Tradition

Das Beiern im Glockenturm der Olper Martinus-Kirche

Vorbereiten zum Beiern. Jörg Sondermann und Florian Gomolla ziehen den Klöppel von St. Maria mit Spanngurten nah an den Glockenkörper.

Vorbereiten zum Beiern. Jörg Sondermann und Florian Gomolla ziehen den Klöppel von St. Maria mit Spanngurten nah an den Glockenkörper.

Foto: Birgit Engel / WP

Olpe.  Nur einmal im Jahr, am Vorabend des Sebastianus-Tages, werden die Glocken händisch zum Klingen gebracht. Dann wird in Olpe gebeiert.

Es sind über 100 Stufen. Erst aus Stein und dann aus Holz, leiterähnlich und ziemlich schmal. Der Blick nach unten kann dabei Angst machen, muss er aber nicht. Denn alles ist stabil und wird regelmäßig geprüft. Hat man den Aufstieg geschafft, bekommt man einen spannenden Einblick in die Glockenstube von St. Martinus. Über 50 Meter hoch hängen hier auf zwei Ebenen St. Martin, St. Rochus, St. Agatha und St. Maria. Letztere nennen manche Bürger auch, und es ist durchaus liebevoll gemeint, die „dicke“ Maria, weil sie die größte und mit über 2000 Kilogramm Gewicht die schwerste der vier Glocken der Pfarrkirche ist, die mit ihrem Geläut das Leben aller Olper täglich begleiten, die Zeit ansagen, zur Messe rufen und besonderen Ereignissen ein festliches Gepräge geben. Sie läuten zur Taufe, zur Kommunion, zur Hochzeit und auch zum letzten irdischen Weg. Das alles passiert elektrisch. Nur einmal im Jahr, am Vorabend des Sebastianus-Tages, werden sie händisch zum Klingen gebracht. Dann wird in der Kreisstadt gebeiert. So wie vergangenen Sonntagabend.

Das Beiern (= bellen oder anschlagen) hat seinen Ursprung im französisch-niederländischen Raum und soll im 15. Jahrhundert ins Sauerland gekommen sein. Erste Nachweise für das Einläuten des Sebastianus-Tages in Olpe finden sich im Rechnungsbuch der Schützen aus dem Jahr 1837. Eine erste Beschreibung des Brauchs des Beierns dann 1933 in einer Hauptbucheintragung.

Tradition kam zum Erliegen

Anfang der 1950er Jahre kam die Tradition des Beierns allerdings zum Erliegen und wurde vor fünf Jahren vom Spielmannszug St. Sebastianus Olpe wiederbelebt. „Wir wissen nicht, welche Melodien damals gespielt wurden. Der ehemalige Hauptmann Klaus Harnischmacher allerdings konnte uns noch erzählen, seinen Vater einmal in den Glockenturm begleitet und dabei Kreidezahlen auf den Glocken gesehen zu haben“, erzählt Markus Heider, einer der fünf Musiker, die die Idee entwickelt haben, die Glocken zum Sebastianus-Tag wieder manuell zu spielen. „Normalerweise wird beim Beiern die ruhende Glocke mit einem Klöppel angeschlagen. Wir haben es zunächst mit großen Kunststoffhämmern versucht. Der Klang dabei gefiel uns aber nicht. Jetzt nehmen wir Spanngurte, ziehen den Klöppel damit in die Nähe des Glockenkörpers und ziehen die letzten zehn Zentimeter mit einem Seil.“

Kraft und Konzentration

Eine Stunde bevor geläutet wird, treffen sich die Spieleleute in St. Martinus. Dann werden die Gurte gespannt, die Seilzüge befestigt und alle nötigen Vorbereitungen getroffen. „Im ersten Jahr haben wir ganz schön getüftelt“, erinnert sich Markus Heider, der auch die Melodien geschrieben hat, die heute erklingen. Neun Melodienabschnitte hat der Lehrer für Musik und Mathematik komponiert. Gar nicht so einfach bei nur vier zur Verfügung stehenden Tönen. Rochus spielt den Ton „a“, Agatha den Ton „Fis“, Martin den Ton „e“ und die „dicke“ Maria den Ton „d“, wobei ihr Klöppel mit seinen 105 Kilo von zwei Mann bewegt werden muss. Und dabei kommt man trotz der kalten Temperaturen im Turm ganz schön ins Schwitzen: „Wir brauchen nicht nur Kraft, sondern auch viel Konzentration, weil jeder von uns ja nur einen Ton spielt, und eben jeder aufpassen muss, wer wann dran ist und wir uns nicht angucken können.“

„Als ich an einem Sommertag“

Pünktlich um 18 Uhr erklingt dann die erste Melodie. Es sind die Anfangstöne des traditionellen Olper Schützenfestliedes „Als ich an einem Sommertag“. Aber auch der Refrain von „Wir sagen euch an den lieben Advent“ ist dabei. Ein Durchlauf dauert ungefähr 13 Minuten, dann ist Pause für das normale Schlagen der Viertelstunde. Danach folgt ein weiterer Durchlauf. Während die Spieleleute im Turm von St. Martinus kräftig beiern, versammeln sich Mitglieder des aktuellen und des ehemaligen Vorstandes des Schützenvereins sowie alte Könige vor der Pfarrkirche. Die Bürger der Stadt stehen in ihren Fenstern, um zuzuhören. Andere kommen zum Marktplatz, um die Tradition vor Ort mitzuerleben und bringen sich Thermoskannen mit warmen Getränken wie Glühwein mit.

Alle Glocken in der Stadt läuten

Ebenso läuten die übrigen Kirchen im Stadtgebiet mit ihrem elektrischen Geläut den Sebastianus-Tag ein. Und vor jeder von ihnen steht eine Abordnung des Schützenvorstandes. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Kirche des Pallottihauses, wo sich Major Peter Liese, Hauptmann Holger Harnischmacher und der aktuelle König einfinden. Hier nämlich hängt die Glocke, die dem heiligen Sebastianus geweiht ist und 1924 vom Schützenverein gestiftet wurde. Als 1941 die Gestapo die Auflösung des Klosters erwirkt hatte und die Bronzeglocken von St. Martinus beschlagnahmt und eingeschmolzen worden waren, kam sie in die Pfarrkirche, um 1949 schließlich wieder zurückzukehren.

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