätzen, wie weit ich gehen kann“, sagt er. „Aber er ging gleich an die Decke.“ Sie alle haben eine völlig gestörte Impulskontrolle, führt der Experte aus. Sie sind beziehungs- und bindungsunfähig. Häufig säuft der Vater, die Mutter prostituiert sich. Mit Begriffen wie Vertrauen oder Beziehung können sie nichts anfangen. Eben weil sie es nicht anders kennen.

Täterarbeit ist Opferschutz

Hanjost Völker muss fair, berechenbar und authentisch rüberkommen. Er sagt den Jungs und Männern, die in der Regel zwischen 18 und 40 Jahre alt sind, auch ganz direkt, wenn sie sich „wie ein Arschloch“ verhalten, spricht wie sie von „Bullen“, nicht von Polizei. Eben um eine gemeinsame Ebene zu finden. Denn häufig sind sie schon durch viele Pädagogen-Hände gegangen, wissen ganz genau, was diese hören wollen. Und wenn einer der Teilnehmer ihn fassungslos anschaut und sagt „Sie ticken doch nicht mehr ganz sauber“ bleibt er gelassen und antwortet „Ja, färbt halt ab.“ Es geht bei Völkers Kursen um viel mehr als Resozialisierung. „Täterarbeit ist immer Opferschutz“, betont der 61-Jährige. „Die Männer gehen hier nicht als brave Jungs raus. Aber es ist immer noch ein Unterschied, ob ich jemanden aufschlitze oder ihm eine Ohrfeige verpasse.“

Fünf Monate lang kommen die Jugendlichen oder Männer, die ihre Bewährungsauflagen einhalten müssen oder in der JVA ­Attendorn einsitzen, wöchentlich eine bis eineinhalb Stunden in seinen Kurs. Es gibt klare Regeln. Kappe ablegen, Handy ausschalten gehört auch dazu. Seine Arbeit besteht vor allem aus reden. Er macht Übungen mit ihnen, die zeigen, dass sie selbst für ihre Handlungen verantwortlich sind. Immer nach dem Prinzip: Täter achten, Tat ächten. Sexualstraftäter gehören nicht dazu. Das ist ein Fall für die Therapeuten. Auch Frauen haben bei den Gruppengesprächen nichts verloren. Für sie bietet er Einzeltrainings an. „Frauen werden anders gewalttätig“, berichtet Völker. „Sie kratzen, treten, spucken, beißen auch mal ins Gesicht. Häufig agieren sie aber auch eher unentdeckt.“

Hanjost Völker ist verheiratet, hat zwei Söhne und drei Enkeltöchter. Auf der Fahrt nach Hause kriegt er wieder den Kopf frei, erzählt er. Denn seine Erlebnisse innerhalb seines Berufes nimmt er nicht mit nach Hause.

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